Kap-Kolumne: Einen Monat in Mamelodi leben

Anthropologische Feldforschung oder Durchbrechen von Barrieren?

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger Westberliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Im Gegensatz zur Solidarität, die waagerecht verläuft und von gleich zu gleich gewährt wird, wird die Wohltätigkeit von oben nach unten praktiziert, erniedrigt den, der sie erhält, und verändert nie auch nur ein bißchen die Machtverhältnisse.“ Diese Worte des uruguayischen Schriftstellers und Journalisten Eduardo H. Galeano kamen mir ins Gedächtnis, als ich im Radio vom Wohn-Experiment des Julian Hewitt hörte. Hewitt, zurzeit Fellowship Director bei der Allan Gray Orbis Foundation, hat sich und seine Familie im Township Mamelodi bei Pretoria in einer neun Quadratmeter großen Blechhütte einquartiert. Er, seine Frau Ena sowie die beiden kleinen Töchter wohnen dort mit einem Budget von insgesamt 3.000 Rand im Wintermonat August – ohne Auto, ohne Strom, ohne fließendes Wasser und mit einem „Plumpsklo“ draußen. Wer sich näher über dieses Experiment informieren will.

© Die Mehrheit der weißen Südafrikaner weiß bis heute wenig bis nichts von den Lebensbedingungen ihrer schwarzen Mitmenschen in den Townships, hält Kap-Kolumnist Detlev Reichel fest. (Quelle: flickr/ aki.ilari)

© Die Mehrheit der weißen Südafrikaner weiß bis heute wenig bis nichts von den Lebensbedingungen ihrer schwarzen Mitmenschen in den Townships, hält Kap-Kolumnist Detlev Reichel fest. (Quelle: flickr/ aki.ilari)

Bei mir löste diese Geschichte widerstreitende Gefühle und Wertungen aus.

Die Shack-Bewohner, die ich kennengelernt habe, wollen nichts wie raus. Niemand, der oder die dort lebt – aus welchen Gründen auch immer – sieht das Dasein in „squatter camps“ als erstrebenswert an. Und jene, die es in ordentliche Häuser geschafft haben, wollen keinesfalls wieder zurück in die Blechütte.

Fakt ist, die Hewitts kehren nach vier Wochen wieder zurück in ihr Mittelklasse-Wohnhaus in Pretoria. Ihre kurzzeitigen Nachbarn müssen dort bleiben, wo sie sind.

Andererseits ist es eine unumstrittene Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit weißer Südafrikaner bis heute wenig bis nichts von den Lebensbedingungen ihre schwarzen Mitmenschen in den Townships weiß. Man fährt an diesen Siedlungen vorbei aber nicht hinein. Die Architekten der Apartheid haben teuflisch sorgfältig darauf geachtet, die Infrastruktur der so genannten Group Areas so zu gestalten, dass die „Gruppen“ sich nicht zu nahekommen, geschweige denn vermischen können.

Ist die Hewitt-Aktion eine Versuchsanordnung, um unüberwindlich scheinende Barrieren zu durchbrechen? Oder findet hier eine Art anthropologische Feldforschung in Form einer spektakulären Inszenierung statt, die am Ende eh nichts verändert?

Vereinzelt leben weiße Südafrikaner bereits in schwarzen Townships. Orville Jenkins beispielsweise, hat seine studentischen Jahre in Khayelitsha bei Kapstadt in Buchform gebracht (Khayelitsha:  uMlungu in a Township. Penguin, 2007.) Und es dürfte noch mehr ähnliche Beispiele geben, deren Protagonisten nicht das Licht der Öffentlichkeit suchen.

Die Medien-Aufmerksamkeit in Fall Hewitt zeigt jedenfalls eines: Südafrika ist noch weit entfernt von einem normalen Zusammenleben aller Bevölkerungsgruppen. Das kann auch nicht anders sein nach nahezu 400 Jahren kolonialer Geschichte.

Um also zum Anfang zurückzukehren: Schön wäre es, wenn die Aktion der Hewitts eher zu solidarischem als zu karitativem Verhalten führt. Solidarität verändert die Dinge und kann Wunden heilen. Wohltätigkeit verteilt Pflaster, heilt aber nicht.

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