Berlinale 2013 – Filmkritik „Fynbos“

Depressives Verhalten in der Wohlfühloase. Der Zuschauer erhält einen Interpretationsauftrag

(2010sdafrika-Redaktion)

© Sequenz aus dem Film “Fynbos”. (Quelle: Berlinale/ a four letter word)

© Sequenz aus dem Film “Fynbos”. (Quelle: Berlinale/ a four letter word)

Offizielle Handlung:

Meryl, eine verheiratete weiße Frau wirft in einem südafrikanischen Township ihre offizielle Identität in den Mülleimer – und gibt damit das erste große Rätsel dieses Films auf. Ihr Mann Richard ist Immobilienhändler, auf der verzweifelten Suche nach Käufern für ein Traumhaus.

Die Fynbos-Villa fügt sich gläsern und transparent in die Hügel des Westkap, mit seiner für das menschliche Auge kaum fassbaren Schönheit. Das Haus steht zwischen Himmel und Erde, fast wie der blinde Fleck der Wahrnehmung auf der Netzhaut, und übernimmt genau diese Funktion als Schauplatz des Dramas. Hier treffen sich Meryl und Richard mit dem interessierten Käuferpaar, und die beiden hippiehaften Zwischennutzer sind auch noch mit von der Partie. Als Meryl kurze Zeit später verschwindet und eine schwarze Polizistin in die Suche eingeschaltet wird, nehmen die zunächst scheinbar voraussehbaren Ereignisse eine merkwürdige Wendung. Der „blinde Fleck“ weitet sich aus und öffnet die immer rätselhafter werdende Geschichte für Deutungen, die sich von innen und außen in das Geschehen drängen.

Trailer Fynbos (2012)

Filmkritik:

„Fynbos“ (= Ökosystem) ist ein Spielfilm, der alles andere als „normal“ bezeichnet werden kann. Einerseits nimmt er den Zuschauer mit auf eine Reise in die schönen Landschaften des Westkaps. Andererseits soll das Publikum ganz nah am Geschehen teilhaben und das Ende des Films selbst bestimmen.

Harry Patramanis, der griechische Regisseur von „Fynbos“, erläuterte auf der Berlinale vor den Kinozuschauern den eigenen Anspruch, mit seinem Debütfilm diese unmittelbar ansprechen zu wollen. „Der Zuschauer bestimmt das Ende. Das Schicksal von Merly soll bewusst eine große Interpretation zulassen…ich weiß selber nicht, wo sie ist.“, sagte Patramanis.

„Fynbos“ beginnt bereits mit einem großen Fragezeichen. Zu sehen ist, wie Meryl (gespielt von Jessica Haines) in einem Township ihren Ausweis in die Tonne wirft und dann gegenüber der Polizei und den eigenen Mitmenschen erzählt, sie sei beraubt worden. Warum sie das tut, bleibt bis zum Schluss ungeklärt.

Ganz im Gegenteil. Die absichtlich erzeugte Verwirrung wird im weiteren Verlauf des Films ausgeweitet. In einer Sequenz ist Meryl ganz alleine in einer wunderschönen Wohlfühlkulisse, bestehend aus reinem Wasser und prächtigen Pflanzen, zu sehen. Sie zieht an einer am Boden liegende Zigarette und flüchtet plötzlich angstverstört in den Innenbereich der Villa hinein. Sie hat eine Panikattacke, hyperventiliert und kommt nur schwer zur Ruhe. Auch hierzu liefert Patramanis keine Antwort.

© Sequenz aus dem Film “Fynbos”. (Quelle: Berlinale/ a four letter word)

© Sequenz aus dem Film “Fynbos”. (Quelle: Berlinale/ a four letter word)

Ebenso ist die Szene zu nennen, als Meryl mit ihrem Ehemann Richard, das britische Käuferpaar und das Hippie-Pärchen am gedeckten Tisch sitzen. Alle reden interessiert miteinander. Bloß Meryl sitzt regungslos da und verstummt, bis sie angesprochen wird. Sie entschuldigt sich und verlässt die Runde. Richard versucht die Situation zu retten und erzählt vom Raubüberfall im Township. Als Meryl zurückkehrt, fragen die Briten nach den genauen Geschehnissen des Raubes nach.

