Kap-Kolumne: Wenn der Schmerz zum Streit wird

Mit Mandela-Überresten das große Geschäft machen? Madiba-Clan im öffentlichen Streit und vor Gericht

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger Westberliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Dear Nelson Mandela. You have served our country so much, now it is our time to serve. You are my hero. Thank you so much for giving us happiness.

Diese Worte, so schreibt die Sonntagszeitung „City Press“, stehen auf der selbstgefertigten Karte einer Elfjährigen vor dem Wohnhaus des „Vaters der Nation“ im Johannesburger Vorort Houghton. Hier, wie vor dem Krankenhaus in Pretoria, häufen sich die Gegenstände aller Art – Karten, Blumen, Plakate, Bilder, Tücher – die dem schwer erkrankten Nelson Rolihlahla Mandela gewidmet sind. Insbesondere die Devotionalienwand am Krankenhaus ist inzwischen zu einem Anziehungspunkt für Touristen geworden.

© Innerhalb der Mandela-Familie ist ein offener Streit ausgebrochen. Nelson Mandelas Enkel, Mandla Mandela, hat 2011 drei Gräber der Familie exhumieren und die sterblichen Überreste nach Mvezo in eine neu angelegte Grabstätte verlegen lassen. Will Mandla Mandela mit den Überresten seiner Familienangehörigen Geld machen, fragt sich die Nation. (Quelle: flickr/ The Presidency of the Republic of South Africa)

© Innerhalb der Mandela-Familie ist ein offener Streit ausgebrochen. Nelson Mandelas Enkel, Mandla Mandela [im Bild rechts], hat 2011 drei Gräber exhumieren und die sterblichen Überreste nach Mvezo in eine neu angelegte Grabstätte verlegen lassen. Will Mandla Mandela mit den Überresten seiner Familienangehörigen Geld machen, fragt sich die Nation. (Quelle: flickr/ The Presidency of the Republic of South Africa)

Der Krankheitszustand des Alt-Präsidenten beschäftigt im Sinne des Wortes die gesamte Nation seit nun fast vier Wochen tagtäglich. Selbst der Besuch des ersten Mannes der USA, Barack Obama, trat – publicitymäßig – in den Hintergrund.

An der Mantra des präsidialen Sprachrohrs Mac Maharaj, Mandelas Zustand sei „critical but stable“, hat sich indessen nichts geändert. Doch nicht nur die nationale und internationale Aufmerksamkeit ist Futter für die Medien. Die Mandela-Familie und der Madiba-Clan liefern in diesen Tagen das Drehbuch für eine Seifenoper. Streit, so heißt es, kommt in den besten Familien vor. Selbst wenn die Schmerzgrenze zur Geschmacklosigkeit überschritten wird. Die Nation reibt sich verwundert die Augen und schüttelt den Kopf.

Der offen ausgebrochene Streit um die letzte Ruhestätte des Nelson Mandela wird inzwischen sogar vor Gericht geführt. Enkel Mandla Mandela ist Chief in Mvezo, der Geburtsstätte seines berühmten Großvaters in der Provinz Eastern Cape. Mandla führt somit die Adelslinie des Madiba-Clans fort. In der Öffentlichkeit allgemein bekannt ist jedoch der Wohnort Mandelas, Qunu, ebenfalls im Eastern Cape. Dort hat sich der prominente ehemalige politische Gefangene nach seiner Befreiung 1990 ein Wohnhaus bauen lassen. Qunu ist Mandelas Heimatort, wo er aufwuchs und an dem er, nach Aussage der Familie, auch seine letzte Ruhe finden will.

Es gibt in Qunu eine Familiengrabstätte, in der bereits drei verstorbene Kinder Mandelas liegen, darunter auch Mandlas Vater. Mandla hat nun, wie sich jetzt herausstellt, bereits 2011 diese Gräber exhumieren und die sterblichen Überreste nach Mvezo in eine neu angelegte Grabstätte schaffen lassen. Böse Zungen behaupten, der geschäftstüchtige Chief wolle damit zukünftig mehr Touristen an seinen Ort locken.

Nun will der Rest der Familie, dass dieser „Frevel“ rückgängig gemacht wird, die drei Grabinhalte also wieder nach Qunu zurückgeschafft werden, damit Nelson Mandela neben seinen Kindern zur letzten Ruhe komme. Mandla hingegen ist sich keiner Schuld bewusst und weigert sich. Die Sache wird nun vor einem Gericht in Mthatha verhandelt.

Das politische Südafrika ist sich zumindest in dieser Frage einmal einig. Sowohl der regierende ANC als auch die oppositionelle DA haben tiefes Verständnis und Mitgefühl für den Schmerz der Mandela-Familie geäußert sowie die Hoffnung ausgesprochen, dass die Familie zu einer einvernehmlichem Einigung komme.

2 Antworten zu “Kap-Kolumne: Wenn der Schmerz zum Streit wird

  1. Pingback: Nelson Mandela wird 95 Jahre alt | SÜDAFRIKA - Land der Kontraste

  2. Detlev Reichel

    Inzwischen sind die sterblichen Überreste der drei Mandela-Nachkommen exhumiert worden. So hatte es das Oberste Gericht in Mthatha gestern entschieden. Wie es heißt, musste der Gerichtsvollzieher (hier „Sherriff“ genannt) gestern das Vorhängeschloss am Tor zum Friedhof in Mvezo aufbrechen. Mandla scheint wenig Lust zur Zusammenarbeit mit den gerichtlichen Vollzugsorganen zu verspüren.
    Zum Verständnis: In dieser Sache vermengen sich Tradition bzw. Brauchtum und finanzielle Interessen miteinander. Der Chief des Clans – in diesem Fall Mandla – gilt vor Ort als Chef des Clans. Entscheidungen die Familie betreffend darf er jedoch nur nach Beratung mit den Ältesten treffen. In diesem äußerst sensiblen Fall (die Exhumierung von verstorbenen Familienmitgliedern) hat sich Chief Mandla offenbar selbstherrlich sowohl über die Familie als auch die Tradition hinweggesetzt, vermutlich zugunsten seiner eigenen wirtschaftlichen Interessen. Da das große Familienoberhaupt, Madiba selbst, nicht mehr handlungsfähig ist, sind nun seine älteteste Tochter, Makaziwe, sowie seine Ehegattin Marça Machel die wichtigsten Personen neben dem Chief von Mvezo. So steht Makaziwe obenan auf der Namensliste unter dem Eil-Antrag gegen Mandla an das Oberste Gericht in Mthatha.
    Im populären Radiosender Talk Radio 702 sagte der politische Analytiker Prof. Somadoda Fikeni heute Morgen, die Familie hätte besser daran getan, diesen Streit privat und unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu lösen. Beim Bekannheitsgrad der Mandelas freilich ein äußerst schwieriges Unterfangen.

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