RTL-Korrespondentin in Afrika

Im Interview mit Nicole Macheroux-Denault: Irritiert über viele Deutsche in Kapstadt, die sich abkapseln

(Autor: Ghassan Abid)

    © Nicole Macheroux-Denault berichtet seit fünf Jahren als Afrika-Korrespondentin für die RTL Sendergruppe. Das Redaktionsbüro befand sich in Kapstadt, ist jedoch vor anderthalb Jahren in die kenianische Hauptstadt Nairobi verlagert worden. (Quelle: RTL Gruppe)

© Nicole Macheroux-Denault berichtet seit fünf Jahren als Afrika-Korrespondentin für die RTL Sendergruppe. Das Redaktionsbüro befand sich in Kapstadt, ist jedoch vor anderthalb Jahren in die kenianische Hauptstadt Nairobi verlagert worden. (Quelle: RTL Gruppe)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Frau Nicole Macheroux-Denault, die Afrika-Korrespondentin von RTL. Zuallererst vielen Dank für die Möglichkeit dieses Interviews. Wie lange sind Sie schon in Afrika und welchen Eindruck konnte Sie bereits sammeln?

Antwort: Seit fünf Jahren berichte ich für die RTL Sendergruppe, sprich RTL, ntv und Vox aus Sub-Sahara Afrika. Bis vor anderthalb Jahren war unser Büro in Kapstadt stationiert. Jetzt ist unser Hauptsitz in der kenianischen Hauptstadt Nairobi angesiedelt. Südafrika gehört weiterhin zu meinem Berichtsgebiet. Es ist eine spannende journalistische Herausforderung soziale und politische Themen in den vielen verschiedenen afrikanischen Länder abzudecken. Oft ist es mit langen und anstrengenden Reisen verbunden. Doch trotz knietiefer Schlaglöcher auf den Straßen von Mosambik, der erdrückenden Hitze in Burkina Faso oder den heftigen Regengüssen im kenianischen Rift Valley schätze ich mich weiterhin glücklich diesen Kontinent dem deutschen Publikum näher bringen zu dürfen, denn ihn beherrschen durchaus nicht nur Katastrophen, Armut und Korruption. Es gibt viele positive Geschichten zu berichten.

2010sdafrika-Redaktion: Sie berichteten aus den verschiedenen Regionen Afrikas – zum Beispiel aus Mali, Mosambik, Kenia, Uganda und nun aus Südafrika. Wie bewerten Sie die Arbeitssituation von Journalisten auf diesem Kontinent und speziell am Kap?

Antwort: Die Arbeitssituation während eines Drehs in Südafrika unterscheidet sich wesentlich von der in Mali oder Simbabwe. Südafrika bietet eine fast westliche Infrastruktur. Selbst nach einem langen Dreh über die weiterhin schlechten Lebensbedingungen in den Townships der Großstädte oder Schulen in entlegenen Dörfern des Eastern Cape findet man meist eine akzeptable Unterkunft mit Internetanschluss und Stromversorgung. In Mali, Somalia oder Burundi ist das durchaus keine Selbstverständlichkeit. In Nairobi leben wir mit regelmäßigen Strom- und Wasserausfällen. Zu Beginn der französischen Intervention in Mali haben wir per Handy und Satellitentelefon aus einem kleinen Zimmer übertragen, das weder Strom, fliessend Wasser noch eine Toilette hatte. In Mogadischu ist es teilweise unmöglich ohne Geleit schwer bewaffneter Sicherheitsleute zu filmen. Unsere Arbeit als ausländische Journalisten wäre jedoch ohne Unterstützung ortskundiger Kollegen in kaum einem afrikanischen Land möglich. Man kann ihren Einsatz und ihre Hilfe nicht genug betonen. Dies gilt natürlich auch für das Kap. Vielleicht darf ich mir aber hier die Äußerung erlauben, dass die Situation nördlich Südafrikas für uns Journalisten eine ganz andere und viel prekärer ist.

2010sdafrika-Redaktion: Inwieweit unterscheidet sich Südafrika von anderen afrikanischen Staaten im Hinblick auf Lebensbedingungen und Aufstiegschancen junger Menschen?

Antwort: Das Erste was mir in Ostafrika auffiel, war dass so gut wie jeder Bürger in Kenia, Uganda oder Tansania regelmäßig Zeitung liest und die Abendnachrichten akribisch verfolgt. Wer es sich nicht leisten kann, teilt sich die Kosten für eine Zeitung mit anderen oder schaut in öffentlichen Cafes oder Restaurants die Nachrichten. Radionachrichten spielen eine ebenso große Rolle. Besonders die jungen Bürger Ostafrikas sind regelrecht „nachrichtensüchtig“. Das hat natürlich in erster Linie mit Bildung und selbst auferlegter Verantwortung für die politische Entwicklung des eigenen Landes zu tun. Daran fehlt es, meiner Meinung nach den jungen Bürgern und Bürgerinnen Südafrikas.

2010sdafrika-Redaktion: Vor Kurzem griffen Sie für RTL das Thema „Sugar Daddys“ auf. Was hat es hierbei auf sich?

