Kulturelle Identität in Südafrika

Regisseur Tobias Lindner über Afrikaanerkultur, Orania und seinen Dokumentarfilm

(Autor: Ghassan Abid)

© Tobias Lindner, Dokumentarfilmregisseur aus Berlin. Mehrfach hielt sich Lindner zwecks Recherche und Dreh in der südafrikanischen Burengemeinschaft Orania auf. Der Film entstand zunächst als Abschlussfilm an der Beuth Hochschule für Technik. Mit Unterstützung der Verleihfirma kinostar ist "Orania - Der Film" auch in den deutschen Kinos zu sehen. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, da nur wenige Dokus dem Kinopublikum zugänglich gemacht werden.

© Tobias Lindner, Dokumentarfilmregisseur aus Berlin. Mehrfach hielt sich Lindner zwecks Recherche und Dreh in der südafrikanischen Burengemeinschaft Orania auf. Der Film entstand zunächst als Abschlussfilm an der Beuth Hochschule für Technik. Mit Unterstützung der Verleihfirma kinostar ist „Orania – Der Film“ auch in den deutschen Kinos zu sehen. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, da nur wenige Dokus dem Kinopublikum zugänglich gemacht werden.

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ den Dokumentarfilmregisseur Tobias Lindner. Am 13.06.2013 startet Ihr Dokufilm „ORANIA“ in den deutschen Kinos. Wie kam es zu diesem Vorhaben?Antwort: Ich habe einige Zeit in Südafrika gelebt und da hört man irgendwann zwangsläufig von Orania. Der Ort ist zwar auf Grund seiner geringen Größe auf den ersten Blick nicht sonderlich relevant, zieht aber trotzdem eine ungeheure Aufmerksamkeit auf sich. Das liegt sicherlich an seiner politischen Brisanz. Viele finden es mindestens kurios, dass es im Post-Apartheid Südafrika einen Ort gibt, in dem nur Weiße leben.

Nach meiner darauffolgenden Recherche hatte ich schnell das Gefühl, dass es dort viele spannende Geschichten zu erzählen gibt, und so ein Mikrokosmos ist filmisch gesehen natürlich ein Geschenk. So entstand der Film zunächst als Abschlussfilm an der Beuth Hochschule für Technik Berlin, hatte dann großen Erfolg auf internationalen Festivals und wird am 13. Juni in die deutschen Kinos kommen.

2010sdafrika-Redaktion: Mit welchen Herausforderungen sahen Sie sich beim Dreh konfrontiert?

Antwort: Ich war alleine ohne Team vor Ort, was natürlich eine große technische Herausforderung ist. Manche Dinge kann man dann einfach nicht drehen, weil man eben nur zwei Hände hat. Aber das visuelle Konzept mit ruhigen, beobachtenden Einstellungen war damit kompatibel. Ich denke sogar, dass diese Art zu drehen mir einen besseren Zugang ermöglicht hat. Ein Filmteam wirkt schnell bedrohlich und kann den Umgang mit den Protagonisten behindern. Das kann dann so invasiv werden, dass sich authentische Vorgänge vor der Kamera nur noch schwer entwickeln können. Das gilt im Besonderen an einem Ort wie Orania, der zwar überraschend offen gegenüber jeglicher Art von Berichterstattung ist, aber seine Bewohner natürlich trotzdem immer etwas skeptisch sind. Es war mir wichtig, mir Zeit zu nehmen, mich auf die Leute einzulassen. Ich denke diese Behutsamkeit hat mir den Respekt und das Vertrauen der Oranier eingebracht. Ich würde diesen Film heute wieder so drehen.

Trailer „Orania – Der Film“

2010sdafrika-Redaktion: Welchen Eindruck konnten Sie sich von der Gemeinschaft der Oranier im Hinblick auf die Regenbogennation machen?

Antwort: Ich denke Orania ist eine Manifestation der Ängste und der Frustration, die einige Afrikaaner in der Rainbow Nation verspüren. Es gibt ja verschiedene Wege, mit der Rolle als „Tätervolk“ der Vergangenheit umzugehen und seinen Platz im neuen Südafrika zu finden. Viele Afrikaaner fühlen sich wohl in der neuen Gesellschaft, aber eben nicht alle. Und davon gehen dann einige nach Orania. Sie sehen einen multikulturellen Staat als Bedrohung für ihre Kultur, die ja letztendlich eine Minderheit ist. Aber auch da gibt es verschiedene Auffassungen. Manch einer möchte Orania schon als Teil der südafrikanischen Gesellschaft sehen, nur eben als eine Art Kulturheimat. Andere wollen ihren eigenen Nationalstaat.

Aber es ist schon erstaunlich, dass man von Orania 40 Kilometer in die nächste Stadt fährt und eine völlig andere Welt vorfindet.

