„Südafrikas Entwicklungen besorgniserregend“

Im Interview mit Claudia Bröll, Wirtschaftsjournalistin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

(Autor: Ghassan Abid)

    © Claudia Bröll, Wirtschaftsjournalistin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) in Südafrika.

© Claudia Bröll, Wirtschaftsjournalistin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) in Südafrika.

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Frau Claudia Bröll, Wirtschaftsjournalistin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) in Südafrika. Seit 2008 berichten Sie aus Johannesburg und seit 2012 aus Kapstadt. Wie kamen Sie überhaupt ins südliche Afrika?

Antwort: Ich habe Südafrika zum ersten Mal 1996 während eines einjährigen Studienaufenthalts an der University of Cape Town kennengelernt und bin dem Land sowohl beruflich als auch privat treu geblieben. Heute bin ich mit einem Südafrikaner verheiratet, meine zweite Tochter kam in Johannesburg zur Welt und mittlerweile fiebere ich sogar mit, wenn die südafrikanische Rugby-Mannschaft irgendwo aufs Feld läuft.

2010sdafrika-Redaktion: Die stärkste Wirtschaftsnation auf dem afrikanischen Kontinent steht infolge mehrerer Krisen international in Verruf. DIHK-Präsident Prof. Hans Heinrich Driftmann äußerte in einem Interview mit unserer Redaktion seine Sorge um die Entwicklung am Kap. Wie bewerten Sie das Investitionsklima Südafrikas?

Antwort: Südafrika war lange ein attraktiver Markt für Finanzinvestoren, die sich angesichts der Wirtschaftskrise und der niedrigen Zinsen in Europa nach Alternativen umschauten. Außerdem gilt Südafrika für Direktinvestoren traditionell als Eingangstor zum afrikanischen Kontinent. Eine verheerende Streikwelle im vergangenen Jahr und vor allem das Massaker in der Platingrube Marikana aber haben dem Ruf schwer geschadet und die Volkswirtschaft Milliarden gekostet. Heute gibt es keine Analyse des Standortes, in der nicht auf das hohe Risiko von Arbeitskämpfen hingewiesen wird. Noch dazu haben sich weitere wichtige Standortfaktoren, beispielsweise die Energiekosten, verschlechtert. In vielen Branchen besteht auch große Unsicherheit über die gesetzlichen Rahmenbedingungen, weil die Regierung oft nach dem Prinzip “ein Schritt nach vorne, zwei zurück” verfährt. Viele Entscheidungen werden in letzter Minute revidiert. Das gefällt Investoren nirgendwo.

2010sdafrika-Redaktion: Wolfgang Drechsler, Handelsblatt-Korrespondent in Südafrika, sieht das Land in einem kürzlich erschienen Artikel am Rande eines Abgrundes: Militanz der Gewerkschaften, gewalttätige Streiks und Abschwächung der Rand-Währung. Sehen Sie das ebenso?

Antwort: Die jüngsten Entwicklungen sind tatsächlich besorgniserregend. Viele Experten halten es für möglich, dass die Volkswirtschaft auf eine Stagflation zusteuert, sollte der Rand schwach bleiben und die Wirtschaftsleistung stagnieren. Das würde weitere Härten vor allem für die arme Bevölkerung bedeuten und vermutlich zu größeren sozialen Unruhen führen. Offiziell liegt die Arbeitslosenquote bei 25 Prozent. Volkswirte aber sind sich einig, dass eine Quote von 40 Prozent die Realität besser widerspiegeln würde. Vom Extremfall eines “Failed State” ist Südafrika trotzdem weit entfernt. Einen solchen Verfall erwartet aber auch niemand ernsthaft. Investoren können immer noch auf ein rechtsstaatliches System, den Schutz der Eigentumsrechte, eine gut ausgebaute Infrastruktur und auf eine demokratisch legitimierte Regierung setzen. Das gibt Südafrika eine Sonderposition auf dem afrikanischen Kontinent. Unternehmen, die bereits in Südafrika vertreten sind, schätzen die Lage übrigens besser ein als Unternehmen, die noch keine Geschäfte dort machen.

2010sdafrika-Redaktion: Wie erklären Sie sich die Unzufriedenheit der Arbeitnehmerschaft, die mit Gewalt versucht ihre Ziele nach besserer Vergütung und besseren Arbeitsbedingungen zu realisieren?

Antwort: Fast 20 Jahre nach dem Ende der Rassentrennung haben sich die Hoffnungen der meisten Südafrikaner auf ein besseres Leben nicht erfüllt. Die Kluft zwischen Reich und Arm ist sogar noch größer geworden. Diese Frustration entlädt sich fast täglich in “Service Delivery Protesten” sowie in abstrusen Lohnforderungen der Gewerkschaften und in unkontrollierten Streiks. Im Falle des Bergbaus kommt noch eine Rivalität zwischen der etablierten und einer neuen Gewerkschaft hinzu. Beide Organisationen versuchen mit allen Mitteln, sich gegenseitig Mitglieder abzuwerben, auch mit Gewalt.

