Kap-Kolumne: Tradition oder Tradition?

Südafrika pendelt zwischen erster und dritter Welt

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

In Südafrika leben bekanntlich die sogenannte erste Welt und die so genannte dritte Welt in unmittelbarer Nachbarschaft. Unter dem gemeinsamen staatlichen Dach gibt es aber auch neben den herrschenden bürgerlich-parlamentarischen auch ausgesprochen feudalistische Herrschaftsstrukturen. Die ANC-Regierung spielt auf beiden Klaviaturen. Kein einfaches Unterfangen. Dazu zwei aktuelle Beispiele aus dem nationalen Parlament in Kapstadt.

© Im Johannesburger Stadtteil Hillbrow befindet sich der Constitution Hill, das Verfassungsgericht Südafrikas. Diese Institution dient der Wahrung der verfassungsrechtlichen Bestimmungen, inbesondere die der Bürgerrechte. Sollte das Parlament in Kapstadt die Rechte von Schwulen und Lesben tatsächlich einschränken, so können die 11 Verfassungsrichter dieVereinbarkeit des Gesetzes mit der Verfassung prüfen . Das Verfassungsgericht hatte in der Vergangenheit bereits mehrfach auf Basis der Section 9 der südafrikanischen Verfassung im Interesse von Homosexuellen geurteilt. (Quelle: Chris Kirchhoff/ MediaClubSouthAfrica.com)

© Im Johannesburger Stadtteil Hillbrow befindet sich der Constitution Hill, das Verfassungsgericht Südafrikas. Diese Institution dient der Wahrung der verfassungsrechtlichen Bestimmungen, inbesondere die der Bürgerrechte. Sollte das Parlament in Kapstadt die Rechte von Schwulen und Lesben tatsächlich einschränken, so können die 11 Verfassungsrichter die Vereinbarkeit des Gesetzes mit der Verfassung prüfen. Das Verfassungsgericht hatte in der Vergangenheit bereits mehrfach auf Basis der Section 9 der südafrikanischen Verfassung im Interesse von Homosexuellen geurteilt. (Quelle: Chris Kirchhoff/ MediaClubSouthAfrica.com)

Südafrika rühmt sich, eine der fortschrittlichsten Verfassungen in der Welt zu besitzen. Dieses Grundgesetz ist jedoch nicht in Stein gemeisselt. Das Parlament lädt jedes Jahr via „constitutional review committee“ (Komitee zur Lage der Verfassung) dazu ein, Vorschläge für Ergänzungen einzubringen. Das National House of Traditional Leaders (NHTL) forderte jetzt das Parlament auf, den Schutz der Rechte von Schwulen und Lesben („sexual orientation“) aus der Verfassung zu streichen. Das NHTL ist eine Köperschaft des öffentlichen Rechts und vertritt die Interessen der Führer (Häuptlinge, Könige) in den herkömmlichen afrikanischen Strukturen, die sich vorwiegend auf dem Lande gehalten haben. Die „große Mehrheit“ der Bevölkerung, so Patekile Holomisa, „wolle keine Förderung und keinen Schutz für diese Dinge“. „Diese Dinge“, also Homosexualität, seien ein „Zustand, der dann auftritt, wenn bestimmte kulturelle Rituale“ nicht durchgeführt worden seien. Patekile Holomisa ist Chef des Congress of Traditional Leaders und ANC-Abgeordneter im Parlament. Praktischerweise steht er auch dem Verfassungskomittee vor. Er warnt, der ANC könne Stimmen verlieren, wenn die Verfassung weiterhin die Rechte von Schwulen und Lesben schützt.

In diese Gemengelage passt eine Gesetzesvorlage zur traditionellen Gerichtsbarkeit (Traditional Courts Bill). Diese Gerichtsbarkeit – im alten Sprachgebrauch auch „Stammesgerichte“ genannt – wird von den Häuptlingen und Stammesältesten ausgeübt, wobei der Häuptling das letzte und entscheidende Wort hat. Das Gesetz gibt den Traditional Courts verfassungsrechtlichen Status neben den ordentlichen Gerichten. Vehemente Gegner des Gesetzes, wie die Feministin und Autorin Pumla Gqola, argumentieren, dass damit faktisch zwischen 17 und 21 Millionen Menschen in Südafrika ihrer grundgesetzlichen Rechte beraubt würden. Das Gesetz würde ein gesondertes juristisches System für die ländliche Bevölkerung schaffen. 59 Prozent dieser Menschen seien Frauen, die dann einer ausgesprochen patriarchalischen Gerichtsbarkeit ausgesetzt wären. Dies drücke sich auch darin aus, dass Kritik und Vorschläge der Frauenbewegung auf dem Land (Rural Women’s Movement) beim Beratungsprozess über das Gesetz zwischen dem Staat und den Strukturen der traditionellen Führer vollkommen ignoriert wurden.

