Kap-Kolumne: Koloniale Rückstände

Wenn Rückstände der Apartheid im neuen Südafrika fortbestehen – zu Lasten der Arbeiter

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger Westberliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Früh morgens auf dem Parkplatz vor dem Pick’n’Pay-Supermarkt in Thabazimbi: Hunderte Männer und Frauen warten und hoffen auf Arbeit. Malocher für die Melonenernte, zum Ausheben eines Grabens, zum Rasenmähen oder Heckenschneiden, für Handlangerdienste aller Art – Farmer, Bauunternehmer, private Hausbesitzer bedienen sich auf diesem Menschen-Markt. Alltag, auch im neuen Südafrika.

    © Die Beschäftigten mehrerer Wirtschaftszweige in Südafrika fordern mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen. Die Weingutarbeiter von De Doorns zum Beispiel fordern nicht nur 150 Rand pro Tag, sondern auch die Einführung der gesetzlichen 40-Stunden-Woche, die Abschaffung der Kinderarbeit unter 18 Jahre, bezahlten Mutterschaftsurlaub sowie einen Jahresurlaub von 21 Tagen. (Quelle: Swartland Wine Routes/ MediaClubSouthAfrica.com)

© Die Beschäftigten mehrerer Wirtschaftszweige in Südafrika fordern mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen. Die Weingutarbeiter von De Doorns zum Beispiel fordern nicht nur 150 Rand pro Tag, sondern auch die Einführung der gesetzlichen 40-Stunden-Woche, die Abschaffung der Kinderarbeit unter 18 Jahre, bezahlten Mutterschaftsurlaub sowie einen Jahresurlaub von 21 Tagen. (Quelle: Swartland Wine Routes/ MediaClubSouthAfrica.com)

50, 60 Rand verdienen diese Tagelöhner – das sind weniger als 5 bis 6 Euro – am Tag. Oft versorgt ein Arbeiter damit eine mehrköpfige Familie. Zu Recht fragt man sich: Wie soll das gehen? Es funktioniert für den Farmer oder den Bauunternehmer, der damit seine Betriebskosten niedrig hält. Für den Arbeiter funktioniert es nicht.

Ortswechsel: Im kleinen Städtchen De Doorns im Weinland von Western Cape streiken die Farmarbeiter seit zwei Wochen. Sie verlangen einen Tageslohn von 150 Rand. Auf den Weingütern arbeiten viele „Saisonale“, aber auch reguläre Farmarbeiter. Der Tageslohn beträgt derzeit plus/minus 70 Rand. Auch hier sind diese Arbeiter meist Versorger ihrer mehrköpfigen Familien – mit weniger als 7 Euro am Tag. Wie soll das gehen? Für die Besitzer der Weingüter funktioniert das prima. Insbesondere, seit das Ende der Apartheid ihnen neue Absatzmärkte beschert hat. Für die Arbeiter geht es auf Dauer nicht. Insbesondere, seit die Lebenshaltungskosten anscheinend unaufhaltbar ansteigen.

Es geht um mehr als den Lohn. Mindestlöhne, Arbeitszeiten und -bedingungen sind gesetzlich geregelt. Für den Farmsektor (Sectoral Determination 13 – SD13) bestehen zurzeit Regeln, die Folgendes erlauben: 45-Stunden-Woche plus 15 Überstunden, unbezahlter Mutterschaftsurlaub, Kinderarbeit zwischen 15 und 18 Jahren, 15 Tage bezahlter Jahresurlaub, nicht mehr als zwölf Krankheitstage pro Jahr. Der Mindestlohn für SD13 beträgt derzeit 1.503 Rand im Monat. Und es gibt tatsächlich immer noch Farmbesitzer, die sich nicht einmal an diese Regeln halten.

Die Weingutarbeiter von De Doorns fordern nicht nur 150 Rand pro Tag. Sie verlangen die Einführung der gesetzlichen 40-Stunden-Woche, die Abschaffung der Kinderarbeit unter 18 Jahre, bezahlten Mutterschaftsurlaub sowie einen Jahresurlaub von 21 Tagen.

Diesmal sind die Gewerkschaften zum Glück von Anfang an dabei und tragen die Forderungen der Arbeiter mit. Eine zweites Marikana kann sich das demokratische Südafrika nun wahrlich nicht leisten.

Der Widerstand gegen nicht beseitigte Rückstände der Kolonial- und Apartheidzeit zeigt sich in diesen Tagen auch noch woanders. Am Rande von Lenesia gibt es derzeit heftige Proteste gegen den Abriss von Wohnhäusern. Die Provinzregierung von Gauteng sieht sich mit dieser Bulldozerpolitik im Recht, weil die Häuser illegal auf Regierungsgrund gebaut worden seien. Die Bewohner hingegen bestehen darauf, sie hätten diese Häuser im guten Glauben gekauft. Wie aber konnten die Bauherren diese offenbar illegale Bautätigkeit unter den Augen der Behörden durchführen? Nun ja, das Wort Korruption gehört hierzulande nicht zu Unrecht zum Alltagssprachgebrauch. Immerhin, ein Gericht hat den Abriss einstweilen gestoppt.

Lenesia, ein sogenanntes Township für Inder am Stadtrand von Johannesburg, ist ein Produkt der Apartheid. Auch heute noch leben dort vorwiegend indischstämmige Südafrikaner. So wie in Soweto und anderen Townships haben sich auch in Lenesia sogenannte Stadtentwickler breitgemacht, denen es eher um den schnellen Profit, als um die Entwicklung einer menschenfreundlichen Stadt geht. Die Wohnhäuser, um die es hier geht, sind sogenannte Low-Cost-Bauten für weniger Betuchte, die man nun anscheinend aus der unmittelbaren Nachbarschaft einer zu Wohlstand gekommenen Mittelschicht entfernen will. Auch eine Art der „Stadtentwicklung“.

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Eine Antwort zu “Kap-Kolumne: Koloniale Rückstände

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