Bonteheuwel – Töten oder getötet werden!

Rezension von „Gangster Project“, ein Dokumentarfilm von Teboho Edkins

(Autor: Ghassan Abid)

Gewalt, Drogen, Arbeitslosigkeit, Knast und Schusslöscher in sämtlichen Wänden. So stellt man sich das Alltagsleben einer Gemeinschaft vor, welche durch Gangster dominiert wird. Mit der Dokumentation „Gangster Project“ entführt der Regisseur Teboho Edkins den Zuschauer nach Bonteheuwel, einer der ärmlichsten und kriminellsten Vororten Kapstadts.

Im Januar 2010 begab sich Edkins mit einem Kameramann in eine Welt, wo das Leben im Knast schöner erscheint, als jenes an diesem tristen Ort. Bonteheuwel ist wie viele Orte in Südafrika in der Hand mehrerer Gangs. Ganze Straßenzüge stehen unter der Kontrolle einer bestimmten Gang – in Bonteheuwel herrschen Gangs wie Wonder Kids, Stupaboys, youngsters oder Junior Night Pigs über die Territorien und deren Anwohner. Im Kindesalter wird den Bewohnern dieses Suburbs bereits klar, dass die pure Gewalt für das eigene Überleben als scheinbar einzige Option übrig bleibt. Mit bestialischen Filmsequenzen, etwa dem Kampf von Hunden, schafft es Edkins den Zuschauer in eine Atmosphäre des anderen Südafrikas jenseits von TV-Glamour zu entführen.

© Gangster Project – Filmsequenzen (oberstes Foto: Hunde im Kampf, mittleres Foto: Gangster als Familienvater, unteres Foto: Jugendliche mit Schusswaffen)

Die Produktion verlief nicht ohne Risiko und wurde trotz der Skepsis der eigenen Eltern vom Regisseur durchgezogen. Edkins gelang das Eintauchen in diese Unterwelt mittels eines Insiders, welcher den Namen Thurston trägt. Denn war es dieser, der die Kontakte zu den verschiedenen Kollektiven des kriminellen Milieus ermöglichte. Mit Macho-Verhaltensweisen und verbalen Machtansprüchen wie „We have to fight“ (zu Deutsch: We müssen kämpfen) oder „We try to protect the area“ (Wir versuchen das Gebiet zu schützen) wird dem Außenstehenden klar, dass die soziale Situation in Bonteheuwel jederzeit und vor allem völlig unerwartet kippen kann. Edkins konfrontiert die Gangster ganz bewusst mit stereotypischen Gangster-Perzeptionen westlicher Lebenskultur, wonach ein Gangster beispielsweise jemand ist, der mit viel Charisma in Erscheinung tritt.

Gangster Project bringt den Zuschauer 55 minutenlang in eine völlig neue Dimension der Erkenntnis, in welcher der Tod allgegenwärtig ist. Edkins macht mit seiner Dokumentation klar, dass das Gangster-Dasein in erster Linie mit der Perspektivlosigkeit von jungen Menschen verbunden ist, die im Grunde genommen nach nichts zu verlieren haben. Die Gangster schauen nicht – wie unser eins – in die Zukunft, sondern lediglich in die Gegenwart.Ein Gangster will man nicht werden, sondern man muss es werden, um letztendlich überleben zu können. Mit dem Drogenkonsum wie TIK versuchen diese junge Menschen ihrer trostlosen Wirklichkeit zu entfliehen – wenn auch nur für wenige Stunden.

Teaser zur Dokumentation „Gangster Project“

Jeder einzelne dieser Protagonisten verdeutlicht letztendlich das Scheitern der südafrikanischen Regierung, diesem Problem Herr zu werden. Offen bleibt der Einfluss von Gangs auf die Rolle der Frauen, welche nach Berichten mehrerer NGOs in vielen Fällen Opfer von sexuellen Übergriffen durch Banden sind. Auch bleibt unklar, wie das Verhältnis der Gangster zu den eigenen Familienangehörigen ausgestaltet ist; was die Eltern von der kriminellen Karriere ihrer Sprösslinge halten.

„SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ empfiehlt Gangster Project als einen beeindruckenden, nachdenklich machenden und erschreckenden Film über den wahren Alltag von Millionen Südafrikanern, die nichts anderes kennen als Blut, Gewalt und die Furcht vor dem Tod. Absolut sehenswert!

7 Antworten zu “Bonteheuwel – Töten oder getötet werden!

  1. Thomas Schneider

    Super Doku von dem was ich bis jetzt gesehen habe und Super Artikel zum Film. Dank an Teboho Edkins dem Regisseur und dem Verfasser des Artikels. Endlich mal ein Gang Bericht über Südafrikanische Gangs

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  7. Ein sicher ähnlicher Film war der über die Nummern-Gangs in Townships, Brutal aber gut zu wissen, daß es das auch gibt.
    Was Eltern über ihre Gangster-Kinder denken, liest man äußerst beeindruckend in „Mother to Mother“ von Sindiwe Magona. Es geht um die Mütter der ermordeten Studentin Amy Biehl und die ihres Mörders.
    Mich hat besonders die Aussage beeindruckt „Warum mußte mein Sohn erst zum Mörder werden, um von der Regierung ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen zu bekommen“.

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