    © "Orania - Der Film" läuft am 13.06.2013 in den deutschen Kinos an. Im Vorfeld ist der Film im Kino Babylon am 24.04.2013 zu sehen. Zudem ist eine Podiumsdiskussion - an welcher auch Ghassan Abid als Chefredakteur von "SÜDAFRIKA - Land der Kontraste" teilnimmt - am 28.04.2013 im Sputnik Kino in Berlin vorgesehen.

© „Orania – Der Film“ läuft am 13.06.2013 in den deutschen Kinos an. Im Vorfeld ist der Film im Kino Babylon am 24.04.2013 zu sehen. Zudem ist eine Podiumsdiskussion – an welcher auch Ghassan Abid als Chefredakteur von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ teilnimmt – am 28.04.2013 im Sputnik Kino in Berlin vorgesehen.

2010sdafrika-Redaktion: Ist die Sorge der Afrikaaner, wonach deren Kultur existenziell bedroht wäre, aus Ihrer Sicht nachvollziehbar?

Antwort: Kultur ist immer dynamischen Prozessen ausgesetzt und ändert sich fortlaufend, mit oder ohne Einfluss von aussen. Wenn das nicht so wäre, gäbe es die Afrikaanerkultur heute überhaupt nicht. Dann wären das immer noch Holländer, Deutsche und Franzosen, die nach Südafrika ausgewandert sind. Ich denke also schon, dass sich die afrikaanse Kultur innerhalb der Rainbow Nation verändern wird. Nicht in zehn, aber vielleicht in hundert Jahren. Aber das sind ganz normale Prozesse. Orania selbst kann man ja auch wieder als Abspaltung der übergeordneten Afrikaanerkultur sehen.

In der Menschheitsgeschichte sind viele Kulturen entstanden, haben sich weiterentwickelt und sind wieder verschwunden. Die Frage ist, inwiefern man in diese Prozesse eingreifen kann oder sollte. Natürlich ist es nachvollziehbar, wenn sich eine Minderheit zur Auslebung ihrer Kultur organisiert, das passiert weltweit. Aber im Falle von Orania bleibt immer die gedankliche Verknüpfung mit der Apartheid-Geschichte, das macht es für viele so inakzeptabel. Vielleicht fehlt bei den Oraniern auch ein wenig Sensibilität mit der schwierigen Vergangenheit umzugehen. Aber ob die Bedrohung, die sie sehen, existentieller Natur ist, ist eine Definitionsfrage.

2010sdafrika-Redaktion: Wenige Leute wissen, dass Orania als privatrechtliches Unternehmen geführt wird. In einem Interview mit unserer Redaktion erläuterte der Vorsitzende von Orania, Jaco Kleynhans, dass zunehmend mehr weiße Südafrikaner dorthin ziehen wollen würden. Konnten Sie eine solche Tendenz vor Ort beobachten?

Antwort: Das ganze Dorf ist tatsächlich Privatgelände und die Mitglieder organisieren sich in einer Art Genossenschaft. Das verhindert politische Einflussnahme von außen und die Gemeinschaft kann sich relativ unabhängig selbst organisieren.

Ich war im Februar 2013 in Orania – das erste mal seit zwei Jahren – und es war klar erkennbar, dass das Dorf wächst. Zwar ist die Fluktuation immer noch sehr hoch, viele verlassen Orania auch wieder, aber trotzdem sind es mittlerweile etwa 1000 Einwohner. Auch die Infrastruktur wird in allen Bereichen ausgebaut. In Orania leben auch viele, die gar nicht Afrikaans sind, z.B. auch englischstämmige Südafrikaner. Vorraussetzung um in Orania zu leben, ist nämlich der Wille, die Afrikaanerkultur leben zu wollen. Die Herkunft (und somit auch die Hautfarbe), spielt zumindest theoretisch keine Rolle. In der Praxis lebt dort niemand, der nicht weiß ist. Nach Aussage der Oranier wurde das aber auch noch nie versucht. Ich weiß nicht, ob das funktionieren würde. Denn es ist eben auch ein Zufluchtsort für Rassisten, wohl auch weil der Ort momentan sehr auf Wachstum und somit auf jeden Zuzügler angewiesen ist. Die Oranier sind sich dieses Problems bewusst. Die Zukunft wird zeigen, in welche Richtung sich Orania in der Hinsicht entwickeln wird. Das liegt in den Händen seine Bewohner.

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2010sdafrika-Redaktion: Für Ihre Doku erhielten Sie in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ den Jozi Film Festival Awards 2013. Inwieweit wurde Ihr Filmwerk von südafrikanischer Seite aus kritisiert und gelobt?

Antwort: Das Interesse an dem Film in Südafrika ist enorm, er läuft dort momentan sehr erfolgreich. Viele Südafrikaner schätzen die Offenheit, mit der der Film die Geschichte erzählt und die Nähe zu den Protagonisten. Diese Meinung findet man interessanterweise in allen Bevölkerungsgruppen. Kritik konzentriert sich vor allem darauf, dass der Film zu wenig Kontext zur Apartheid herstelle und keinen direkten, sondern nur indirekten Kommentar liefere. Aber darum ging es mir nicht. Interessant fand ich, dass in Südafrika die moralische Frage der Legitimität des Ortes viel weniger im Fokus ist als in Deutschland. Es geht viel konstruktiver um die Frage, wie mit der Situation Südafrikas umzugehen ist.

