Der Bettler neben dem Ferrari

Im Interview mit Jan-Philippe Schlüter, Korrespondent des ARD-Studios in Johannesburg

(Autor: Ghassan Abid)

© Jan-Philippe Schlüter ist seit dem 1. Juni 2013 der neue Hörfunkkorrespondent des ARD-Studios Südliches Afrika in Johannesburg. Er tritt die Nachfolge seines Kollegen Claus Stäcker an.

© Jan-Philippe Schlüter ist seit dem 1. Juni 2013 der neue Hörfunkkorrespondent des ARD-Studios Südliches Afrika in Johannesburg. Er tritt die Nachfolge seines Kollegen Claus Stäcker an.

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Herrn Jan-Philippe Schlüter, Hörfunkkorrespondent des ARD-Studios Südliches Afrika in Johannesburg. Wann waren Sie das erste Mal und aus welchem Grund in Südafrika?

Antwort: Meine erste Afrikareise war Anfang 2009. Ein sehr guter Freund von mir hat in Franschhoek bei Kapstadt geheiratet. Ich habe die Reise genutzt, um mir außerdem Johannesburg und den Kruger Park anzuschauen. Das Land hat mich sofort begeistert und in den Folgejahren war ich mit meiner Frau jedes Jahr mindestens einmal in Afrika.

2010sdafrika-Redaktion: Wie ist das ARD-Studio personell aufgebaut sowie materiell ausgestattet?

Antwort: Das ARD-Studio Südliches Afrika ist sehr überschaubar: Ich arbeite mit einer Halbtags-Assistentin und zwei sporadischen Beschäftigten. Letztere unterstützen mich bei der Recherche, bei den Interviews und bei unserem Presse-Archiv. Die Mitarbeiter des Studios kommen aus Südafrika oder Simbabwe. Mein Berichtsgebiet umfasst das Südliche Afrika, also neben Südafrika unter anderem noch Namibia, Botswana, Simbabwe, Mosambik, Angola und Madagaskar. Insgesamt 14 Länder. Auf dem gleichen Flur ist noch das ARD-Fernsehen mit seinem Studio. Wir sprechen uns regelmäßig ab und schauen auch, inwieweit wir Themen gemeinsam umsetzen können.

2010sdafrika-Redaktion: Südafrika ist ein Land der Gegensätze in vielerlei Hinsicht. Wie erleben Sie die führende afrikanische Wirtschaftsnation mit hohem Entwicklungsbedarf?

Antwort: Südafrika ist ein faszinierendes Land – von den Menschen her wie auch von der Landschaft. Eine wahnsinnig spannende Mischung aus verschiedenen Kulturen, Völkern, Hintergründen. Hautnah zu erleben, wie sich das Land entwickelt, ist für mich sehr interessant. Und das Klischee, wonach die Menschen hier alle sehr freundlich sind, stimmt einfach!

Wir als Europäer haben hier ein sehr angenehmes Leben; die Lebensqualität ist hoch. Das kontrastiert natürlich stark mit der sehr präsenten Armut im Land. Besonders in Johannesburg sind die Kontraste enorm. Da steht vor mir an einer roten Ampel schon mal ein Ferrari, während minderjährige Bettler um etwas Essen bitten. Damit umzugehen fällt mir nicht immer leicht. Und es macht deutlich, dass seit dem Ende der Apartheid zwar viel Positives passiert ist. Aber das Land ist noch lange nicht da, wo es mit seinem Potential sein könnte.

2010sdafrika-Redaktion: Kürzlich kommentierten Sie die Wahlen im Nachbarland Simbabwe, bei welcher der im Westen als Autokrat eingestufte Robert Mugabe als Sieger hervorging. Die Regierung in Pretoria appellierte bereits an die dortige Bevölkerung, das Wahlergebnis zu akzeptieren. Wie bewerten Sie das Verhältnis zwischen Jacob Zuma und Robert Mugabe?

Antwort: Zuma hat Mugabe nach der Wahl ja sehr wohlwollend gratuliert, was viele im Land kritisiert haben. Davor hat er eher stille Diplomatie betrieben und alles vermieden, was nach Parteinahme aussehen könnte. Zumas Motivation liegt meiner Meinung nach darin, Ruhe und Stabilität in der Region zu bewahren. Ob das vor dem Hintergrund dieser doch sehr fragwürdigen Wahl die richtige Entscheidung ist, bezweifle ich. Manche meinen auch, die beiden seien als ehemalige Befreiungskämpfer „Brüder im Geiste“. Das halte ich für übertrieben.

2010sdafrika-Redaktion: Mehrfach thematisierten Sie die Geschehnisse um die Ikone Nelson Mandela. Die Familienstreitigkeiten innerhalb des Mandela-Clans legten sich wie ein dunkler Schleier über den ehrwürdigen Madiba. Erwarten Sie, dass der Zwist nach dem Ableben Mandelas eskalieren könnte?

