Desillusionierung ehemaliger ANC-Guerillas

Im Interview mit Ludger Schadomsky, Redaktionsleiter der Deutschen Welle

(Autor: Ghassan Abid)

    © Ludger Schadomsky ist Buchautor und Redaktionsleiter beim deutschen Auslandsrundfunk Deutsche Welle. Vor Kurzem hielt sich der Journalist zwecks Recherche für einen Artikel in Qunu auf, der Heimat von Nelson Mandela. (Quelle: DW)

© Ludger Schadomsky ist Buchautor und Redaktionsleiter beim deutschen Auslandsrundfunk Deutsche Welle. Vor Kurzem hielt sich der Journalist zwecks Recherche für einen Artikel in Qunu auf, der Heimat von Nelson Mandela. (Quelle: DW)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ den für die Deutsche Welle tätigen Journalisten und Afrika-Buchautoren Ludger Schadomsky. Sie studierten in Köln und schließlich in Kapstadt. Wie kam es dazu, dass sie den Weg nach Südafrika fanden?

Antwort: Während der Umwälzungen am Kap zu Beginn der 90er-Jahre studierte ich in Köln Afrikanistik und Politikwissenschaften. Klar war, dass ich mich intensiver und vor allem vor Ort mit dem „neuen Südafrika“ auseinandersetzen wollte. Also habe ich mich um ein DAAD-Stipendium zum Studium der Sprache Xhosa an der Universität Kapstadt (UCT) bemüht. So kam ich 1996 nach Südafrika und blieb bis 1998, schloss mein Studium an der UCT ab und begann parallel als Korrespondent für die Zeitungen „Afrika Post“ und „afrika süd“ zu berichten – eine faszinierende Zeit, zumal der Berichtsraum nicht nur Südafrika, sondern auch die Nachbarländer umfasste. Die Berichterstattung über die Aufarbeitung der Apartheidverbrechen in der sog. „Wahrheits- und Versöhnungskommission“(TRC) gehört bis heute, trotz vieler anschließender Reisen in afrikanische Krisengebiete, zum Aufwühlendsten überhaupt. Demgegenüber stand die Verabschiedung der modernsten Verfassung der Welt – ein Meilenstein für die junge Regenbogennation! 1998 bin ich schweren Herzens für ein Volontariat zur Deutschen Welle nach Deutschland zurückgegangen, wo ich heute als Redaktionsleiter tätig bin.

2010sdafrika-Redaktion: Vor Kurzem hielten Sie sich erneut am Kap auf, genauer gesagt in Qunu, dem Heimatdorf von Nelson Mandela. Sie haben sich vor Ort umgesehen und einen Artikel hierzu verfasst. Inwieweit sind die Bewohner Qunus von Mandela geprägt?

Antwort: Der Name Qunu ist derzeit natürlich in aller Munde, obwohl Mandelas Geburtsort ja das wenige Kilometer entfernte Mvezo ist – jenes Mvezo, in dem heute der Mandela-Enkel Mandla eine eher zweifelhafte Existenz führt. Aber zurück zu Qunu. Das Dorf hat von dem Mandelaboom kaum etwas abbekommen Allenfalls das sehr schön aufbereitete Mandela-Museum oben am Hang sowie die recht gut ausgestattete Schule am Ort. Aber nur ein paar hundert Meter entfernt stehen ärmliche Hütten und Kioske, die eine sehr spärliche Auswahl an Waren führen. Im Kiosk direkt gegenüber Mandelas Alterswohnsitz gibt es nicht einmal Getränke zu kaufen – dabei könnte der Besitzer bei den Heerscharen von Journalisten, die dort ausharren, ein Vermögen machen. Allgemein bringen die Menschen, die ich in Qunu und Umgebung treffe, Madiba großen Respekt entgegen. Eine Mandela-Madness westlicher Prägung sucht man aber jedoch vergeblich – das passt nicht zu der wertekonservativen Haltung der Xhosa in dieser Region. Die sind übrigens, vor allem wenn sie entfernt dem Königshaus der Thembu angehören, von den Streitigkeiten innerhalb des Mandela-Clans sehr angewidert.

