Kap-Kolumne: Weltkapitale des Vogelstrauß

Am Krankenbett: Seuche und Kommerz bedrohen die Existenz des südafrikanischen Lifestyle-Tieres

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger Westberliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Der Vogelstrauß dürfte eines der außergewöhnlichsten Exemplare der Tierwelt sein. Er ist ein Vogel, der nicht fliegen kann, aber eine Geschwindigkeit von bis zu 70 km/h zu Lande hinlegt. Der größte lebende Vogel unseres Planeten hat schöne große runde Augen und einen Fußtritt, der einen Löwen töten kann. Bei über hundert Kilogramm Lebendgewicht und bis zu 2,4 Meter Größe kein Wunder. Und weil sie ein Vogel ist, legt Frau Strauß natürlich Eier. Deren dicke Schale ist für die daraus schlüpfenden Küken der erste beinharte Überlebenstest ihres Vogeldaseins. Diese Geburtsarbeit spricht nicht nur für die Stärke des Straußenschnabels, sondern zeigt auch den zähen Lebenswillen dieses Federviehs.

© Der Strauß in Südafrika ist längst zu einem beliebten Lifyestyle-Produkt geworden: Schuhe, Jacken, Koffer oder die Ostrich-Mahlzeit - alle basieren auf Substanzen des größten lebenden Vogels der Erde. Doch seine Existenz ist bedroht. (Quelle: flickr/ amorimur)

© Der Strauß in Südafrika ist längst zu einem beliebten Lifyestyle-Produkt geworden: Schuhe, Jacken, Koffer oder die Ostrich-Mahlzeit – alle basieren auf Substanzen des größten lebenden Vogels der Erde. Doch seine Existenz ist bedroht. (Quelle: flickr/ amorimur)

Die Heimat des Strauß ist Südafrika. Heute sind noch 65 Prozent der Welt-Straußenpopulation am Kap zu Hause. Die klimatischen Bedingungen hier sind ideal. Der Laufvogel liebt die karge offene Landschaft der Karoo-Halbwüste und ist äußerst anpassungsfähig. Die „Welthauptstadt“ der Straußen ist Oudtshoorn im Westkapland.

Und doch kämpft unser Strauß derzeit ums Überleben, so wie die Farmer, die von seiner vielfältigen Verwertung leben. Seit April 2011 tobt in Südafrika die Vogelgrippe „H5N2” und droht den Bestand an Straußen empfindlich zu dezimieren. Dieser Bestand ist im Laufe des 20. Jahrhunderts in Südafrika ohnehin dramatisch geschrumpft. Heute spricht man von weniger als 250.000 Straußen auf Südafrikas Farmen im Vergleich zu über einer Million im Jahre 1900. Wegen der Vogelgrippe wurden im Laufe des vergangenen Jahres weit über 50.000 Straußen notgeschlachtet. Für die Straußenfarmer eine ihre Existenz bedrohende Entwicklung. In insgesamt vier der vergangenen zehn Jahre hat die EU die Einfuhr südafrikanischen Straußenfleisches verboten wegen des Ausbruchs von Vogelgrippe.

©  In Südafrika existieren mehrere Straußengeschäfte, vor allem wie hier das "Ostrich Products Store" in Oudtshoorn. (Quelle: flickr/ DanieVDM)

© In Südafrika existieren mehrere Straußengeschäfte, vor allem wie hier das „Ostrich Products Store“ in Oudtshoorn. (Quelle: flickr/ DanieVDM)

Eine ganze Industrie rankt um den Vogelstrauß. Er liefert Fleisch, Leder und Federn sowie das Reise-Motiv für viel Touristen. Nach Angaben der südafrikanischen Straußen-Industrie- und Handelskammer (South African Ostrich Business Chamber – SAOBC) macht das Fleisch 62 Prozent, das Leder 32 Prozent  und die Federn 6 Prozent des Einkommens aus der Straußenverwertung aus. Hauptabnehmer für Straußenfleisch ist Europa. Das Fleisch gilt als Lifetyle-Speise wegen seiner nahezu Fettlosigkeit und geringen Cholesterinwerte. Handtaschen, Gürtel, Kfz-Innenbezüge aus Straußenleder gehören ebenfalls zu einem beliebten Lifestyle-Accessoir der „ersten Welt“. Und wer erinnert sich nicht an die Federboas berühmter Diven? Der weltbekannte Karneval in Rio de Janeiro ist einer der wichtigsten Kunden für Straußenfedern aus Südafrika.

© Straußenfedernkleid (Quelle: flickr/ knotpr)

© Straußenfedernkleid (Quelle: flickr/ knotpr)

© Ostrich-Mahlzeit (Quelle: flickr/ elizabethtowle)

© Ostrich-Mahlzeit (Quelle: flickr/ elizabethtowle)

© Lederhandtaschen aus Straußenhaut (Quelle: flickr/ thandaafrica)

© Lederhandtaschen aus Straußenhaut (Quelle: flickr/ thandaafrica)

© Lederstiefel aus Straußenhaut (Quelle: flickr/ David Faust)

© Lederstiefel aus Straußenhaut (Quelle: flickr/ David Faust)

© Straußenleder in einem Rolls Royce als Sitzbezug (Quelle: flickr/ JeffreyEScott)

© Straußenleder in einem Rolls Royce als Sitzbezug (Quelle: flickr/ JeffreyEScott)

Die Vogelgrippe bremst nun diese aufstrebende Industrie gewaltig ab. Im September 2012 berichteten Medien, dass bereits 40 Prozent der Produzenten von Straußenprodukten aufgegeben haben. Was die Sache erschwert ist die Tatsache, dass die Notschlachtung der Tiere die Verbreitung des H5N2-Virus nicht verhindert. Das Virus befällt auch andere Vögel, wie beispielsweise wilde Wasservögel. Und da der Strauß nun mal ein Freiluft-Tier ist, der ohne weiten Auslauf nicht auskommt, ist der Kontakt mit anderen Bewohnern der freien Natur nicht zu vermeiden. Und man kann schließlich nicht der gesamten wilden Vogelwelt Südafrikas den Garaus machen.

Um den Export von Straußenfleisch wieder in Gang zu bringen, haben Produzenten in der Klein-Karoo begonnen, ihr Produkt mit Hitze zu bestrahlen. 70 Grad Celsius seien ausreichend, um das Fleisch für die EU importfähig zu machen. Langfristig ist im Kampf gegen derartige Virenseuchen die Entwicklung von Impfstoffen entscheidend sowie die Suche nach anderen Methoden der Kontrolle wie Quarantäne oder die Aufteilung Südafrikas in verschiedene Straußen-Zonen.

Wie das schwerwiegende Problem auch gelöst werden wird, Südafrikas Straußenfarmer wollen ihren Wirtschaftszweig zu einem „Boom-Sektor“ entwickeln, der sich mit dem großen Feder-Boom Mitte des 19. Jahrhunderts vergleichen lässt.

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