Das Wort Tradition stammt vom lateinischen tradere – trans ‚hinüber-‚ und dare ‚-geben‘. Dem ANC wurde in seiner 100-jährigen Geschichte so manches „hinübergegeben“, was die Organisation heute ausmacht. Dazu gehören demokratischen Strukturen, die den ANC dazu befähigt haben, unter seinem Dach beheimatete divergierende gesellschaftliche Gruppen und Klassen auf ein gemeinsames Ziel hin auszurichten. Die südafrikanische Verfassung ist Ausdruck dieses Zieles. Ich denke, diese Tradition wird sich am Ende durchsetzen.

6 Antworten zu “Kap-Kolumne: Tradition oder Tradition?

  1. Pingback: Kap-Kolumne: Ah! Zwelonke – Folklore oder mehr? | SÜDAFRIKA - Land der Kontraste

  2. also in Johanesburg fühle ich micht nicht mehr wohl, wenn ich in diesem schönen Land bin, dann gehe ich nur noch Kaptsadt

  3. Pingback: Johannesburg-Bloggerin Laurice Taitz im Interview | SÜDAFRIKA – Land der Kontraste

  4. Transformation of the Institution of Traditional Leadership Presentation Ms Tumi Mketi, Deputy Director-General, Department of Traditional Affairs, said that reasons for the establishment of the Department included the expanded mandate and a motion of no confidence taken against some of the leadership leading to their being unseated. In preparation for the assessment process, the Department had engaged a number of relevant stakeholders, such as Departments and Chapter 9 institutions. This engagement process started in October 2010 and looked at their roles and functions. It had visited all nine provinces and was aware that provinces such the Western Cape were not necessarily affected as there were no traditional leaders there. It had agreed with the National Heritage Council that commemoration of National Heritage Day should be lead by the Department and by the Department of Arts and Culture, supported by the National Heritage Council. Though this was unlikely to happen in this financial year, plans were afoot to ensure that this happened in the next financial year. A partnership model would be developed with the stakeholders which would be the basis for an integrated strategy between the Department and other stakeholders.

  5. Herzlichen Dank!
    Ein excellenter Artikel. Ich sehe als Deutscher, welcher seit mehr als 2J. In SA lebt, genau so. In Deutschland versuchen die Islamisten eine aehnliche Parallelgerichtsbarkeit aufzustellen.

    • Detlev Reichel

      @Albert Mueller
      Mit Vergleichen ist das so ’ne Sache. Die hinken meist auf einem Bein, manche haben gar keine.
      I beg to differ. Die Traditional Courts in Suedafrika sind, denke ich, nicht mit einer „Parallelgerichtsbarkeit“ von so genannten Islamisten in Deutschland zu vergleichen. Ob es derartiges in Deutschland tatsaechlich gibt, ist ohnehin fraglich. Aber, das steht auf einem anderen Blatt.
      Die Traditional Courts sind eine Tatsache und fester Bestandteil traditioneller afrikanischer Gesellschaftsstrukturen. Diese afrikanischen Lebensstrukturen haben sich auf dem Kontinent bis heute gehalten, mehr oder weniger. Der Kolonialismus und die mit der Ausbeutung der Bodenschaetze verbundene Industrialisierung hat natuerlich vieles von den afrikanischen Gesellschaftsformen zerstoert. Beispiel: Dorfgemeinschaften koennen nicht funktionieren, wenn alle arbeitsfaehigen Maenner das Jahr ueber in den Minen arbeiten. Stichwort: System der Wanderarbeit (migrant labour). Parallel dazu hat sich zudem eine staedtische schwarze Bevoelkerung herausgebildet mit anderen Lebensweisen, die viele Reibungsflaechen mit den althergebrachten aufweist.
      Das Regime der Apartheid trieb das Wanderabeitssystem auf die Spitze, in dem es nahezu die gesamte schwarze Bevoelkerung in „Bantustans“ verbannte und zu Auslaendern im „weissen“ Suedafrika erklaerte.
      Vor diesem historischen Hintergrund ist die heutige suedafrikanische Gesellschaft und ihre politischen Repraesentanten gehalten, die noch vorhandenen afrikanischen Lebensweisen und Traditionen zu respektieren. Die dabei zwanglaeufig auftretenden Konflikte auszutragen ist notwendig – nach den Regeln der Verfassung.

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