2010sdafrika-Redaktion: Inwieweit versucht die Regierung die Krise zu lösen?

Antwort: Sie versucht zwischen Arbeitgebern und den Gewerkschaften zu vermitteln, hat aber damit bisher wenig Erfolg. Eine Lösung der Krise wäre natürlich nur möglich, wenn sich die Lebensbedingungen der Menschen und ihre Chancen – etwa durch ein besseres Bildungssystem – verbessern würde. Aber das ist in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Abgesehen von schönen Sonntagsreden ist im Moment kein politischer Wille zu durchgreifenden Reformen zu erkennen.

2010sdafrika-Redaktion: Sie befassten sich in einem Beitrag für das Magazin afrikapost unter anderem mit der Person Cyril Ramaphosa, dem neuen ANC-Vizepräsidenten. Ramaphosa bezeichneten Sie als Südafrikas neuen Hoffnungsträger. Wie kommen Sie zu diesem Standpunkt?

Antwort: Cyril Ramaphosa genießt wegen seiner Vergangenheit als Widerstandskämpfer und Gewerkschaftsführer auch heute noch großes Ansehen in Südafrika. Er gilt als integer und ist im Gegensatz zu vielen anderen in der ANC-Führung, einschließlich des Staatspräsidenten, finanziell unabhängig. Wegen seiner Erfolge als Geschäftsmann erhoffen sich viele, dass er die Regierung auf einen von wirtschaftspolitischer Vernunft statt Ideologie geprägten Kurs einschwenken lässt. Das wäre in der aktuellen Wirtschaftslage dringend nötig.

2010sdafrika-Redaktion: Ramaphosa gründete die Minengewerkschaft „National Union of Mineworkers (NMU)“ und war ihr erster Generalsekretär. Im August 2012 wurde er für seine Forderung nach mehr Härte gegen streikende Minenarbeiter scharf kritisiert. Zu diesem Zeitpunkt war der Ex-Gewerkschafter Anteilseigner am Minenkonzern Lonmin. Wie schätzen Sie seinen Einfluss auf die Arbeitnehmerschaft ein?

Antwort: Ramaphosa hat damals – aus meiner Sicht vollkommen zu Recht – den wilden Streik in der Marikana-Mine als “kriminell” bezeichnet und die Bergbauministerin zu einem entschiedenen Eingreifen aufgefordert. Zuvor waren bereits mehrere Menschen ums Leben gekommen, niemand schien die Streikenden unter Kontrolle zu haben, an einen Betrieb der Mine war nicht zu denken. Zuvor hatte es ähnliche Unruhen in den Bergwerken eines anderen Betreibers gegeben, denen die Regierung auch tatenlos zugesehen hatte. Kritiker hatten Ramaphosa danach eine Mitschuld an dem Massaker gegeben, was aus meiner Sicht nicht vertretbar ist.

Die ANC-Führung hat insgesamt an Einfluss auf die Arbeiterschaft verloren. Das zeigt sich auch in den vielen missglückten Vermittlungsversuchen. Im Bergbau hat eine neue populistische Organisation ohne klare Strukturen das Feld übernommen. Das macht die Lage für Unternehmen in Südafrika extrem schwer. Minenschließungen und der Abbau von Arbeitsplätzen werden unausweichlich sein, wenn die neuen Meinungsführer nicht bald zu realistischen Forderungen zurückkehren.

2010sdafrika-Redaktion: Inwieweit stehen Sie in Kontakt mit anderen deutschen Journalisten am Kap bzw. mit südafrikanischen Kollegen und wie wird die Wirtschaftspolitik der Zuma-Regierung beurteilt?

Antwort: Wie an anderen Orten der Welt sind Journalisten in Südafrika natürlich regelmäßig miteinander in Kontakt. Die Wirtschaftspolitik der Zuma-Regierung wird von den meisten als profillos und inkonsistent kritisiert. Der jüngste Fall des Rand unmittelbar nach einer Rede Zumas zur Wirtschaftspolitik spricht Bände. Nicht nur die Zentralbank-Gouverneurin Gill Marcus wünscht sich mehr Führungsstärke.

2010sdafrika-Redaktion: Claudia Bröll, F.A.Z.-Wirtschaftsjournalistin in Südafrika, vielen Dank für das Interview!

9 Antworten zu “„Südafrikas Entwicklungen besorgniserregend“

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  3. Hallo Frau Bröll, wir sind ein Fruchtimporteur aus Hamburg, spezialisiert auf den Import aus Südafrika. Unsere größte Produktgruppe ist Zitrus, welche momentan am stärksten durch die Schwarzfleckenkrankheit betroffen ist. Ich habe mich über Ihren Bericht in der FAZ vom 19.10.2014 sehr gefreut, dass endlich mal jemand dies an die Öffentlichkeit trägt. Da ich nächste Woche in Kapstadt bin, gibt es eine Möglichkeit sich kurz zu treffen? Höre gern. Grüße aus Hamburg, Christian Hencke
    FFC Fresh Fruit Company, GmbH
    http://www.freshfc.de

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