Antwort: Ich hoffe nicht, denn das ist nun wirklich das Letzte, was Madiba verdient hätte. Allerdings fürchte ich, dass das ein oder andere Mitglied des Clans auch künftig manche Gelegenheit nutzt, dem Namen Mandela keine Ehre zu machen.

2010sdafrika-Redaktion: Welchen Einfluss übt Enkel Mandla Mandela auf die Familie überhaupt noch aus?

Antwort: Innerhalb der Familie steht er nach unseren Beobachtungen derzeit relativ einsam am Rande. Das hat er sich mit seinen Entgleisungen und Aktionen auch redlich verdient. Aber auch auf der vermeintlich „guten“ Seite gibt es Töchter und Enkelinnen, die nicht unbedingt vorbildlich agieren. Immerhin hat es auch schon versöhnliche Stimmen aus der Familie gegeben, wonach Blut eben dicker sei als Wasser. Ich denke es wird sehr darauf ankommen, ob sich Mandla künftig zurückhaltender in der Öffentlichkeit präsentiert.

2010sdafrika-Redaktion: Viele Menschen am Kap stellen sich die Frage, was nach dem Tod Mandelas auf das Land zukommen könnte. Trauen Sie sich eine vorsichtige Prognose zu?

Antwort: Grundsätzlich sprechen die Menschen hier nur ungern über den Tod eines Menschen und die Folgen, wenn dieser Mensch noch am Leben ist. Meine persönliche Einschätzung ist, dass sich die Lage im Land nicht groß ändern wird. Mandela lebt seit Jahren völlig zurückgezogen und hatte keinen Einfluss mehr auf den politischen Alltag. Ansonsten teile ich die Meinung seiner Frau Graça Machel: Egal wie sein Krankenhausaufenthalt auch ausgeht, Madiba wird die Menschen in Südafrika wieder vereinen. Sei es in der Freude, sei es in der Trauer.

2010sdafrika-Redaktion: Von der Mandela-Berichterstattung zur wirtschaftlichen Krise in Südafrika. Claudia Bröll, Wirtschaftsjournalistin der F.A.Z. in Südafrika, schätzt die Entwicklungen am Kap als „besorgniserregend“ ein und Wolfgang Drechsler, Südafrika-Korrespondent des Handelsblatts, sieht das Land auf dem Weg in einen „Krisenstaat“. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für den Staat?

Antwort: Südafrika muss einen Weg finden, die enormen sozialen Ungerechtigkeiten zu mindern, die manche hier schon als „wirtschaftliche Apartheid“ brandmarken. Das geht nur mit mehr Arbeitsplätzen, vernünftigen Arbeitsbedingungen und vor allem einer guten Bildung für alle. Daran hapert es massiv. Wenn man sich den Zustand der Schulen vor allem in den ländlichen Gegenden ansieht, fragt man sich mitunter schon, wie die Kinder in Zukunft mal das Land nach vorne bringen sollen.

2010sdafrika-Redaktion: Nächstes Jahr finden in Südafrika die nächsten Parlamentswahlen statt. Das Parlament wird wiederum den Präsidenten bestimmen. Die Regierungspartei Afrikanischer Nationalkongress (ANC) ist tief gespalten, was auf dem letzten Parteitag in Mangaung zu beobachten war. Wie schätzen Sie die Wahlchancen des ANC und der Oppositionspartei Demokratische Allianz (DA) ein?

Antwort: Ich bin davon überzeugt, dass der ANC diese Wahl wieder gewinnen wird. Es ist einfach noch weit verbreitete Überzeugung, die Partei zu wählen, die die Apartheid erfolgreich bekämpft hat. Allerdings werden die Ergebnisse nicht mehr so herausragend sein wie bei den letzten Wahlen. Viele Menschen in Südafrika haben die Nase voll von Korruption und Skandalen, wie sie in
der Regierung Zuma Alltag sind. Und auch innerhalb des ANC gibt es eine tiefe Spaltung. Die Demokratische Allianz macht in meinen Augen eine gute Oppositionsarbeit. Sie wird weiter Stimmen gewinnen und neben dem Westkap vielleicht noch eine weitere Provinz regieren. Wie erfolgreich sie wird hängt davon ab, wie sehr sie ihr Image als Partei der Weißen und Gutverdienenden abstreifen kann. Denn die sind im Land auf jeden Fall in der Minderheit.

2010sdafrika-Redaktion: Jan-Philippe Schlüter, Hörfunkkorrespondent des ARD-Studios Südliches Afrika in Johannesburg, vielen Dank für die Möglichkeit dieses Interviews und Ihnen weiterhin alles Gute!

2 Antworten zu “Der Bettler neben dem Ferrari

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