Unerwartet ist Meryl im Redefluss und schildert eine Story, die – so kritisiert es Richard – wie eine „erotische Phantasie“ klingt.  Im weiteren Filmverlauf notiert Meryl immer wieder in ihrem Tagebuch negativ behaftete Emotionen. Und weitere rätselhafte Situationen sind zu beobachten. Zum Schluss verschwindet Meryl spurlos und keiner weiß, was mit ihr passiert ist. Richard sucht vergeblich nach seiner Ehefrau.

©  Fynbos stand unter der Regie des Griechen Harry Patramanis. (Quelle: Berlinale/ Harry Patramanis)

© Fynbos stand unter der Regie des Griechen Harry Patramanis. (Quelle: Berlinale/ Harry Patramanis)

Harry Patramanis möchte mit „Fynbos“ zum Ausdruck bringen, dass trotz Reichtum, schönem Haus und wunderschöner Landschaft der einzelne Mensch nicht erfüllt sein muss. „Wer will denn in einer so großen Villa leben?“, stellt Patramanis eine im Grunde genommen gemachte These im Saal des Kinos Arsenal. Mehrere Kinobesucher stimmen ihm zu. Auch die zwei südafrikanischen Frauen aus Pretoria, die neben einem sitzen, bejahen seine Aussage.

„Fynbos“ ist ein Spielfilm mit sozialpsychologischer Ausrichtung, der die Melancholie, die Depressivität und das Gefühl von Lebensfreude anhand der Protagonistin Meryl in den Vordergrund stellt. Schauspielerin Jessica Haines, zurzeit in ihrer Wahlheimat Tunesien lebend und aus dem Drama “Schande” unter der Regie von Steve Jacobs bekannt, überzeugt mit ihrer Rolle als Meryl.

Die anderen Darsteller nehmen eine untergeordnete Rolle ein, mit Ausnahme von Warrick Gier, der den verzweifelten Ehemann Richard spielt. Gier gilt in der südafrikanischen Theaterszene als ausgezeichneter Schauspieler, der sich gut in die Situation von Richard hineinversetzen konnte. Der Ehemann bangt um seine Frau, fühlt sich aber gleichzeitig von der freizügigen Hippie-Frau Renee (gespielt von Cara Roberts) angezogen. Man gewinnt den Eindruck, als würde Richard in Renee seine Frau wiederentdecken – ganz der Aussage von Jeanne Moreau, einer französischen Schauspielerin, Filmregisseurin und Sängerin: „Für den Mann ist jede Frau ein Rätsel, dessen Lösung er bei der nächsten sucht.

Die wunderschönen Bilder vom Westkap und von der Fynbos-Villa geben dem Film ein Gefühl von Tourismus-Feeling. Weite und schöne Landschaften auf der einen und innere traurige Gefühle auf der anderen Seite – ein Paradoxon an Emotionalität. Denn viele Zuschauer dürften sich in der Fynbos-Villa wohlfühlen und entspannen können. Meryl tut es nicht.

Fazit:

Der griechische Regisseur Harry Patramanis ist zu loben, da er mit seinem ersten 96-Minuten Spielfilm die Erwartungen der Zuschauer nach einem spannenden, anspruchsvollen und zum Nachdenken animierenden Film eindeutig erfüllen kann. Wer nach Schwächen in „Fynbos“ sucht, der muss eine Weile nach denen suchen. Als einziges Manko könnte angeführt werden, dass der Film nicht an jene Zuschauer gedacht ist, die kein offenes Ende wünschen. Denn „Fynbos“ ist kein klassischer Krimithriller, der stets mit einem erklärenden Ende abschließt. Demnach ist „Fynbos“ absolut sehenswert.

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