Als Pistorius-Prozessbeobachter hautnah dabei

Benjamin Dürr, Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in Südafrika, im Interview

(Autor: Ghassan Abid)

© Benjamin Dürr ist der gegenwärtige Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in Südafrika. Er beobachtet das Strafverfahren gegen den Sportler Oscar Pistorius vor Ort. (Quelle: Privatfoto)

© Benjamin Dürr ist der gegenwärtige Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in Südafrika. Er beobachtet das Strafverfahren gegen den Sportler Oscar Pistorius vor Ort. (Quelle: Privatfoto)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ den Journalisten Benjamin Dürr. Erstmal vielen Dank für dieses kurzfristige Interview. Seit rund vier Wochen halten Sie sich in Südafrika auf. Welche ersten Eindrücke konnten Sie von Land und Leuten sammeln?

Antwort: Meine ersten Eindrücke sind sehr positiv. Ich hatte bisher vor allem mit sehr hilfsbereiten und aufgeschlossenen Menschen zu tun. Das macht es einfacher, sich einzuleben – und erleichtert einem die Arbeit, wenn Leute offen sind und gern erzählen.

2010sdafrika-Redaktion: Sie waren als Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in den Niederlanden tätig. Wie kam es zu Ihrem aktuellen Wohnortwechsel nach Südafrika?

Antwort: Das hatte private, aber auch berufliche Gründe. Ich habe eine neue Herausforderung gesucht. Südafrika interessierte mich schon länger: wegen seiner Geschichte, den Kontrasten und der Vielfalt. Hinzu kam ein Interesse für Afrika im Allgemeinen.

2010sdafrika-Redaktion: Sie waren bereits in Afrika unterwegs und haben für Die Zeit und Zeit Online geschrieben. Was unterscheidet Südafrika vom restlichen Afrika?

Antwort: Auf den ersten Blick ist es natürlich der Lebensstandard. Auch wenn es sicher auch in Südafrika noch einige Dinge zu kritisieren und zu verbessern gibt, funktioniert doch manches besser als in vielen anderen afrikanischen Ländern. Ein Großteil der Menschen hat Zugang zu Trinkwasser, Elektrizität, und auch zum Internet. Das ist anderswo noch nicht selbstverständlich. Als zweiten Unterschied würde ich die enorme Spaltung der Gesellschaft nennen.

2010sdafrika-Redaktion: Nun stehen Sie seit der Mordanklage gegen Leichtathlet Oscar Pistorius ebenfalls im Rampenlicht. Sie beobachten für SPIEGEL ONLINE den Prozess in Pretoria. Welchen Eindruck machte der Angeklagte auf Sie?

Antwort: Es ist ein tragischer Fall. Seine Sport-Karriere ist damit wohl beendet, und auch privat ist sein Leben zerstört – selbst wenn er nicht des Mordes schuldig befunden wird. Seine Auftritte vor Gericht haben diese Tragik verstärkt: Er weinte, wirkte wie am Boden zerstört. Es hieß, in der Zelle sei er rund um die Uhr bewacht worden, weil die Polizei eine Suizid-Gefahr sah. Trotzdem muss man aufpassen, dass man nicht das eigentliche Opfer – seine getötete Freundin Reeva Steenkamp und deren Angehörige – vergisst.

2010sdafrika-Redaktion: Die Staatsanwaltschaft konnte bisweilen keine handfesten Beweise gegen Pistorius vorlegen. Zusätzlich ist der Chefermittler Hilton Botha vom Fall abgezogen worden. Droht eine Blamage für die Justiz Südafrikas?

Antwort: Das wird der weitere Verlauf zeigen. Sicher aber ist: Die Polizei hat bisher keinen Glanz-Auftritt hingelegt. Umso wichtiger ist, dass jetzt alles reibungslos läuft. Immerhin wird die Welt den Prozess genau beobachten. Für die Justiz besteht darin aber auch die Möglichkeit zu beweisen, dass ein faires Verfahren möglich ist. Das ist keine einfache Aufgabe.

© Der Pistorius-Fall hat das Land geteilt, sagt Benjamin Dürr. Unabhängig vom Ausgang des Verfahrens, ist der Journalist davon überzeugt, dass die Sportkarriere und das Privatleben von Oscar Pistorius einen irreparablen Schaden erlitten haben. (Quelle: Privatfoto)

© Der Pistorius-Fall hat das Land geteilt, sagt Benjamin Dürr. Unabhängig vom Ausgang des Verfahrens, ist der Journalist davon überzeugt, dass die Sportkarriere und das Privatleben von Oscar Pistorius einen irreparablen Schaden erlitten haben. (Quelle: Privatfoto)

2010sdafrika-Redaktion: Wer vertritt den Sportler mit welchen Zuständigkeiten gegenüber den Strafverfolgungsbehörden?

Antwort: Oscar Pistorius hat ein ganzes Team von Experten um sich: Am wichtigsten ist wahrscheinlich Barry Roux, ein Staranwalt und einer der wichtigsten Strafverteidiger in Südafrika. Auch der Johannesburger Anwalt Kanny Oldwage unterstützt Pistorius. Daneben gibt es noch einen Forensiker und außerhalb des juristischen Verfahrens PR-Leute, die versuchen, das Image von Pistorius wiederherzustellen.

2010sdafrika-Redaktion: Inwieweit lässt sich eine Einschätzung darüber machen, wie gut die Verteidigung von Pistorius vorbereitet ist?

Antwort: Dass Pistorius auf Kaution freigekommen ist, hat er sicher zu einem wichtigen Teil auch der Verteidigung zu verdanken. Das Gericht folgte in Teilen seiner Begründung Pistorius‘ Anwälten – beispielsweise was die Fluchtgefahr anging. Man kann davon ausgehen, dass das Team schon an einer Strategie für den Prozess feilt und alle juristischen Register ziehen wird.

2010sdafrika-Redaktion: Wie ist die Stimmung im Land im Hinblick auf eine mögliche Schuld des Angeklagten?

Antwort: Südafrika ist geteilt. Seine Fans glauben weiter an ein Unglück, viele können aber angesichts der Tatsachen nicht mehr an ein Unglück glauben. Deshalb wurde auch direkt nach der Freilassung Kritik laut. Schon während der Verhandlungen haben sowohl Fans als auch Frauengruppen vor dem Gericht demonstriert. Das zeigt, wie geteilt, aber auch wie angespannt und aufgeheizt die Stimmung ist.

2010sdafrika-Redaktion: Mögen Sie eine Beurteilung abgeben, wie das weitere Strafverfahren gegen Pistorius ablaufen könnte?

Antwort: Am 4. Juni soll das Verfahren in Pretoria beginnen. Eine Prognose über den Ablauf oder gar das Urteil abzugeben, ist unmöglich. Der Fall ist verzwickt: Es gibt wohl keine Zeugen, sondern nur die Aussagen von Pistorius. Die Staatsanwaltschaft hat eine völlig andere Version der Geschehnisse, aber bisher noch wenig Fakten. Vieles wird deshalb wohl von den weiteren Ermittlungen abhängen. Man darf aber auch nicht vergessen: Selbst wenn Oscar Pistorius vom Mord-Verdacht freigesprochen wird – für die Tötung seiner Freundin, auch wenn diese nicht geplant war, wird er sich verantworten müssen.

2010sdafrika-Redaktion: Benjamin Dürr, Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in Südafrika und Pistorius-Prozessbeobachter, vielen Dank für das Interview. Leben Sie sich gut am Kap ein.

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