Bandenkrieg in Südafrika

Ganggewalt am Westkap eskaliert. Behörden verlieren Kontrolle über das Township Manenberg

(Autor: Ghassan Abid)

Manenberg ist ein Township im Stadtgebiet von Kapstadt. In den dicht besiedelten Cape Flats leben ausschließlich farbige Südafrikaner. Genaue Zahlen zur Anzahl der Einwohner liegen nicht vor. Es wird geschätzt, dass rund 50.000 bis 70.000 Menschen in diesem sozialen Brennpunkt leben. Viele sind arbeitslos, drogensüchtig oder alkoholabhängig. Wer hier aufwächst, der wird entweder erschossen oder erschießt andere – so zumindest lautet die übereinstimmende Philosophie aller Gangs. Nun ist in Manenberg die Gewalt scheinbar eskaliert. Es herrscht ein brutaler Bandenkrieg am Westkap. Die Behörden haben die Kontrolle über diese Gemeinschaft längst verloren.

© Auf dem Bild ist ein Gangmitglied am Westkap zu sehen. Die beiden Gangs „Hard Livings“ und die „Americans“ kämpfen bereits seit den 70er Jahren um die Machtstellung an der Westküste Südafrikas. Die Behörden bekommen die Lage nicht in den Griff. Die Politik stößt an ihre Grenzen.

© Auf dem Bild ist ein Gangmitglied am Westkap zu sehen. Die beiden Gangs „Hard Livings“ und die „Americans“ kämpfen bereits seit den 70er Jahren um die Machtstellung an der Westküste Südafrikas. Die Behörden bekommen die Lage nicht in den Griff. Die Politik stößt an ihre Grenzen.

Gestern ereignete sich in Manenberg eine Schießerei zwischen zwei rivalisierenden Gangs. Ein Video kursiert zurzeit im Netz, das an die Entwicklungen im Irak oder in Afghanistan erinnert. Mehrere Schüsse sind zu hören. Polizeifahrzeuge eilen zum Tatort. Menschen verstecken sich vor den herumfliegenden Kugeln [siehe unten].

Tatsächlich sind solche Ereignisse in Manenberg keine Seltenheit. Die beiden Gangs „Hard Livings“ und die „Americans“ kämpfen bereits seit den 70er Jahren um die Machtstellung im Township. Der Apartheidsregierung war es im Grunde genommen egal, was im Township von sich ging. Dieser Zustand der Gewalt hält rund 20 Jahre nach dem Ende der Rassentrennungsdoktrin immer noch an. Die Gangs haben sich mittlerweile zu gut organisierten Gruppierungen entwickelt, die den Drogenhandel und die illegale Prostitution kontrollieren.

Einige Experten aus dem Bereich der Organisierten Kriminalität sind sich sicher, dass die südafrikanischen Gangs längst auch global agieren. So sollen die „Hard Livings“ gute Beziehungen zur italienischen Mafia unterhalten und mit dieser im Kokaingeschäft kooperieren. Ebenso ist bekannt, dass die Gangs zunehmend nach militärischen Strukturen aufgebaut sind. So erhalten Mitglieder mit „besonderen Leistungen“  Abzeichen in Form von Sternen, die als Tattoos auf deren Schultern verewigt werden. Je mehr Sterne, desto höher der Rang des „Offiziers“.

Allerdings dürfte für die südafrikanische Regierung der Einfluss der „Americans“ die größere Gefahr darstellen. Denn nach eigenen Recherchen ist diese Organisation nicht nur in Manenberg, sondern längst am gesamten Westkap aktiv. An einigen Orten, allen voran in den Townships, nennen sie sich selbst „Uglys“ oder „Young Americans“. Letztendlich zählen auch diese zu den „Americans“, die gleichzeitig von einigen Township-Bewohnern als Garant für die öffentliche Sicherheit angesehen werden.

Wer sich allerdings öffentlich gegen die „Americans“ positioniert, findet sich schnell auf einer Todesliste wieder. Per Mundpropaganda findet diese Bekanntmachung nach dem Prinzip des Rechts des Stärkeren ihre Verbreitung. Bereits 10.000 junge Südafrikaner sollen den „Americans“, der größten Gang am Westkap, angehören.

Stadtverwaltungen und Polizei erklärten bereits mehrfach, dass sie die Gewalt dieser kriminellen Vereinigungen nicht dulden werden. Allerdings konnten die Behörden die Macht der Gangs nicht unter Kontrolle bekommen. „Americans“ und „Hard Livings“ sind personell, finanziell und waffentechnisch gut ausgestattet. Polizeikräfte werden bestochen. Staatsanwälte sollen nicht alle Straftaten verfolgen. In den überfüllten Gefängnissen führen die Kriminellen ihre Geschäfte fort.

Zivilgesellschaftliche Akteure sind sich sicher, dass die Untätigkeit der Behörden die ausufernde Ganggewalt erst möglich gemacht hätte. Stattdessen suchen die Bürger nach eigenen Lösungskonzepten. Die Deutschsprachige katholische Gemeinde am Kap arbeitet seit 2010 mit der Gemeinde Manenberg zusammen. Im Gemeindezentrum werden „Sport, Break-Dance, Malen, Musik oder Kochen“ angeboten, um die Jugendlichen von den Gangs fernzuhalten. Dem schließt sich auch die NGO Selfhelp Manenberg an, die seit 1992 darum bemüht ist, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Township-Bewohnerschaft zu festigen. Dennoch fallen die Effekte dieser Projekte ernüchternd aus.

Perspektivlosigkeit, Korruption und die Verlockung des schnellen Geldes erscheinen vielen jungen Menschen am Westkap zu lukrativ, um sich nicht einem der beiden vorherrschenden Gangs anzuschließen. Entwicklungspolitische Projekte der Bundesregierung oder der britischen Regierung am Westkap verliefen ebenfalls mit bescheidenen Ergebnissen.

Schießerei zwischen zwei Gangs in Manenberg

Der deutsch-südafrikanische Regisseur Teboho Edkins begab sich für die Produktion des Dokumentarfilms „Gangster Project“ direkt nach Bonteheuwel, einem der kriminellsten Vororte Kapstadts. Im Ergebnis hielt der Dokumentarfilmer mit der Kamera fest, dass der Tod an diesem Ort allgegenwärtig ist und jederzeit jeden treffen könnte. Das staatliche Gewaltmonopol muss in Gebieten wie Manenberg oder Bonteheuwel so schnell wie möglich wiederhergestellt werden. Doch wie diese staatliche Grundaufgabe gelingen kann, darüber rätseln die Veranwortlichen. Die Behörden stoßen an ihre Grenzen.

3 Antworten zu “Bandenkrieg in Südafrika

  1. Pingback: Hunterttausend Gangmitglieder am Westkap | SÜDAFRIKA - Land der Kontraste

  2. Pingback: Südafrika als internationaler Drogenumschlagplatz | SÜDAFRIKA - Land der Kontraste

  3. Danke für diesen guten Artikel über Bandenkriminalität in Südafrika und auch das beigefügte Video. War sehr interessant und habe es mit Freude gelesen.
    Was ich sehr traurig finde, mich manchmal auch ärgert geht es in einem Bericht um die USA und deren Gangs dort haben diese Berichte oder Videos gleich dutzende Leserkommentare, Likes, Entsetzen das sich breit macht. Geht es um Südafrika und das Leid der Menschen vor allem Jugendlichen durch Gang Kriminalität dort sieht man kein Interesse von irgendjemandem.

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