Aktion „MEIN SÜDAFRIKA“ – Beitrag #10

Hausbesuch mit Folgen. Eingereicht von Marlon Maas

Es handelt sich hierbei um einen Beitrag im Rahmen der Mit Mach-Aktion „Mein Südafrika“. Bis zum Ende August werden die Beiträge vorgestellt. Vom 01. September bis 20. September 2011 kann abgestimmt werden. Am 21. September erfolgt dann die Gewinnerverkündung und Preiszusendung.

Im Rahmen des „after care program“ des Baphumelele Respite Care Centre in Khayelitsha (einem Township nahe Kapstadts) führe ich unter der Woche mehrere Hausbesuche bei Patienten durch, die bald entlassen werden sollen. Es soll so festgestellt werden, ob es besonders schwerwiegende Dinge im Haus gibt, die man vor der Ankunft des Patienten in Ordnung bringen muss. Es ist wirklich immer wieder ein neues und vor allem spannendes Erlebnis, die Wohnkultur so nahe mitzuerleben. So komme ich manchmal in ein großes Steinhaus mit allem möglichen Dingen wie Fernseher, Waschmaschine usw. In dem sich um die 8 Menschen tummeln, zusammen kochen, fernsehen und sich um die kleinen Kinder kuemmern. Natuerlich geschieht all das nicht ohne eine maechtige Geraeuschkulisse.

Die Herzlichkeit die einem an so einem Ort entgegenschlägt, ist überwältigend. Sofort kommen Oma, Opa, Tochter, Enkel, zuerst auf den Patienten zugerannt, umarmen, schimpfen und küssen ihn, dann bin ich an der Reihe und die selbe Prozedur ergießt sich nun über mich. Oft begleitet mich auch ein Caregiver, um dem Sprachproblem vorzubeugen (Die Sprache der Bevölkerung in Khayelitsha ist Xhosa und gerade die älteren Menschen sprechen kaum Englisch,). Dieser Sprache mit ihren Klick-Lauten zu lauschen und selbst mal die kleinen Brocken einzuwerfen, die man mittlerweile gelernt hat – spannend! Es tut mir immer wieder Leid, wenn ich diese wunderschöne Atmosphäre irgendwann mit meinen sehr persönlichen Fragen zerstöre.

Wieviel Leute leben hier? Wer geht zu Schule? Wer hat Arbeit? Es gibt  aber auch die andere Seite der Hausbesuche. Eine Seite, die nicht freundlich, lachend und offen ist. Das wohl erschütternste Erlebnis erlebte ich in diesem Zusammenhang in Town Two in Khayelitsha Ich setzte mich mit Kenneth, einem Patienten, der die Tage zuvor aufgeregt herumgelaufen ist, mehr als bereit, wieder nach Hause zu fahren, ins Auto und wir fahren zu seiner Shack, die irgendwo in Town Two liegen soll. Da diese in einem „informal settlement“ liegt, nehme ich auch noch einen Caregiver mit und so fahren wir im ersten Gang über holprige Sandpfade, die so eng sind, dass ich große Mühe habe, keine der Shacks zu berühren.

Not macht Erfinderisch – dieser Spruch offenbart mir erst hier seine ganze Bedeutung. Ich sehe Shacks, die mit rostigen Wellblechen, Holz und Fernsehantennen zusammengehalten werden, Stromleitungen, die sich auf dem Weg schlängeln, provisorische Zäune, Reissäcke, die als Fenster dienen und immer wieder der Drang der Menschen, ihre Shack als Einzigartig darzustellen. So sind viele Blau, Grün, Rot – Malereien schmücken die Fassade…Als schließlich unser Auto im Sand stecken bleibt, führen wir unseren Weg zu Fuß fort. Ich werde wohl nie den Blick vergessen, den ich in Kenneths Gesicht sehe, als wir um die Ecke biegen. Der Blick eines Menschen, der vor den Überresten seiner Existenz steht. Vor uns erschließt sich ein Bild einer zusammengefallenen Shack. Selbst sein Bett ist in der Mitte zerbrochen. Der Caregiver, der mich begleitet, springt zu den Nachbarn und fragt, was vorgefallen ist. Keine befriedigenden Antworten. Ich rufe das Office an und versuche nüchtern die Situation zu schildern. Simphiewe, der Manager von Bonita, erklärt uns, dass Kenneth einen Bruder hat, der nicht weit entfernt von Town Two lebt und wir ihn zu ihm bringen sollen. Wir machen uns auf den Weg. Kenneth starrt ungläubig vor sich hin, als wir ihm versuchen zu erklären, dass wir ihn zu seinem Bruder bringen werden. Es scheint ihm egal zu sein.

Als wir die Shack seines Bruders erreichen, offenbart sich uns erneut ein Bild, welches man als unschön bezeichnen kann. Die Shack ist außen wie innen, in einem schlechten Zustand. Das Dach ist durchlöchert und überall dringt Regen ein. Wir sprechen mit seinem Bruder und dessen Frau, welche hoch schwanger ist. Beide sind entsetzt, als wir ihnen erzählen, was vorgefallen ist. Er meint selbstverständlich werde er seinen Bruder aufnehmen doch äußert er Bedenken, was geschehen soll, wenn sein kleines Kind geboren wird. Es ist einleuchtend, das es für ein Kleinkind nicht möglich ist, neben einem Mann die ersten Schritte zu gehen, der sich von Tuberkulose erholt und immer noch ansteckend ist.

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