Kap-Kolumne: Straßen des Todes

Verkehrsunfälle in Südafrika: Rund 1.280 Tote in 5 Wochen. Debatte über Verkehrssicherheit entbrannt

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger Westberliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Die Sommerferienzeit in Südafrika ist auch die Zeit massenhafter Unfälle auf den Straßen des Landes. Die hiesigen Medien verwenden dafür den dramatischen Begriff „road carnage“ – dem Straßenmassaker. Leider ein zutreffendes Wort: Seit Anfang Dezember 2012 bis Ende vergangener Woche starben auf Südafrikas Straßen 1.279 Menschen. Eine exorbitante Zahl trotz landesweit verstärkter Polizeikontrollen und omnipräsenter medialer Kampagnen zur Verkehrssicherheit  wie „Arrive Alive“.

© Seit Anfang Dezember 2012 bis Ende vergangener Woche starben auf Südafrikas Straßen 1.279 Menschen. Eine exorbitante Zahl trotz landesweit verstärkter Polizeikontrollen und omnipräsenter medialer Kampagnen zur Verkehrssicherheit. (Quelle: flickr/ ER24 EMS (Pty) Ltd.)

© Seit Anfang Dezember 2012 bis Ende vergangener Woche starben auf Südafrikas Straßen 1.279 Menschen. Eine exorbitante Zahl trotz landesweit verstärkter Polizeikontrollen und omnipräsenter medialer Kampagnen zur Verkehrssicherheit. (Quelle: flickr/ ER24 EMS (Pty) Ltd.)

Ursache für Verkehrsunfälle in Südafrika sieht die staatliche Verkehrsplanungsgesellschaft „Road Traffic Management Corporation (RTMC)“ zu 90 Prozent im gesetzlosen Verhalten von Verkehrsteilnehmern, dem „lawless behaviour of road users“. Im internationalen Vergleich zählen Südafrikas Straßen zu den gefährlichsten der Welt. In einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur globalen Verkehrssicherheit (2009) rangiert Südafrika mit 33,2 Verkehrstoten pro 100.000 Einwohnern an drittletzter Stelle, vor Libyen und den Cookinseln. Im Vergleich dazu ereignen sich in Deutschland rund 6 Verkehrstote pro 100.000 Einwohnern.

© Am 3. Januar 2013 starb der Radsportler und Olympia 2012-Teilnehmer Burry Stander (25) in Shelly Beach in der Provinz KwaZulu-Natal. Er wurde von einem Taxi erfasst und tödlich verletzt. Das Sportministerium fordert nun ein Umdenken und besseren Schutz von Radfahrern und Fußgängern. (Quelle: flickr/ perkster24)

© Am 3. Januar 2013 starb der Radsportler und Olympia 2012-Teilnehmer Burry Stander (25) in Shelly Beach in der Provinz KwaZulu-Natal. Er wurde von einem Taxi erfasst und tödlich verletzt. Das Sportministerium fordert nun ein Umdenken und besseren Schutz von Radfahrern und Fußgängern. (Quelle: flickr/ perkster24)

In dieser Sommersaison kommt ein weiterer Aspekt hinzu. Am 3. Januar 2013 wird der Radsportler und Olympia 2012-Teilnehmer Burry Stander (25) in Shelly Beach (KwaZulu-Natal) von einem Taxi erfasst und tödlich verletzt. Dieser tragische Verkehrsunfall ruft einen nationalen Aufschrei hervor im sportverrückten Südafrika. Gedenkfahrten werden organisiert, der Sportminister erklärt sich mehrfach vor der Presse und härtere Strafen für Verkehrssünder sind gefordert. In öffentlichen Diskussionen werden plötzlich die Interessen von Radfahrern und Fußgängern im Verkehr entdeckt. Ein Thema, das zuvor kaum vorkam.

So wird, beispielsweise, ein gesetzlicher Abstand von 1,5 Metern zwischen Kraftfahrzeug und Radfahrer gefordert. Als Westberliner gehe ich im Straßenverkehr vom Grundsatz aus: Der schwächere Verkehrsteilnehmer geht vor. In Südafrika, so scheint mir, gilt das umgekehrte Prinzip, nämlich das Recht des Stärkeren. Hier kommt das Radfahren einem Himmelfahrtskommando gleich. Und der Fußgänger erweist sich als todesmutiger Verkehrsteilnehmer. In den Metropolen Johannesburg und Pretoria (Tshwane), doch nicht nur dort, sind feste Gehwege eine Seltenheit, von Radfahrwegen ganz zu schweigen. Dementsprechend sind Radfahrer, die den Drahtesel als einfaches und preiswertes Transportmittel nutzen, so selten auf der Straße zu finden wie ein verlorener Krügerrand. Das Fahrrad wird hier meist als Sportgerät genutzt, am Wochenende oder eben in den Ferien.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Eine davon habe ich in Soweto gesehen, wo stellenweise mit roten Steinen angelegte Gehwege zu finden sind. Eine gute Maßnahme, denn in den alten Townships geht die Mehrheit der Einwohner zu Fuß. Ein paar Meter Radweg habe ich sogar im Stadtteil Mountainview in Tshwane gesichtet.

Zweifelsohne ist es allerhöchste Eisenbahn, dass in Südafrika den gebetsmühlenartigen Appellen und akademischen Diskussionen zur Verkehrssicherheit konkrete politische Maßnahmen folgen. Damit die nicht nur zur Weihnachtszeit wiederkehrende „Kriegsberichterstattung“ vom „road carnage“ endlich der Vergangenheit angehört.

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4 Antworten zu “Kap-Kolumne: Straßen des Todes

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  3. Das Problem sind fehlende oder viel zu wenig gezielte Kontrollen durch die Polizei. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass die Polizei selbst nicht die Verkehrsregeln kennt oder kennen will.

    In Deutschland ist es fast undenkbar, dass ein Fahrzeug noch während der Rotphase anfährt, hier in Südafrika gehört das ebenso zum Straßenbild wie das Ignoirieren roter Ampeln durch Fußgänger.

  4. Yepp nicht ganz ungefährlich auf den Straßen von Südafrika. Mein Mann hat auch so einige Freunde und Schulkameraden auf diese Weise verloren.

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