Wirtschaftsstandort Südafrika

Südafrika-Korrespondent des Handelsblatts sieht das Kapland auf dem Weg zum „Krisenstaat“

(Autor: Ghassan Abid)

Als ich vor wenigen Tagen die Homepage des Handelsblatts nach interessanten Wirtschaftsmeldungen durchforstete, verschlag es mir beim Artikel „Wie Südafrika sich selbst demontiert“ vom 9. Juni 2013  regelrecht die Sprache. Wolfgang Drechsler, ein hervorragender Kollege mit ausgeprägtem Südafrika-Wissen, verfasste den angesprochenen Beitrag, der sich wie eine erbarmungslose Abrechnung mit der Politik Südafrikas liest. Und doch stecken im Text viele Kritikpunkte, die der Realität entsprechen. Leider kommen im Artikel positive Entwicklungen und optimistische Standpunkte kaum vor.

    © Korruption, Vetternwirtschaft, schlechtes Management, Streikwellen, politische Untätigkeit und Machtkämpfe innerhalb der Regierungspartei ANC belasten Südafrikas Wirtschaft. Mehrere Wirtschaftsexperten sehen das Land vor dem Abgrund. Wolfgang Drechsler, Südafrika-Korrespondent des Handelsblatts, teilt diese Einschätzung. Ist dem tatsächlich so? (Quelle: MediaClubSouthAfrica/ Sasol).

© Korruption, Vetternwirtschaft, schlechtes Management, Streikwellen, politische Untätigkeit und Machtkämpfe innerhalb der Regierungspartei ANC belasten Südafrikas Wirtschaft. Mehrere Wirtschaftsexperten sehen das Land vor dem Abgrund. Wolfgang Drechsler, Südafrika-Korrespondent des Handelsblatts, teilt diese Einschätzung. Ist dem tatsächlich so? (Quelle: MediaClubSouthAfrica).

Im Mai 2012 interviewte ich den renommierten Handelsblatt-Korrespondenten, der die Machtkämpfe in der Regierungspartei ANC als Ursache für die Lähmung der nationalen Volkswirtschaft heranzog. Die Risiken seien größer als die Chancen, hielt der gebürtige Göttinger fest.

Im Oktober 2012 hob der damalige Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Professor Hans Heinrich Driftmann, die Bedeutung der südafrikanischen Volkswirtschaft für die deutsche Wirtschaft hervor, kritisierte allerdings im selben Atemzug die ausufernden Streikwellen und die immense Korruption im Staatsapparat. Diese Sorgen stimmen mit den Aussagen Drechslers überein. Nur wenige Monate zuvor bewertete Andreas Wenzel, Generalsekretär der Wirtschaftsinitiative SAFRI, die deutsch-südafrikanischen Wirtschaftsbeziehungen deutlich positiver.

Im Dezember 2012 verschärfte Drechsler seine Kritik an die Regierung in Pretoria. Den Bergbau, eine tragende Säule der Wirtschaft dieses afrikanischen Schwellenlandes, nahm der Journalist unter die Lupe. Er warnte vor einer gefährlichen Zerreißprobe und zitierte den Sicherheitsexperten Michael Hough vom Institute for Strategic Studies, der das Land „am Rande eines Wirtschaftskrieges“ sieht.

Und nun, wie bereits angesprochen, erreicht die Kritik Drechslers einen Zustand, der kaum zu überbieten ist. Es ist die Rede vom Niedergang der südafrikanischen Wirtschaft, von schwerwiegenden Versäumnissen und von einer ernsten Schieflage. Eine schwache politische Führung, eine „inkompetente Verwaltung sowie die ausgeprägte Feindschaft zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern“ werden angeführt. Als ich den Artikel zu Ende gelesen hatte, stellte ich mir die Frage, inwieweit Südafrika für deutsche Unternehmen als Investitionsstandort überhaupt noch attraktiv ist.

Ich kam zur Erkenntnis, dass die dortige Lage längst nicht das Level erreicht hat, um von einem Niedergang der Kap-Wirtschaft sprechen zu können. Ja, ich mag nicht bezweifeln, dass die Regierung ihre Aufgaben keineswegs so zufriedenstellend erfüllt, um von einer vertrauenerweckenden Wirtschaftspolitik sprechen zu können. Vor allem der hohe Anteil an ineffektiven Beamten und ausschließlich an sich denkende Politiker in den obersten Kreisen, wie ich es selber mehrfach bei Interview- und Veranstaltungsterminen erleben durfte, stimmt mich sehr traurig. Die Zuma-Regierung ist noch weit davon entfernt, um das Land einer gelungenen Marktwirtschaft und einem tragfähigen Sozialstaat zu unterziehen.

Dennoch halten deutsche Unternehmer weiterhin am Wirtschaftsstandort Südafrika fest. Zweifel kommen auf, keine Frage, doch treten diese nicht überproportional in den Vordergrund. Bislang zählt die Gewinnmaximierung als wichtigstes Kritierium für ein unternehmerisches Engagement, die bei den günstigen Produktionskosten am Kap gut realisierbar ist. Mercedes Benz zum Beispiel erhielt vor Kurzem einen Großauftrag, der die Lieferung von 134 Busse und die anschließende Montage im betriebseigenen Werk in Port Elizabeth vorsieht. Südafrika ist und bleibt weiterhin sehr lukrativ für das deutsche Investment, mit Ausnahme des äußerst risikoreichen Bergbausektors.

Doch auch andere europäische Unternehmen sehen mit Optimismus auf die südafrikanische Volkswirtschaft, wie der dänische Windanlagenbauer Vestas, der mit der Inbetriebnahme von 47 Windrädern am Westkap ebenfalls einen lukrativen Auftrag erhalten hat.

© Dr. Jürgen Friedrich, Geschäftsführer von Germany Trade & Invest (GTAI), beantwortet die Anfrage von "SÜDAFRIKA - Land der Kontraste", ob deutsche Unternehmen in Südafrika investieren sollten, mit einem eindeutigen JA. (Quelle: GTAI)

© Dr. Jürgen Friedrich, Geschäftsführer von Germany Trade & Invest (GTAI), beantwortet die Anfrage von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“, ob deutsche Unternehmen in Südafrika investieren sollten, mit einem eindeutigen JA. (Quelle: GTAI)

Auf Anfrage von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“, warum deutsche Unternehmen am Kap investieren sollten, antwortet Dr. Jürgen Friedrich, Geschäftsführer der Außenwirtschaftsgesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI), wie folgt: „Südafrika gehört zu den sehr vielversprechenden sogenannten Schwellenländern. Die Infrastruktur ist insgesamt sehr gut, die Wirtschaft hochentwickelt, von Südafrika aus kann man einen Markt von mehr als 200 Millionen Menschen erreichen. Südafrika ist bei weitem nicht nur, aber eben auch, Rohstofflieferant – und das mit einer weltweit einzigartigen Vielfalt an Ressourcen“.

Ungeachtet der medialen Negativberichterstattung über die südafrikanische Wirtschaftssituation, fanden vor wenigen Tagen in den IHKs Dresden, Magdeburg, Chemnitz, Potsdam und bei GTAI in Berlin Informationsveranstaltungen zu den Marktchancen und -risiken am Kap statt. Zudem bereitet die deutsche Wirtschaft zurzeit Delegationsreisen nach Johannesburg, Durban und Kapstadt vor. Das Interesse am Wirtschaftsstandort Südafrika ist nach wie vor ungebremst.

2 Antworten zu “Wirtschaftsstandort Südafrika

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