Exklusiv-Interview mit Südafrikas Botschafter

Makhenkesi A. Stofile über deutsch-südafrikanische Beziehungen, den Einfluss Chinas und Julius Malema

(Autoren: Ghassan Abid, Ranem, 2010sdafrika-Redaktion)

Vorwort: Das Interview mit dem südafrikanischen Botschafter in Deutschland, S.E. Herrn Makhenkesi Arnold Stofile, ergab sich relativ überraschend vor einigen Monaten am Rande einer politischen Veranstaltung in der Bundeshauptstadt. Auf schnellem Wege mussten ein Kameramann, die Erarbeitung von Interview-Fragen und weitere Dinge organisiert werden. Als Resultat dessen entstand aus der Spontanität heraus dieser Text- und Videobeitrag. Der Botschafter kannte die Fragen der Redaktion im Vorfeld des Interviews überhaupt nicht. Hierfür danken wir sehr!

THEMA: Deutsch-südafrikanische Beziehungen – eine gemeinsame Außenpolitik?

Hintergrund: Als Ergebnis der 7. Deutsch-Südafrikanischen Binationalen Kommission vom 7. und 8. Mai 2012 in Berlin, welche von Vizepräsident Kgalema Motlanthe und Bundesaußenminister Guido Westerwelle geleitet wurde, ist unter anderem die Etablierung einer neuen Fachkommission für Außen- und Sicherheitspolitik beschlossen worden. Ziel ist es, in außenpolitischen Fragestellungen eine gemeinsame Position beziehen zu können. Folglich lässt sich die Frage aufstellen, ob eine gemeinsame außenpolitische Agenda, getragen von Deutschland und Südafrika, überhaupt realistisch ist.

Zusammenfassende Antwort des Herrn Botschafters Stofile: Jedes Land hat eine eigene Auffassung von Außenpolitik. Außenpolitik kann nur erfolgreich und effektiv sein, wenn diese mit jenen Staaten gemeinsam diskutiert wird, die es auch betrifft. Um Missverständnisse in bestimmten politischen Feldern zu vermeiden, sollte ein enger Austausch und eine Kooperation in Erwägung gezogen werden. Außenpolitik ergibt sich aus der Souveränität eines jeden Staates.

THEMA: Chinesisch-südafrikanische Beziehungen

© Makhenkesi Arnold Stofile, Botschafter der Republik Südafrika in Deutschland, und Ghassan Abid, Geschäftsführender Chefredakteur von "SÜDAFRIKA - Land der Kontraste".

© S.E. Makhenkesi Arnold Stofile, Botschafter der Republik Südafrika in Deutschland, und Ghassan Abid, Geschäftsführender Chefredakteur von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“.

Hintergrund: China ist längst zum wichtigsten nationalen Handelspartner Südafrikas aufgestiegen. Auch in Militär, Wissenschaft, Politik und anderen Politikfeldern holen die Chinesen massiv auf. Der Westen droht seine Position am Kap zugunsten des Reiches der Mitte einzubüßen. Die Frage richtet sich demnach an die tatsächliche Bedeutung Chinas für Südafrikas Entwicklung.

Zusammenfassende Antwort des Herrn Botschafters Stofile: China ist ein sehr bedeutendes Land für die Entwicklung Südafrikas. Das Land verfügt über einen großen Markt, mit einer Bevölkerung von rund 1,6 Milliarden Menschen. China trage auch nicht die historische Last, die die Kolonialmächte aufweisen. Südafrika war niemals von China kolonialisiert. Vielmehr ist die Volksrepublik ein wichtiger Unterstützer Südafrikas. China will natürlich von Südafrika profitieren, etwa im Hinblick auf die Rohstoffe. Doch das Verhältnis zwischen China und Südafrika beschreibt er mit einem „Geben und Nehmen„.

THEMA: Machtkonflikte im Afrikanischen Nationalkongress (ANC)

Hintergrund: Der gegenwärtige Botschafter Südafrikas in Deutschland zählt zu den führenden ANC-Mitgliedern. Der ANC ist in den letzten Jahren zunehmend anhand seiner Machtkonflikte in die negative Berichterstattung gerückt. Vor allem die Debatte um den Ausschluss von Julius Malema, gegen den vor Kurzem nun Haftbefehl erlassen wurde, hat das parteiinterne Zusammengehörigkeitsgefühl deutlich geschwächt. Zum Einen forderte er den Sturz des Präsidenten von Botswana und zum Andern besuchte er den Despoten von Simbabwe unter freundschaftlichen Vorzeichen. Genauso hat Malema Präsident Jacob Zuma öffentlich diffamiert und als „Diktator“ beschimpft. Die Frage richtet sich auf die gegenwärtigen Herausforderungen des ANC und die Konfliktlinie Malema-Zuma.

