Kap-Kolumne: Die Tücken des Nahverkehrs

Des einen Leid ist des anderen Freud. Südafrika als Land nur für Frühaufsteher?

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger Westberliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Heute mal eine kleine Geschichte aus dem „Erste-Welt-Land“ Südafrika. Öffentlicher Nahverkehr in Südafrika – das ist `ne Sache für sich. Heute Morgen fahre ich also mit dem Öffentlichen von Pretoria-Nord nach Rivonia (Johannesburg). Klar, der Gautrain ist ein wunderbares Verkehrsmittel: Modern, schnell und bequem – wenn auch viel zu teuer. Aber über Preise will ich jetzt nicht schreiben. Zunächst muß ich vom Vorort Daspoort in die Stadt gelangen. Die Bushaltestelle ist eine Straße weiter. Tatsächlich kommt der Bus heute, um Punkt halb sieben morgens. An der selben Stelle hatte ich vor zwei Wochen, allerdings um halb acht. Eine ganze Stunde gewartet und kein Bus kam. Des Rätsels Lösung: Nach halb sieben morgens fährt hier kein Bus mehr in die Stadt, weil es sich offenbar nicht lohnt.

    © Der Gautrain verbindet Pretoria und Johannesburg miteinander. Als Prestigeprojekt der Regierung wird er von der einheimischen Bevölkerung nicht voll ausgelastet. Die Strecke ist für normale südafrikanische ÖPNV-Fahrgäste zu teuer. Kap-Kolumnist Detlev Reichel erläutert sein Erlebnis mit dem Gautrain. (Quelle: MedicaClubSouthAfrica.com)

© Der Gautrain verbindet Pretoria und Johannesburg miteinander. Als Prestigeprojekt der Regierung wird er von der einheimischen Bevölkerung nicht voll ausgelastet. Die Strecke ist für normale südafrikanische ÖPNV-Fahrgäste zu teuer. Kap-Kolumnist Detlev Reichel erläutert sein Erlebnis mit dem Gautrain. (Quelle: MedicaClubSouthAfrica.com)

Glück gehabt oder besser: Früh genug aufgestanden.

Der Busfahrer schaut mich etwas säuerlich an, als ich ihn nach der nächsten Gautrain-Bushaltestelle frage. Der teure Gautrain ist wohl nicht sehr beliebt bei den „normalen“ Beförderern. Doch der Mann verspricht, mich auszurufen.

Die Fahrt geht flott vonstatten trotz des wie gewöhnlich heftigen frühmorgendlichen Berufsverkehrs. „Gautrain!“ brüllt der Fahrer nach hinten. Ich bin tatsächlich die einzige Person, die hier aussteigt. Der Zubringerbus steht, oh Wunder, schon da, und weiter geht‘s zur Bahnstation.

Nach acht Minuten Wartezeit geht die Fahrt im voll besetzten Gautrain zügig weiter. In Sandton angekommen, die drei langen Rolltreppen nach oben, und in einen weiteren Zubringerbus in Richtung Rivonia. Auch hier rollt der übliche Berufsverkehr über die ewig lange Rivonia Road. Angekommen – nun sind‘s noch fünf Minuten Fußweg bis zum Büro. Ich schaue auf die Uhr. Knapp zwei Stunden sind vergangen, seit ich in Pretoria in den ersten Bus einstieg.

Zum Vergleich: Bei gleich günstigen Verkehrs- und Wetterbedingungen fahre ich die selbe Strecke mit dem Auto rund 45 Minuten. Der Zeitvergleich: 75 Minuten länger mit den Öffentlichen, fällt eindeutig zugunsten des MIV (MIV = Motorisierter Individual-Verkehr) aus. Leider.

Das für den ÖPNV so ungünstige Verhältnis umzukehren, dazu braucht’s politischen Willen seitens der Regierenden. Diesen Willen sehe, spüre, finde ich derzeit weit und breit nicht in diesem schönen Land. Und das stimmt mich traurig, macht es doch mich und viele andere ziemlich abhängig vom Auto. Die Auto-Industrie hingegen, stimmt’s froh. Da bin ich mir sicher.

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3 Antworten zu “Kap-Kolumne: Die Tücken des Nahverkehrs

  1. Der Gautrain wird meines Erachtens tatsächlich kaum genutzt, Herr Reichel. Die DA erwägt eine Untersuchung, ob die offiziellen Passagierzahlen überhaupt stimmen. Siehe dazu: http://mybroadband.co.za/vb/content.php/5079-Gautrain-passenger-numbers-should-be-investigated-DA. In Relation zu anderen Vekehrsprojekten dürfte der Gautrain ein Fiasko sein. In Deutschland schaut die Deutsche Bahn, ob die Zugverbindung an sich rentabel ist. Einzelne Tagesabschnitte sind unwichtig.

  2. Danke für den Hinweis, Detlev. Wir haben die Bildunterschrift relativiert. Die These, wonach der Gautrain kaum genutzt wird, kursiert hingegen bisweilen.

  3. Inzwischen habe ich die Erfahrung von zwei Wochen ÖPNV hinter mir. Die zwei Stunden waren tatsächlich der Rekord. Es gab Tage, an denen ich die selbe Strecke in drei Stunden geschafft habe. Und das liegt eindeutig am völlig unzuverlässigen Busdienst der Stadt Tshwane – von den oftmals ungepflegten und museumswürdigen Omnibussen mal abgesehen.

    Die obige Bildunterschrift zum Gautrain kann ich nicht ganz teilen. Richtig ist, dass der Gautrain ein Prestigeobjekt und sehr teuer ist. Nicht richtig ist die Aussage, dass er nicht genutzt würde. In der Rush Hour morgens und am späten Nachmittag sind die Züge rammelvoll. Selbst der Parkplatz an der Gautrainstation Pretoria ist ofmals bereits vor acht Uhr morgens voll besetzt. Die Fahrgäste sind meist Angestellte und Geschäftsleute, die zwischen Pretoria und Johannesburg pendeln.
    Die große Masse der arbeitenden Menschen – Hausangestellte, Gärtner, einfache Arbeiter – fahren in der Regel mit den den den Minibus-Taxen hin und her. Für sie ist der Gautrain unbezahlbar.
    Der Gautrain wird von den Menschen, so sie es sich leisten können, durchaus angenommen. Aber er bleibt ein beschränktes Verkehrsmittel, auch was die Fahrgastkapazität (z.B. Takthäufigkeit) anlangt.

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