Kap-Kolumne: Farmarbeiter erhalten Hungerlöhne

Studie bescheinigt unzureichende Löhne. Südafrikas Landwirtschaft im Strukturveränderungszwang

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger Westberliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Am Mittwoch, dem 9. Januar 2013, nahmen die Saisonarbeiter im Weinbaugebiet des Western Cape ihren Streik wieder auf (siehe: Kap-Kolumne: Koloniale Rückstande vom 16. November 2012). Die Gespräche zwischen Gewerkschaften, Farmeigentümern und dem Arbeitsministerium hatten zu keinerlei Ergebnis geführt. Die Saisonarbeiter und Tagelöhner sind verzweifelt. Das spiegelt sich auch in den robusten bis gewalttätigen Streikaktionen wider, die wir in diesen Tagen dort erleben.

© Eine Studie des „Bureau for Food and Agricultural Policy (BFAP)“ bescheinigt, dass Südafrikas Farmarbeiter Hungerlöhnen ausgesetzt sind. Die Saisonarbeiter im Weinbaugebiet des Western Cape nahmen am vergangenen Mittwoch ihren Streik wieder auf. (Quelle: Rodger Bosch/ MediaClubSouthAfrica.com)

© Eine Studie des „Bureau for Food and Agricultural Policy (BFAP)“ bescheinigt, dass Südafrikas Farmarbeiter Hungerlöhnen ausgesetzt sind. Die Saisonarbeiter im Weinbaugebiet des Western Cape nahmen am vergangenen Mittwoch ihren Streik wieder auf. (Quelle: Rodger Bosch/ MediaClubSouthAfrica.com)

Rechtzeitig zur Wiederaufnahme des Streiks veröffentlicht das „Bureau for Food and Agricultural Policy (BFAP)“ eine Analyse der Löhne in der südafrikanischen Landwirtschaft. Das BFAP ist ein Netzwerk von Wissenschaftlern und Experten zum Thema. Die Analytiker-Kerngruppe setzt sich aus Wissenschaftlern der Universitäten von Stellenbosch und Pretoria zusammen.

Die vorliegende Studie deckt zwei grundlegende und unbequeme Fakten auf, die die Lohnstruktur der südafrikanischen Landwirtschaft kennzeichnen. Und beschreibt damit implizit den gordischen Knoten, den es hier zu lösen bzw. zu zerschlagen gilt.

  1. Farmarbeiter erhalten Hungerlöhne. Dies trifft insbesondere auf Saisonarbeiter und Tagelöhner zu. Diese Erkenntnis ist nicht neu, wird in der Studie nun mit Zahlen der Farmeigentümer selber untermauert. Es sei für einen Menschen unmöglich, sich mit dem Lohn eines Farmarbeiters ausreichend und gesund zu ernähren. Wie die Arbeiter trotzdem (über)leben können, bleibt offen. Die Farmarbeiter leben zu Lasten ihrer Gesundheit oder sie erhalten zusätzlich Naturalien vom Farmer bzw. sogar eine zusätzliche staatliche Unterstützung. Selbst eine Erhöhung des Mindestlohns auf 150 Rand pro Tag – wie von Arbeitern und Gewerkschaften aktuell gefordert – würde an dieser Misere nicht viel ändern.
  2. Die zweite Aussage stützt sich auf die Behauptung, dass die Agrarindustrie des Landes in der Lage sei, eine Lohnerhöhung auf lediglich maximal 104 Rand pro Tag festzulegen. Ein höherer Betrag setze eine weitere Mechanisierung der Landwirtschaft voraus.

Eine strukturelle Umorientierung auf mehr Maschinen auf den Weinfarmen wird nicht nur die Entlassung vieler Arbeitskräfte zur Folge haben. Mehr Mechanisierung wird auch den vorhandenen Trend zur Konzentration in der Industrie weiter verstärken. Große Farmen sind eher in der Lage in Maschinen zu investieren als kleine. Mechanisierung verlangt freilich mehr qualifizierte und damit auch besser bezahlte Arbeitskräfte. Dies wiederum setzt eine bessere Ausbildung voraus, deren Kosten Arbeitgeber bekanntlich gern dem Staat überlassen.

Strukturveränderungen sind langfristige Prozesse. Die Studie verweist in diesem Zusammenhang auf den National Development Plan (bis 2030). Der Plan fordert u.a., die riesigen ungenutzten landwirtschaftlichen Flächen Südafrikas zu erschließen. Werde der Plan entsprechend umgesetzt, sollte die Mechanisierung kein Schreckgespenst mehr sein und sich auch auf die Arbeiterschaft in der Landwirtschaft positiv auswirken.

Mittelfristig jedoch, so die BFAP-Studie, werden höhere Löhne in der Landwirtschaft automatisch zur Preissteigerung von Lebensmitteln führen.

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2 Antworten zu “Kap-Kolumne: Farmarbeiter erhalten Hungerlöhne

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