Nadine Gordimer – Stimme aus Südafrika

Ein Gastbeitrag von Dr. Ben Khumalo-Seegelken, Dozent an der Universität Oldenburg

(Autor: Dr. Ben Khumalo-Seegelken)

Von den Sorgen des Alltags sei die Fußball-Weltmeisterschaft für die meisten Menschen in Südafrika eine willkommene Ablenkung gewesen, meint Nadine Gordimer, Menschenrechtlerin und bekannteste Schriftstellerin Südafrikas. „Nun müssen wir aber darauf achten“, mahnt sie jedoch, „dass die Freude über die gelungene Weltmeisterschaft nicht die Aufmerksamkeit von dem ablenkt, was wirklich wichtig ist: das Wohlergehen meiner Landsleute!“

Gordimer blickt mit Genugtuung zurück: Etwas aufmerksamer habe die Welt in diesen Wochen und Monaten hingeschaut und mitbekommen, wie es den Menschen im Gastgeberkontinent geht und mit welchen Fragen sich die meisten Schwarzen in der jungen Demokratie Südafrika täglich herumschlagen müssen.

Hunderttausende leben ohne Trinkwasser in Obdachlosensiedlungen am Rande der Metropolen, und Millionen sind ohne Einkommen. Seitdem die Apartheid vor fast 20 Jahren abgewählt wurde, hat sich in Südafrika neben der weißen Mittel- und Oberschicht auch eine kleine schwarze Mittel- und Oberschicht gebildet. Doch damit sind die Grundbedürfnisse der übergroßen Mehrheit nicht befriedigt; Arbeitsniederlegungen und Proteste gehören darum zum südafrikanischen Alltag.

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Info-Box:

Nadine Gordimer ist am 20. November 1923 in Springs in der südafrikanischen Provinz Gauteng geboren. Sie zählt zu den bekanntesten Schriftstellern Südafrikas und erhielt 1991 den Nobelpreis für Literatur. Ihre literarischen Werke beziehen sich auf die Apartheid und deren Folgen für die Gesellschaft Südafrikas. Schon zu Zeiten der Rassentrennungspolitik kritisierte sie öffentlich das weiße Minderheitsregime, sodass ihre Romane, Erzählungen und Essays mit Publikationsverboten belegt wurden. Ihr Engagement für die Rechte der schwarzen Mehrheitsgesellschaft brachte ihr viel Respekt aus den Reihen des damaligen Widerstandes und der heutigen Regierungspartei African National Congress (ANC) ein. Allerdings ist überliefert, dass sie aufgrund ihrer weißen Hautfarbe zu Apartheidszeiten auch beim ANC auf nicht viel Gegenliebe gestoßen ist. Nadine Gordimer ist eine beeindruckende Frau, die an zwei Fronten überzeugen musste und mit viel Mut, Ehrgeiz und Gerechtigkeitssinn ihren Kampf für ein gerechteres Südafrika bisweilen fortführt.

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© Nadine Gordimer (Quelle: Wikimedia)

Im Freudentaumel seien sich die Menschen, die seit dem Ende der Apartheid sonst immer noch getrennt leben und bisweilen gegeneinander um ihr Recht ringen müssen, näher gekommen und wurden als gemeinsame Ausrichter eines Großereignisses bewundert. Ob das Gefühl „wir gehören zusammen“ auch anhält, wenn Landsleute gleich nach dem Abpfiff wieder um denselben Job konkurrieren, wagt die 87jährige Johannesburgerin sehr zu bezweifeln. Gezeigt habe die WM jedoch, gibt Gordimer zu bedenken, „dass unsere Probleme und Spannungen unter den richtigen Umständen sehr wohl überwunden werden können.“ Die Stimmung in jenen Tagen könne als gutes Beispiel dafür dienen, „dass sich all die verschiedenen Volksgruppen in Südafrika für eine gemeinsame Sache begeistern können.“ Die Vision einer `Regenbogennation´ sei erlebbar gewesen.

Nadine Gordimer vergleicht den Tag, an dem Südafrika 1994 eine Demokratie wurde mit jener Nacht, „als die Mauer in Berlin fiel“. Sie mahnt aber, dass nicht vergessen werden darf, welchem Ausmaß von Erniedrigung und Ausbeutung die schwarze Bevölkerungsmehrheit bis dahin ausgesetzt war. Unvergesslich bleibt auch der Durchbruch, den der Freiheitskampf unter Nelson Mandela dem Land ermöglichte. Dass inzwischen aber nicht wenige die Macht missbrauchen, öffentliche Mittel veruntreuen und unverhohlen andere bedrohen, sieht die langjährige Weggefährtin Nelson Mandelas mit zunehmender Sorge.

Versäumnisse und Herausforderungen der letzten anderthalb Jahrzehnte beschäftigen sie. Ihr sei leider erst spät bewusst geworden, was angesichts der millionenfachen Ansteckung und Erkrankung an HIV und AIDS viel früher hätte unternommen werden sollen. Die Millionen Menschen aus den Nachbarländern, die auf der Suche nach Schutz und Zukunft ins Land Mandelas fliehen, bezeichnen eine weitere Herausforderung, dass Südafrika und seine Nachbarn zusammenarbeiten und den Ursachen der Flucht vorbeugen müssen. Die immer wiederkehrende fremdenfeindlichen Ausschreitungen, findet Gordimer beunruhigend; sie meint aber, dass sie „keine Ablehnung des Fremden“ seien, sondern Folge davon sind, dass dort „Menschen aus halb Afrika“ gegeneinander als „Rivalen um das eine Stück Brot“ auftreten.

Südafrika nach der Fußball-Weltmeisterschaft: Anlass zu Freude und Hoffnung, aber auch zu mancher Sorge.

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Dr. Ben Khumalo-Seegelken, Systematische Theologie
Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik
Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg
Ammerländer Heerstraße 114-118
D- 26129 Oldenburg
http://www.zsn.uni-oldenburg.de/39687.html

Eine Antwort zu “Nadine Gordimer – Stimme aus Südafrika

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