© Das Mandela-Museum in Qunu. (Quelle: flickr/ salymfayad)

© Das Mandela-Museum in Qunu. (Quelle: flickr/ salymfayad)

2010sdafrika-Redaktion: Der Distrikt O.R. Tambo, in welchem Qunu liegt, gehört zu den Regionen, die sehr stark mit Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit konfrontiert sind. Fühlen sich die Menschen von der Politik und speziell vom ANC im Stich gelassen?

Antwort: Ja, zunehmend höre ich dort Kritik am ANC, was ausgerechnet in dessen „Hinterhof“ bis vor Kurzem undenkbar war. Der 1994er Wahlslogan „Ein besseres Leben für alle“ ist hier besonders spektakulär gescheitert. Entsprechend hat jüngst der König der AmaThembu – der wohl einflussreichste des Landes – erklärt, er werde mit seinen Untertanen geschlossen zur Oppositionspartei „Democratic Alliance“ (DA) wechseln. Staats- und ANC-Präsident Jacob Zuma und dessen Machtclique hat er als „Hooligans“ bezeichnet – starker Tobak! Es gibt bei vielen Xhosa des Ostkaps jenseits der Parteiloyalität heute den Vorbehalt, dass finanzielle Mittel nun in die Provinz KwaZulu-Natal und damit in Jacob Zumas Heimat umgeleitet werden. Angesichts der historischen Rivalität zwischen Xhosa und Zulu ist es natürlich ein Sprengstoffthema, wenn der Zulu Zuma seinen Palast in Nkandla mit vielen Millionen an Steuergeldern luxuriös ausbauen lässt.

2010sdafrika-Redaktion: Im Artikel schrieben Sie, dass die Bewohner von Qunu vergeblich auf die „Mandela-Dividende“ warten. In der Vilakazi Street im Ortsteil Orlando in Soweto kommen Touristen aus aller Welt zu jenem Haus, in welchem einst Mandela lebte. Warum bleibt der wirtschaftliche Effekt in Qunu aus?

Antwort: Der Vergleich hinkt natürlich insofern ein wenig hinterher, als die Vilakazi Street in Soweto vergleichsweise gut angebunden und von Besuchern – international wie lokal – einfach zu erreichen ist. Mit den Häusern von Mandela und Desmond Tutus Haus können Touristen auf einer halbtägigen Tour gleich zwei Nobelpreisträger „auf einen Rutsch“ abhaken – das gibt es weltweit ja nur in Soweto. Inzwischen haben auch viele Bed&Breakfast-Pensionen in Soweto geöffnet, Besucher können eine Nacht oder gleich mehrere Übernachtungen bei einer lokalen Familie verbringen – dies spüren, wie anderswo im Land auch, die „Regenbogennation“- oder „Mandela-Dividende“. Das Ostkap ist dagegen von einigen Ressorts an der Wild Coast abgesehen – im Vergleich zu infrastrukturell gut erschlossenen Regionen wie Westkap, Mpumalanga, KwaZulu und Gauteng – sehr unterentwickelt. Wenn irgendwo der oft angeführte „gap“ zwischen der sogenannten „Ersten Welt“ und „Dritten Welt“ in Südafrika zu besichtigen ist, dann zwischen Johannesburg in Gauteng und Umthata im Ostkap!

© Blick auf Qunu. Das Heimatdorf von Nelson Mandela liegt im Distrikt O.R. Tambo. Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit sind überall vorzufinden. (Quelle: flickr/ salymfayad)

© Blick auf Qunu. Das Heimatdorf von Nelson Mandela liegt im Distrikt O.R. Tambo in der Ostkap-Provinz. Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit sind überall vorzufinden. (Quelle: flickr/ salymfayad)

2010sdafrika-Redaktion: Mandela zog erst im Sommer 2011 zurück nach Qunu. Wer von der Mandela-Familie lebt denn eigentlich in diesem Dorf?

Antwort: Meines Wissens nach lebt niemand der engeren Familie in Qunu. Mandla Mandela lebt als ANC-Abgeordneter und Noch-Chief (er soll wegen des Familien-Zwists entmachtet werden) in Mandelas nahegelegenem Geburtsort Mvezo. Die übrigen Verwandten leben in Johannesburg und/oder im Ausland.