Zusammenfassende Antwort des Herrn Botschafters Stofile: Die erste Herausforderung des ANC steht im Zusammenhang mit der Entwicklung einer zusammenhaltenden Partei, die die Ziele des ANC verwirklicht. Die Probleme der Menschen müssen gelöst werden, vor allem in sozio-ökonomischer Hinsicht. Themen wie Bildung, Dienstleistungserbringung durch den Staat, Arbeitsplatzschaffung, Kriminalitätsbekämpfung und andere müssen umgesetzt werden. Einige Mitglieder haben allerdings – „take one’s eye off the ball“ – den Blick auf die wesentlichen Dinge verloren.

Malema bezeichnet er mit dem Satz: „Julius Malema is just a young boy“. Er müsse noch als politischer Aktivist heranwachsen und zudem die Jugendliga leiten können. Er kann nicht sagen, dass die Nachbarn [Präsident Botswana] gestürzt werden müssen. Eine Revolution von Südafrikas aus steht den nachbarschaftlichen Beziehungen entgegen. Den Besuch Malemas in Simbabwe, wo er Stellung für eine der Parteien bezogen hat, kritisiert er. „Es lief falsch“, wird abschließend festgehalten.

Das Kind kann nicht im Widerspruch zu den eigenen Eltern auftreten, wird metaphorisch das gestörte Verhältnis zwischen ANC-Jugendliga und ANC erklärt. Die Jugendliga hat Probleme mit dem Verhältnis zur Mutterpartei; mit dem Verständnis des Begriffs „Autonomie„. Kritik ist angebracht, aber dies im Zusammenhang mit „Disziplin“. Julius Malemas negative Äußerungen gegen Präsident Jacob Zuma waren falsch. Der Botschafter hat „noch nie etwas vergleichbares aus anderen Staaten gehört.

Seiner Auffassung nach hat Malema keine Macht innerhalb des ANC, sondern lediglich die Unterstützung aus den Reihen der Jugendliga. Dennoch ist Jacob Zuma der Präsident der gesamten Partei, inklusive der Jugendliga. Malema steht es frei, bei einer ANC-Parteikonferenz seine Reintegration in Partei zu beantragen, wie es andere ANC-Mitglieder bereits erfolgreich taten.

Video-Interview mit Botschafter Stofile (in Englisch)

THEMA: Verwicklungen deutscher Unternehmen mit der Apartheid

Hintergrund: Die Verwicklung deutscher Unternehmen mit dem Unrechtsregime der Apartheid ist bisweilen historisch kaum erforscht bzw. von den betreffenden Unternehmen ignoriert worden. Auch die Bundesregierungen stehen bisweilen in der Kritik für ihr Engagement mit dem international geächteten Regime. In den USA haben Apartheidopfer gegen einige deutsche Unternehmen auf Entschädigung geklagt. Die Frage befasst sich mit der Bewertung der Beziehungen zwischen deutschen Unternehmen & Bundesregierungen und dem Apartheidregime.

Zusammenfassende Antwort des Herrn Botschafters Stofile: (West-)Deutschland und das Apartheidregime waren enge Verbündete. Die Beziehungen sind sehr alt; sie bestanden bereits seit dem zweiten Weltkrieg. Einige Provinzen wurden durch die Alliierten und die anderen durch die Nazis unterstützt. In den Telefonbüchern Südafrikas sind bisweilen viele deutsche Namen zu finden. Einige Südafrikaner kamen zum Studieren nach Nazi-Deutschland und waren beeindruckt von der Ideologie des Faschismus. Die Revolution wurde durch die Regierung der DDR , wie zum Beispiel durch Bereitstellung von Waffen und Training, unterstützt und das System der Apartheid durch die der Bundesrepublik.

Die Klagen von Apartheidopfern gegen deutsche Unternehmen in den USA lässt er weitgehend unbeantwortet, da er das Ausmaß der Entschädigungen nicht einschätzen kann. Nach dem „Population Registration Act“ aus der Apartheid, wonach die Bevölkerung in 10 Rassen differenziert wurden und die Afrikaner die letzte Kategorie darstellten, stellt sich die Frage, wer überhaupt alles entschädigt werden müsse. Denn die Chinesen, die eine eigene Kategorie ausmachten, wurden auch diskriminiert.

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