Antwort: Es ist ein sensibles Thema. Als wir anfänglich mit zahlreichen jungen Mädchen sprachen, erzählten sie uns ohne Umschweife, dass viele minderjährige Schülerinnen mit älteren Männern schlafen und dafür bezahlt werden. Nicht unbedingt mit Bargeld. Manchmal ist es airtime, manchmal ein Besuch beim Friseur. Auch die Männer, sogenannte „Sugar Daddys“ reden in den Shebeens offen darüber. Es ist durchaus legitim zu sagen, dass Beziehungen zwischen erwachsenen Männern und minderjährigen Mädchen zum Alltag Südafrikas patriarchaler Gesellschaft gehören. Ich erinnere mich aber auch sehr gut an einen Beitrag zu genau diesem Thema, den ich vor 10 Jahren in Berlin gedreht habe. Der Unterschied zwischen Deutschland und Südafrika ist das Ausmass und die schwerwiegenden Folgen der „Praxis“. In einigen Schulen der Stadt Mpumalanga sind laut einer neuen Studie 28 Prozent der Schülerinnen HIV infiziert.

2010sdafrika-Redaktion: In südafrikanischen Pressekreisen wird Ihr Beitrag „Sugar Daddys“ für die Übernahme unkorrekter Fakten angeprangert. Wie reagieren Sie auf diese Kritik?

Antwort: Wir verwehren uns gegen den Vorwurf Fakten nicht recherchiert zu haben. Natürlich haben wir auch diese Geschichte sowohl beim südafrikanischen Gesundheitsministerium als auch der anerkannten Organisation Soul City, die zahlreiche Studien zu diesem Thema durchgeführt hat, gegengecheckt. Leider hatten einige Kollegen berichtet, dass die oben zitierten 28 Prozent landesweite Infektionsraten in Südafrika darstellen. Dem ist nicht so. Das hat Gesundheitsminister Aaron Motsaledi in einer Pressekonferenz persönlich richtig gestellt. In  unserer Anmoderation und dem Beitrag sprechen wir deshalb auch gezielt von „Teilen Südafrikas“. Das ist faktisch korrekt. In dem Programmhinweis auf unserer Internetseite wurde eine derartige Unterscheidung nicht gemacht. Das ist bedauernswert. Eine nationale Studie in Südafrika belegte 2011, dass knapp jedes zehnte Mädchen HIV infiziert ist. Es wäre zynisch zu argumentieren, dass dies nicht berichtenswert sei. Die Landesregierung von Kwazulu-Natal hat sogar aufgrund der alarmierenden Zahlen eine groß angelegte Aufklärungskampagne gestartet. Bitte erlauben Sie mir in diesem Zusammenhang Lebo Ramafoko, Chief Executive Officer von Soul City zu zitieren: „Ich glaube ein Problem dieser Größenordnung, das so viele Frauen betrifft, kann nicht mehr als national begrenzt betrachtet werden. Es ist von globaler Bedeutung.“

2010sdafrika-Redaktion: Südafrika führt mehrere Statistiken an, die verdeutlichen, dass die junge Demokratie im südlichen Afrika noch enormen Handlungsbedarf hat: Kriminalität, HIV/ Aids, ungleiche Einkommensverhältnisse oder die Defizite im Bildungssektor. Wie bewerten Sie das Engagement der Regierung zur Lösung dieser Probleme?

Antwort: Desmond Tutu hat es sehr treffend beschrieben als der die Frage stellte: „Ist dies das Land für das wir gekämpft und so viele Menschen ihr Leben geopfert haben?“ Es ist eine legitime Frage, die sich der ANC stellen muss.

2010sdafrika-Redaktion: Mehrere südafrikanische und ausländische Journalisten am Kap vertreten den Standpunkt, dass die Regierungspartei Afrikanischer Nationalkongress (ANC) infolge mehrerer Skandale an Glaubwürdigkeit verloren  hätte. Würden Sie sich dieser These anschließen?

Antwort: Demokratie ist der beste Kompromiss des Zusammenlebens den wir als Menschheit gefunden haben. Man sollte nie die Mehrheit der Wähler schelten oder ihre Entscheidung kritisieren. Wenn der ANC von einer großen Mehrheit südafrikanischer Bürger gewählt wird, kann man seine Glaubwürdigkeit nicht anzweifeln.

2010sdafrika-Redaktion: Wo sehen Sie den ANC in 10 Jahren?

Antwort: Das kommt ganz darauf an, ob Südafrikas Wähler es schaffen, eine glaubwürdige Oppositionspartei zu etablieren.

2010sdafrika-Redaktion: Hatten Sie ein Erlebnis in Südafrika, dass Sie zum Nachdenken gebracht hat?

Antwort: Viele! Südafrika ist ein Land der Kontraste. Persönlich irritiert mich besonders, wie viele Deutsche in Kapstadt leben und sich nicht auf Land und Leute einlassen. Sie geniessen die unglaubliche Schönheit des Kaps und leben gut davon. Ich frage mich manchmal, ob wir das in unserem eigenen Land in Ordnung finden würden.

2010sdafrika-Redaktion: Nicole Macheroux-Denault, Afrika-Korrespondentin von RTL, vielen Dank für das Interview und Ihnen weiterhin alles Gute!

4 Antworten zu “RTL-Korrespondentin in Afrika

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  2. Ein spannender Bericht. Danke für die etwas andere Sichtweise zu deutschen Ansiedlungen.

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