2010sdafrika-Redaktion: Mandla Mandela, der Enkel des ersten schwarzen Staatspräsidenten Südafrikas, hatte die Überreste dreier Familienangehöriger eigenständig und entgegen dem Willen der Familie von Qunu nach Mvezo umverlagern lassen. Ein Gericht entschied nun die Rückverlagerung. Ist Mandla tatsächlich der skrupellose Geschäftsmann, wie es teilweise heißt?

Antwort: Davon müssen Sie wohl ausgehen – er ist insgesamt eine recht zwielichtige Gestalt, und wird wohl bald seinen Titel als Chief, also als traditioneller Führer innerhalb des Thembu-Volkes, verlieren. Vorgeblich dient als Grund dann die Tatsache, dass er unehelich geboren wurde. Damit kann er nach den traditionellen Gesetzen eigentlich keine Chiefrolle übernehmen. Tatsächlich ist aber vor allem auch der ANC mittlerweile recht besorgt über die negative Publicity seines Abgeordneten, der im vergangenen Jahr mit einem Scheidungskrieg, angeblichem Landraub und dem Kidnapping zweier Journalisten für die falschen Schlagzeilen sorgte. Zum Thema „skrupelloser Geschäftsmann“: Was man inzwischen über die Umbettung der Knochen der drei Mandela-Kinder, darunter Mandlas Vater, weiß, bestätigt den Eindruck, dass Mandla seinen Familienstammbaum vor allem als Geschäftsmodell betrachtet – konkret: er will den berühmten Namen zu Geld machen. Er macht ja schon seit geraumer Zeit mit Bauprojekten aller Art von sich reden, darunter auch einem Hotel und Konferenzzentrum in Mvezo. Wer sollte in dem trostlosen Weiher absteigen wollen, wenn nicht Mandela-Pilger? Man muss jedoch fairerweise sagen, dass sich einige Menschen, mit denen ich in Mvezo sprach, positiv über Mandla äußerten. Immerhin schafft er Arbeitsplätze in einer chronisch armen Region – und wenn es nur durch eine 10 Kilometer lange Kopfsteinpflasterstraße ist, die seinen Palast mit der Hauptstraße verbindet – und nach lokalen Medienberichten weitgehend aus Steuergeldern bezahlt wurde.

2010sdafrika-Redaktion: Wie bewerten Sie den Imageverlust der Mandela-Familie infolge mehrerer öffentlicher Streitigkeiten?

Antwort: Wie bereits angesprochen – die öffentlichen Streitigkeiten, die ja sowohl im Gerichtshof in Umthata als auch in Johannesburg ausgetragen werden, sind verheerend. Angefangen vom Streit über die Treuhandkonten Mandelas bis zur nächtlichen und klandestinen Umbettung der Knochen seiner Kinder durch Enkel Mandla. Südafrika ist entsetzt.

Die Hierarchie – oder sollte man sagen die Hackordnung innerhalb der weitläufigen Familie – scheint sich nun noch einmal neu zu sortieren. Statt Mandla Mandela spricht nun Madibas älteste Tochter Makaziwe für den Clan. Ob das eine weise Entscheidung ist, sei dahin gestellt. Sie hat ein sehr schlichtes Gemüt, um es vorsichtig auszudrücken. Ich persönlich habe mich sehr geärgert über ihren jüngsten Pauschalvorwurf an internationale Journalisten, sie würden wie „Geier“ und vor allem „rassistisch“ über ihren Vater berichten. Das ist grotesk – und wurde von lokalen Medienvertretern dankenswerterweise auch so kommentiert. Positiv ist mir dagegen Winnie Mandela aufgefallen, die ja früher auch gerne mit unbedachten Äußerungen auffiel. Unter dem Strich muss man aber festhalten, dass die mit Abstand sympathischste und vernünftigste Person des gesamten familiären Umfeldes ausgerechnet Graca Machel, also Mandelas dritte und Mosambik-stämmige Ehefrau ist. Sie stellt mit ihrem Charisma und ihrer Haltung den gesamten Clan in den Schatten.

