Kap-Kolumne: Wir hier – Ihr dort

Von angenehmen und unangenehmen Gefühlen

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger Westberliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Beim Lesen des Beitrags „Kunst im Post-Apartheid-Südafrika“ gingen mir einige Gedanken durch den Kopf. Ich gestehe: Ich sehe mir gern ‚soapies‘ an. Vom südafrikanischen (staatlichen) TV-Sender SABC werden drei Seifenopern ausgestrahlt, die sich großer Beliebtheit unter dem hiesigen Fernsehvolk erfreuen: „Generations“, „7de Laan“ und „Isidingo“. Die erste gilt als die meistgesehene, die zweite wurde von den ZuschauerInnen erst kürzlich zur „besten“ gewählt und die dritte gilt als die interessanteste. Für die beiden ersten Prädikate – beliebt und meistgesehen – können die Macher Preise bzw. Abstimmungsergebnisse als Beweise anführen. Das Prädikant „interessant“ ist eher eine subjektive Einschätzung, die ich mehrfach von meinen hiesigen Bekannten gehört habe, und die ich auch teile.

    © „Generations“, „7de Laan“ und „Isidingo“ sind drei populäre Seifenopern im südafrikanischen TV. Während "Generation" in afrikanische Sprachen ausgestrahlt wird, ist "7de Laan" eine Afrikaans-Produktion. Die Serien spiegeln im Grunde genommen die immer noch vorhandene Trennung von Schwarzen und Weißen in den Köpfen der Menschen wider. Im Bild sind Serienschauspieler zu sehen. (Quelle: Facebook/ SABC2)

© „Generations“, „7de Laan“ und „Isidingo“ sind drei populäre Seifenopern im südafrikanischen TV. Während „Generation“ in afrikanische Sprachen ausgestrahlt wird, ist „7de Laan“ eine Afrikaans-Produktion. Die Serien spiegeln im Grunde genommen die immer noch vorhandene Trennung von Schwarzen und Weißen in den Köpfen der Menschen wider. Im Bild sind Serienschauspieler zu sehen. (Quelle: Facebook/ SABC2)

„7de Laan“ gewann bei den diesjährigen South African Film and Television Awards (SAFTAs) die Abstimmung der Zuschauer und Zuschauerinnen als Südafrikas beste Soapie. Das Abstimmungsergebnis ist bemerkenswert und beruhigend zugleich. „7de Laan“ ist eine Afrikaans-sprachige Produktion, vorwiegend, aber nicht nur, besetzt mit weißen Schauspielerinnen und Schauspielern. Man darf getrost davon ausgehen, dass die vorabendlichen TV-Gucker die Bevölkerungszusammensetzung in diesem Land widerspiegeln. Will heißen: Eine „weiße“ und obendrein Afrikaanse-Vorabendserie wird mehrheitlich auch vom schwarzen TV-Publikum gesehen und geliebt. Das finde ich durchaus beruhigend.

Selbstverständlich tut das der Beliebtheit der anderen Soapies keinen Abbruch. Auch wenn das Drehbuch von „Generations“ zunehmend an Einfallslosigkeit leidet. Aber, so schrieb neulich ein Kritiker sinngemäß, mit den „Generations“-Guckern ist es wie mit den ANC-Wählern, man hält die Treue, komme was da wolle.

Was hat das alles mit dem eingangs erwähnten Beitrag zu tun? Eigentlich nichts und doch wiederum viel. Candice Breitz, so heißt es dort, stelle künstlerisch das „unangenehme Gefühl“ dar, weiß zu sein. Das ist durchaus ein sehr „weißes“ südafrikanisches Phänomen. Doch mein „unangenehmes Gefühl“ in diesem Land verorte ich woanders.

Von der Familie meiner Frau sowie deren Nachbarn in Soweto bin ich auf das Herzlichste aufgenommen worden. Ich hatte von Beginn an das angenehme Gefühl, ich bin willkommen und unsere Verbindung wird als etwas ganz Normales angesehen. Im Gegensatz zum Verhalten weißer Mitmenschen in Thabazimbi, beispielsweise, wo einem beim gemeinsamen Restaurantbesuch meist missbilligende Blicke durchbohren. Das produziert dann eher ein „unangenehmes Gefühl“ nicht „richtig“ zu sein.

Die Rassengesetze, wie das gesetzliche Verbot der Mischehe („Immorality Act“), sind zwar längst abgeschafft, leben aber häufig als moralisches Gebot in den Köpfen vieler weiter.

Ich behaupte, die Mehrheit der südafrikanischen weißen Bevölkerung will wenig wissen, wie ihre schwarzen Mitmenschen wirklich leben. Anders ausgedrückt: Die meisten Weißen betrachten nach wie vor die schwarze Bevölkerung durch die Brille ihrer eigenen, vermeintlich höherwertigen Lebensweise. Anders kann ich mir das „Wir hier – Ihr dort“-Denken nicht erklären, ein Denkmuster, das das Trennende hervorhebt, und das mir immer wieder begegnet.

Ausschnitt aus der Afrikaans-TV-Serie „7de Laan“

Interessant wäre mal eine Studie darüber, wie viel Prozent der Weißen Südafrikas schon mal in einem schwarzen Township oder in einem „informal settlement“ zu Besuch waren – richtig zu Besuch bei jemandem, nicht nur mal wie ein Tourist durchgefahren.

Ich denke, viele weiße Südafrikaner haben Angst davor, ihre vermeintlich zivilisatorisch und kulturell höhere Lebensweise zu verlieren und „afrikanisiert“ zu werden. Wie rational oder irrational diese Angst ist, ist allerdings nicht eine Frage der Hautfarbe, sondern der sozio-ökonomischen Stellung in der Gesellschaft.

Note: Candice Breitz has written to the editor to point out that the views expressed in this media about her work „Extra“ are the author’s interpretation of her work, and do not reflect her intention in the making of „Extra“ or her position vis-a-vis racial relationships in South Africa.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s