Nelson Mandela wird 95 Jahre alt

Madibas Geburtstag im Zeichen des Gemeinwohls. Eine Aktion, die vom ANC missbraucht wird

(Ein Kommentar von Chefredakteur Ghassan Abid)

Das Kalafong Hospital im Westen Pretorias ist Anfang der 70er Jahre eröffnet worden. Das im braunen Backstein erbaute Gebäude der Universität Pretoria liegt im Township Atteridgeville. An jenem Ort, das während der Apartheid im Jahr 1988 Ziel eines ANC-Bombenanschlages wurde. Genau 20 Jahre später wurden in Atteridgeville afrikanische Flüchtlinge gejagt. Sieben Ausländer starben. Und heute leben im Township arme Südafrikaner weißer Hautfarbe, die im Kalafong Hospital mit schwarzen Patienten – ebenfalls aus ärmlichen Verhältnissen – auf ihre Behandlung warten. Dennoch herrschen auch unter den Armen derselben Gemeinschaft große Berührungsängste. Das Geben und Nehmen im demokratischen Südafrika erweist sich aus Sicht vieler Bürger als utopische Vorstellung.

    © Nelson Mandela ist heute 95 Jahre alt geworden. Die Regierung hat die Bürger Südafrikas dazu aufgerufen, ehrenamtlich tätig zu werden und am Mandela Day gemeinwohlorientiert zu handeln. Man müsse die Ideale Mandelas umsetzen, heißt es. Doch die Mitglieder der Regierung, allen voran Präsident Jacob Zuma, leben alles andere als nach den Grundsätzen Mandelas. Die wahren Vorbilder sind andere Menschen. (Quelle: flickr/ edjane obama)

© Nelson Mandela ist heute 95 Jahre alt geworden. Die Regierung hat die Bürger Südafrikas dazu aufgerufen, ehrenamtlich tätig zu werden und am Mandela Day gemeinwohlorientiert zu handeln. Man müsse die Ideale Mandelas umsetzen, heißt es. Doch die Mitglieder der Regierung, allen voran Präsident Jacob Zuma, leben alles andere als nach den Grundsätzen Mandelas. Die wahren Vorbilder sind andere Menschen. (Quelle: flickr/ edjane obama)

Mandelas heutiger 95. Geburtstag wird zum Anlass genommen, um den Gemeinwohlgedanken in Südafrika in den Vordergrund zu rücken. Regierungsangehörige werden auch dem Township Atteridgeville einen Besuch abstatten. Man wolle Mandelas Ideale wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität an jene Orte bringen, die von starker Perspektivlosigkeit geprägt sind. Das Waschen von Fahrzeugen, das Kochen für Ältere oder längst hinfällige Reparaturen in den Wohnungen von kranken Mitbürgern werden von den Mitmenschen übernommen – ehrenamtlich versteht sich. Mandelas Gemeinwohl-Ambition, die auf Bescheidenheit fußt, steht heute auf der Agenda.

Dass Nelson Mandela seinen 95. Ehrentag überhaupt erreichen würde, damit hätten am Kap die wenigsten Menschen gerechnet. Seit nun über 6 Wochen liegt die große Ikone in einem Krankenhaus in Pretoria. Sein Zustand sei nach gegenwärtigem Stand „kritisch, aber stabil“. Das Land erlebte in den vergangenen Wochen eine Odyssee über den anstehenden Tod Mandelas. Die Einen wollen ihn nicht gehen lassen, die Anderen wünschen sich ein Ende seines Leidens.

Zusätzlich haben öffentliche Streitigkeiten innerhalb der Mandela-Familie die mediale Berichterstattung über den Nobelpreisträger an ein Maximum katapultiert, bei welchem man sich nur wünschen kann, dass der „große Vater“ diese Schlammschlacht nicht mitbekommen hat. Da wäre der eine Enkel, der mit Familiengebeinen das große Geld machen will. Oder die beiden Töchter, die das Vermögen Mandelas in eigener Regie verwalten möchten. Zusätzlich kommen bewusst falsch gestreute Meldungen einiger Medien, die auf möglichst fetzige Schlagzeilen scharf sind.

Gemeinwohlorientierung sieht anders aus. Und umso weniger plausibel erscheint es, dass der Mandela Day 2013 auch von Regierungsangehörigen für eigene Zwecke ausgenutzt wird. Von jenen Personen, die den Verdacht von Korruption, Selbstbereicherung und Habgier nicht entkräften konnten. Präsident Jacob Zuma ist infolge der staatlichen Subventionierung seines Privatdomizils in Nkandla hiervon nicht ausgenommen. Der Zuschuss wurde von der Regierung als Geheimsache eingestuft und sollte eigentlich nie öffentlich bekannt werden.

Die heutige Elite Südafrikas, die neue Generation an ANC-Politikern, schaue in erster Linie auf sich selbst und erst im Nachgang auf die Belange der Gesellschaft. Der südafrikanische Botschafter in Deutschland, Makhenkesi Arnold Stofile, blickte auf einer Berlin-Veranstaltung mit Scham auf den heutigen Afrikanischen Nationalkongress. Aus der einstigen stolzen Widerstandspartei ist gewiss keine ehrenvolle und respektable Partei geworden. Deutsche Journalisten am Kap könnten ganze Bände damit füllen, wie arrogant, selbstverliebt und teilweise unverschämt so manche Politiker und Beamte ihrem Gegenüber auftreten.

Aufruf zum sozialen Engagement am Mandela Day

Der heutige Mandela Day steht im Zeichen des Gemeinwohls, doch sind die wahren Träger dieses Gedankens die unzähligen zivilgesellschaftlichen Akteure, die Kirchen und die freiwilligen Helfer in den entlegensten Winkeln der Republik. Jene Bürger, die bereit sind, ihre Zeit für andere Menschen einzusetzen und keine Gegenleistung zu erwarten. Die Regierung sollte diese Mandela-Ambition nicht für die eigene Öffentlichkeitsarbeit beanspruchen, da die Entscheidungsträger die Ideale Mandelas nicht verstanden haben bzw. diese nicht verstehen möchten. Mandela lehrte Bescheidenheit, das Gebot des Respekts und die Notwendigkeit der Versöhnung, doch ist hiervon im politischen Pretoria wenig zu spüren.

Der französische Philosoph Joseph Joubert formulierte die Weisheit: „Der Verstand kann uns sagen, was wir unterlassen sollen. Aber das Herz kann uns sagen, was wir tun müssen.“ Auf das Herz verlassen sich nur wenige ANC-Größen, so der eigene Eindruck. Sonst würde innerhalb des ANC anstelle von grundlegenden Bildungsreformen nicht über die Einschränkung der Pressefreiheit debattiert werden. Mandela ist und bleibt auf ewig ein Unikat, in dessen Ruhm sich viele suhlen wollen.

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