Filmkritik „Orania – Der Film“

Eine Afrikaaner-Gemeinschaft, zwischen Selbstbestimmung und Ausgrenzung

(Autor: D. Tamino Böhm)

In Orania, einem 1.000 Einwohnerdorf in Südafrika, leben ausschließlich Buren, die sich selbst verwalten und versorgen. Sie streben einen Volksstaat nach dem Vorbild einiger Versuche aus den 1990er Jahren an. Im Juni dieses Jahres läuft die gleichnamige Dokumentation „Orania“ in den deutschen Kinos an, in der Regisseur Tobias Lindner versucht, die Stimmung im Dorf festzuhalten. „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ war bei der Deutschlandpremiere am 23. April im Filmtheater Friedrichshain dabei.

© Filmsequenz aus “Orania – Der Film”.

© Filmsequenz aus “Orania – Der Film”.

In Südafrika, aber auch über die Grenzen des Landes hinaus, ist das Dorf Orania, das eine Gemeinschaft von Buren bewohnt, bekannt. Viele haben darüber gelesen oder gehört und nicht nur Präsident Jacob Zuma, sondern auch Nelson Mandela besuchten bereits die Dorfgemeinschaft der Afrikaaner, wie sich die Buren selbst bezeichnen. Mitten in Südafrika, in der Wüste Karoo liegt das 1.000-Seelen-Dorf, dessen Bewohner und Bewohnerinnen die Afrikaanerkultur leben wollen. Dies ist auch Kriterium zur Aufnahme, denn Orania ist als Gesellschaft organisiert und das Gelände Privateigentum. Carol Boshoff, der Schwiegersohn des letzten Premierministers des Apartheid-Regimes, erwarb die heruntergekommene Barackensiedlung kurz nach dem Ende der Apartheid und baute es zusammen mit 40 anderen Burenfamilien wieder auf. Inzwischen ziehen immer mehr Familien nach Orania.

Der Film beginnt mit dem Interview einer Familie, die ebenfalls in das Dorf umziehen möchte. So bekommen die Zuschauenden zunächst einen Einblick in ein paar Grundregeln des Zusammenlebens und der Organisation der Gemeinde. Unter anderem erhält man Einblick in einen Informationsfilm der Oranier über ihre Gemeinde. Ziel der Oranier ist es, eine eigene Heimat zu haben, in der sie ihre Kultur und ihre Sprache pflegen können. So äußert einer der Einwohner: „Die Zulu haben ihr Land, die Xhosa haben ihr Land, die Tswana haben ihr Land. Aber wir Afrikaaner, wir haben kein Land. Unsere Heimat ist hier.

Durch Subsistenzwirtschaft wollen die Oranier außerdem vermeiden, abhängig von der „andersfarbigen“ Bevölkerung zu sein. Denn wenn ein Farmer erst einmal mehrere schwarze Arbeiter und Arbeiterinnen angestellt haben, die im Laufe der Zeit Kinder bekämen, würden diese vielen „Andersfarbigen“ die Afrikaaner politisch überstimmen können. Deshalb machten die Oranier so viel wie möglich selbst. So steht auf einen der vielen Schilder mit Sprichwörtern und Mottos im Dorf „Arbeit ist Macht“.

© Filmsequenz aus “Orania – Der Film”.

© Filmsequenz aus “Orania – Der Film”.

Selbst ihren eigenen Radiosender betreiben die Oranier, über den Kochrezepte ausgetauscht werden, der Dorfrat Entscheidungen veröffentlicht oder einfach nur das Wetter angekündigt wird. Die neu hinzugezogene Familie wird beim Einzug begleitet sowie beim Aufbau eines eigenen Bustransfers für die Oranier in die nächsten Städte. All diese kleinen Geschichten bekommt der Zuschauer hautnah auf den Bildschirm. Tobias Lindner ist es gelungen, in den drei Monaten in denen er in Orania lebte, wahnsinnig persönliche und ruhige Momente festzuhalten. So schafft er ein umfassendes Bild, in dem die Bewohner und Bewohnerinnen nicht schlecht wegkommen. Man sieht ihre Ängste und Nöte ebenso wie die schönen Momente, die Festlichkeiten und die Treppenwitze zwischendurch. Man sieht Kinder im eigenen Schwimmbad und den Bademeister mit ihnen seine Späße treiben, genauso wie andere Bewohner und Bewohnerinnen beim Bewirtschaften der Plantagen und Felder.

© Filmsequenz aus “Orania – Der Film”.

© Filmsequenz aus “Orania – Der Film”.

Die Dokumentation kommt vollständig ohne Off-Kommentare oder Fragen eines hinter der Kamera sitzenden Journalisten aus. Personen stehen für sich und können für sich sprechen und den Zuschauenden bleibt es selbst überlassen ihr Urteil zu fällen. Diese Atmosphäre wird unterstützt durch sehr ruhige Bilder, welche viel Raum und Zeit einnehmen und Afrikaans-Musik, die teilweise die gezeigten Szenen polarisiert. So entsteht ein Gesamteindruck der Gemeinschaft im Ganzen und einzelner Personen im speziellen. Man sieht Menschen, die ihr Leben nach ihrem eigenen Traum und ihren Idealen leben. Dies scheint den Menschen in Orania wichtig zu sein und das scheint sie zu verbinden. „Unser Ideal schnürt uns zusammen“ steht auf einem Schild. Man hat das Gefühl, es ist wichtig für diese Menschen, ihre eigene Kultur zu pflegen und zu leben. Immer wieder sprechen sie über die „anderen Kulturen“ in Südafrika, die alle ihre Kultur leben und ihre Heimat haben. Viele Buren leben in der elften Generation in Südafrika. Es scheint, ein Burendorf nach dem Vorbild von Orania sei das selbstverständlichste was es gibt.

© Filmsequenz aus “Orania – Der Film”.

© Filmsequenz aus “Orania – Der Film”.

Und dennoch wird man auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als nach knapp über einer Stunde die ersten schwarzen Südafrikaner im Bild sind. Außerhalb von Orania herrscht eine andere Ordnung. „Ich weiß nicht, was da drinnen ist. Was die da drinnen machen. Ich habe kein Problem damit. Es sind nette Menschen. Ich beliefere den Kiosk seit zwanzig Jahren und habe gehört, dass es ein Schwimmbad gibt. Aber gesehen habe ich es noch nie.“, erzählt ein schwarzer Lieferant in die Kamera, der am Eingangstor von Orania stehen bleiben muss. Lieber kommt der Kioskbetreiber zum Tor, als dass ein schwarzer Lieferant ins Dorf fahren dürfte. „Weiße dürfen dort hinein. Auch fremde Weiße. Aber wenn Schwarze dort hingehen würden, wäre es Hausfriedensbruch. Das ist das einzige Problem.

2 Antworten zu “Filmkritik „Orania – Der Film“

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