Kap-Kolumne: Identitätssuche am Freedom Day

Schriftsteller François Loots zeigt im Roman „Rooi Jan Alleman“ ein Neues Südafrika auf

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger Westberliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Manchmal findet sich ein Kleinod in einem Buchladen – unter all den marktschreierisch angepriesenen Grishams, Pattersons und wie sie alle heißen. Neulich entdeckte ich einen afrikaansen Roman über das Leben des Bram Fischer. Das Buch ist tatsächlich eine Seltenheit in der neueren afrikaanssprachigen Literatur. Der Schriftsteller François Loots hat damit ein Thema aufgegriffen, über das unter den (weißen) Afrikanern oder Buren wenig Kenntnis vorhanden ist. Bram Fischer repräsentiert den Teil ihrer Geschichte, den das Apartheidregime dem historischen Reißwolf anvertrauen wollte.

© Der burischstämmige Schriftsteller François Loots [hier im Bild] skizziert in seinem Roman "Rooi Jan Alleman" am Beispiel des Rechtsanwalten Bram Fischer das Engagement einzelner weißer Südafrikaner, die sich unter der Entziehung ihrer eigenen Freiheit für die Rechte aller Südafrikaner einsetzten. (Quelle: flickr/ Books LIVE)

© Der burischstämmige Schriftsteller François Loots [hier im Bild] skizziert in seinem Roman „Rooi Jan Alleman“ am Beispiel des Rechtsanwalten Bram Fischer das Engagement einzelner weißer Südafrikaner, die sich unter der Entziehung ihrer eigenen Freiheit für die Rechte aller Südafrikaner einsetzten. (Quelle: flickr/ Books LIVE)

Wer war Bram Fischer?

Bram Fischer war ein bekannter und brillanter Rechtsanwalt in den 50er und 60er Jahren. Ihm und seinem Team wird u.a. das Verdienst zugesprochen, als Verteidiger im Rivonia-Prozess Nelson Mandela und seine Mitangeklagten vor dem Strang gerettet zu haben.

Fischer entstammt einer alteingesessenen burischen Familie aus Bloemfontein im damaligen Oranje Vrystaat. Sprößlingen aus dem so genannten „Buren-Adel“ waren Karrieren wie Richterpräsident, Minister oder gar Staatspräsident quasi in die Wiege gelegt. Bram Fischer aber wurde Kommunist. Nach dem Verbot der Kommunistischen Partei (KP) Südafrikas im Jahr 1950, war er einer der effektivsten Organisatoren der illegalen Strukturen der Partei – und wurde so zu einem der meistgehassten „Verräter“ an der Sache der burischen Nationalisten. Bram Fischer war zweifelsohne eine Ausnahmepersönlichkeit unter südafrikanischen Verhältnissen. Genauso wie der Pfarrer Christiaan Beyers-Naudé, ein Mitglied der geheimen Organisation der Afrikaner-Elite Broederbond, der sich schließlich dem Apartheidregime entgegenstellte – ein südafrikanischer Pastor Martin Niemöller.

Aber bleiben wir bei Bram Fischer. Ab 1965 ging er in die Illegalität. Ein knappes Jahr später wurde Fischer durch einen Polizeispitzel verraten, festgenommen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Während seiner Zeit im Gefängnis erkrankte er an Krebs. Auf öffentlichen Druck hin entließ das Regime Fischer aus dem Gefängnis in das Haus seines Bruders, wo er unter Hausarrest stand bis zu seinem Tod im Mai 1975, nur wenige Wochen nach der Verlegung. Die Apartheidbehörden erklärten seinen Leichnam zum „Eigentum des Staates“. Die Gefängnisleitung behielt die Urne mit seiner Asche.

„Bram Fischer, der Enkel des Premierministers der Orange River Colony, hatte in vielerlei Hinsicht das größte aller Opfer gebracht. Gleichgültig, was ich in meinem Einsatz für die Freiheit erleiden musste – immer bezog ich Kraft aus der Tatsache, dass ich mit meinem eigenen Volk und für seine Interessen kämpfte. Bram dagegen war ein freier Mann, der gegen sein eigenes Volk stritt, um für andere die Freiheit zu schaffen.“

Diese Passage aus Nelson Mandelas Autobiografie „Long Walk to Freedom“ ist, wie es scheint, auch im Bewusstsein von (weißen) Afrikaner-Intellektuellen angekommen. Mandela war es, der einmal feststellte, das Afrikaner-Volk hätte sich in seinem Kampf gegen den britischen Imperialismus während der Jahrhundertwende 1900 auch mit den (schwarzen) Afrikanern verbündet können. Schließlich hatten beide die gleichen Ziele – Unabhängigkeit und Freiheit von der Kolonialmacht. Die Geschichte ist anders verlaufen, wie wir wissen.

Das Leben von Bram Fischer ist aber ein Beispiel für Mandelas Aussage. Der jugendliche Bram ist ein Bewunderer der Afrikaner-Rebellen um Maritz und De Wet, die 1914 gegen die Regierung von Jan Smuts zu den Waffen greifen, weil letzterer nach dem verlorenen 2. Anglo-Buren-Krieg (1899-1902) mit der britischen Kolonialmacht kollaborierte. Bram sieht die Armut und das Elend der Buren, die ihr Land an britische Minenbesitzer sowie an Großfarmer verloren haben und nun auf Arbeitssuche in die Gold-Boom-Metropole Johannesburg strömen – ein weißes Proletariat. Doch Fischer sieht auch die Armut und das Elend der schwarzen Massen, die ebenfalls in die Stadt ziehen, um dort in den Minen Arbeit zu finden. Er versteht bald, dass beide Bevölkerungsgruppen unter derselben Armut, derselben Ausbeutung leiden und deshalb auch objektiv dieselben Interessen haben. Er seht nicht den Weg der „Grauhemden“, der südafrikanischen Faschisten um van Rendsburg und Malan, deren rassistischer Kampf für ihr gesondertes (weißes) Volk schließlich im Sieg der Apartheid gipfelt.

Viele junge (weißen) Afrikaner sind nach dem Fall der Apartheid auf der Suche nach einer neuen Identität. Die Geschichte bietet dazu Persönlichkeiten wie Beyers-Naudé und Bram Fischer. Das Leben und Wirken eines Bram Fischer sollte dafür ein gutes Beispiel sein. Deshalb sehe ich im Roman von François Loots ein Hoffnungszeichen.

Das Buch gibt es, soweit ich weiß, bisher nur in Afrikaans:
François Loots, Rooi Jan Alleman, Umuzi 2013

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s