Wir haben den Film auch in Orania vorgeführt. Mich hat besonders überrascht, dass die Oranier die gleichen Dinge an dem Film mögen, wie die Zuschauer weltweit. Natürlich war auch viel Kritik zu hören, manch einer hätte sich eine positivere Darstellung des Ortes gewünscht. Und doch: viele Oranier waren dankbar dafür, durch den Film „einen Spiegel vorgehalten“ (Zitat) bekommen zu haben und zu sehen, dass eben nicht alles in ihrem Dorf so gut ist, und dass es noch viele Überlegungen anzustellen gilt.

2010sdafrika-Redaktion: Sie studierten ein Kamerastudium an der Beuth Hochschule für Technik Berlin und hielten sich – wie bereits angesprochen – während dieser Zeit mehrfach in Südafrika auf. Betrachten Sie Südafrika nach Ihrer Orania-Erfahrung nun mit anderen Augen?

Antwort: Afrikaaner mit ähnlichen Ansichten wie die Oranier findet man im ganzen Land, insofern entsprach viel meinen Erwartungen. Trotzdem: während meiner Zeit in Orania habe ich umso mehr erkannt, wie komplex die Situation der südafrikanischen Gesellschaft und deren Mechanismen sind. Sowohl Südafrika als auch Orania sind immer wieder für eine Überraschung gut: so wurde beispielsweise im Dezember 2012 eine Partnerschaft gebildet zwischen Orania und der Xhosa-Gemeinde Mnyameni im Eastern Cape, die sich ähnlich kulturell selbstbestimmt organisieren möchten. Nichts in diesem Land ist eindimensional.

2010sdafrika-Redaktion: Wo sehen Sie die größten Probleme des Projektes Regenbogennation, welche der Gemeinschaft Orania zu einem Erstarken verhelfen?

Antwort: Gründe, nach Orania zu gehen, sind vielfältig und für jeden anders. Die hohe Kriminalität treibt viele dorthin, aber das ist ein Problem, das alle Südafrikaner betrifft. Andere fühlen sich benachteiligt durch die rassenabhängigen Quotenregelungen bei der Ausbildungs- und Arbeitsplatzvergabe, die die Ungerechtigkeit der Apartheid ausgleichen sollen.  Am interessantesten finde ich jedoch das Gefühl der Entwurzlung und Heimatlosigkeit, das viele Oranier in Südafrika verspüren. Die Afrikaaner sind in Südafrika aus meiner Perspektive noch immer recht gut aufgestellt. Ich denke es geht hier vielmehr um die Frage ihrer kulturellen Identität. Was macht es so schwierig für sie, gemeinsam mit anderen Kulturen zu leben? Einige Oranier sagten mir, dass sie in der Rainbow Nation leben könnten, wenn sie wüssten, dass sie irgendwo eine fassbare Heimat haben.

Die Rainbow Nation als Konzept friedvollen Zusammenlebens der vielen Kulturen Südafrikas halte ich für sehr erstrebenswert. Doch muss man auch sehen, dass viele mit dem Transformationsprozess eben nicht zurechtkommen, und zwar nicht nur Afrikaaner. Südafrika ist eben ein Land der Kontraste. Die Zeit wird zeigen, ob sich ein neues Nationalgefühl, dass von allen Kulturen geteilt wird, entwickelt. Ich denke, diese Prozesse brauchen einfach Zeit.

2010sdafrika-Redaktion: Tobias Lindner, Regisseur aus Berlin, vielen Dank für dieses interessante Interview. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihren Orania-Film!

Veranstaltungstipp: Kinostar Filmverleih und Dreamtrader Films laden ein  zur Sonntagsmatinee von „ORANIA“  den 28.04.2013 um 12 Uhr im Sputnik Kino, Hasenheide 54, 10967 Berlin

Südafrika-Experten, Journalisten, politische Vertreter und Regisseur Tobias Lindner diskutieren nach der Film-Vorführung von ORANIA über das Thema: kulturelle Identität in einem multikulturellen Land – der schmale Grat zwischen Selbstbestimmung und Rassismus, am Beispiel der „intentional community“ Orania in Südafrika. Unter anderem nehmen teil: Ghassan Abid (Chefredakteur von SÜDAFRIKA – Land der Kontraste), Anna Veigel (Leiterin Freiwilligendienst »kulturweit« von Deutsche UNESCO-Kommission e.V.), Thabo Thindi (JOZI TV), Prof. Dr. Carola Lentz (Ethnologin, Johannes Gutenberg Universität Mainz), Christoph Brandl (Journalist und Filmschaffender), Tobias Lindner (Regisseur, der drei Monate in Orania lebte).

4 Antworten zu “Kulturelle Identität in Südafrika

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