2010sdafrika-Redaktion: Seit Anfang Juni liegt Mandela in stationärer Behandlung in Pretoria. Hat Südafrika weitere Persönlichkeiten à la Madiba – Gemeinwohlorientierung, Barmherzigkeit und das Einstehen für Ideale – überhaupt hervorgebracht?

Antwort: Ja in der Tat und es stört mich bei der Berichterstattung über Mandela etwas, das allein auf seine Verdienste abgestellt wird. Es gibt viele andere – ob weiß, schwarz oder farbig – die sich um die Regenbogennation – wenngleich weniger markant – verdient gemacht haben. Neben einem Desmond Tutu gehört dazu eben auch F.W. de Klerk, der letzte weiße Staatspräsident, ohne dessen Vision der Wandel in dieser Form nicht möglich gewesen wäre. Auch Helen Suzman und Denis Goldberg müssen hier genannt werden. Der frühe ANC-Präsident Albert Luthuli war ganz entscheidend für den Widerstand. Oder nehmen Sie den 2012 verstorbenen Germanisten Neville Alexander, der mit Mandela auf Robben Island einsaß und nach seiner Freilassung viel für das Erziehungssystem in Südafrika getan hat. Was mir in der Regenbogennation dennoch fehlt, ist die von Ihnen angeführte „Gemeinwohlorientierung“ der neuen schwarzen Elite. Mir sind wenige bis keine Stipendienprogramme oder philanthropische Engagements im Sinn eines klassischen Mäzentums bekannt. Das führt zum Beispiel bei den Fremdenführern auf Robben Islands, alles ehemalige ANC-Guerillas und politische Gefangene, zu großer Desillusionierung, wie ich es bei meinem letzten Besuch auf der Gefängnisinsel im Juli 2013 wieder erfahren musste: „Die neuen schwarzen Big-Shots kümmern sich einen Dreck um uns“, klagen sie.

© Mandelas Residenz in Qunu. (Quelle: flickr/ Mark Turner)

© Mandelas Residenz in Qunu. (Quelle: flickr/ Mark Turner)

2010sdafrika-Redaktion: Was hinterlässt der Friedensnobelpreisträger nach seinem Tod und inwieweit kann diese Ikonenlücke am Kap überhaupt geschlossen werden?

Antwort: Zunächst scheint Madiba ja auf dem Weg der Besserung! Wenn er dann eines Tages geht, wird es, um das ganz deutlich zu sagen, nicht das beschworene Chaos oder gar „Stammeskämpfe“ geben – wie es einige Personen erwarten. Auch werden die Weißen Südafrikas nicht plötzlich „ins Meer getrieben“, wie es einige Ewiggestrige fabulieren. Dazu ist die junge Nation bereits zu gefestigt und eine starke Zivilgesellschaft wacht über die Einhaltung der modernsten Verfassung der Welt. Dennoch gibt es nicht wenige, die befürchten, dass mit dem Tod Mandelas ein wichtiges moralisches Korrektiv für den von Korruption, Nepotismus und Non-delivery geschüttelten ANC wegbricht. Nun hat Mandela sich ja seit seinem Rücktritt nicht mehr in die Tagespolitik eingemischt. Dennoch schwebt sein Geist über dem Land – und die Fallhöhe zu der aktuellen Politikerkaste ist doch schon gewaltig. Der ANC muss darauf achten, bis zu welchem Grad er Madiba noch für eigene (Wahlkampf-)Zwecke einspannt – hier könnte der Schuss schnell nach hinten losgehen, wenn weiter Busladungen von Anhängern vor die Klinik in Pretoria gekarrt werden. Die Öffentlichkeit hat ein sehr feines Gespür, wenn es um authentische Anteilnahme und politische Vereinnahmung geht – und dies könnte lange nach Mandelas Ableben dem ANC auf dem Wahlzettel zum Verhängnis werden.

2010sdafrika-Redaktion: Ludger Schadomsky, Journalist, vielen Dank für das Interview!

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