Für die BILD-Zeitung aus Südafrika berichten

Im Interview mit Kai Feldhaus, BILD-Chefreporter: „Ich habe mich so sehr in das Land verliebt“

(Autor: Ghassan Abid)

© Kai Feldhaus ist Chefreporter im Nachrichten-Ressort der BILD-Zeitung. Für die auflagenstärkste deutsche Tageszeitung hielt sich der Reporter mehrfach in Afrika und in Südafrika auf.

© Kai Feldhaus ist Chefreporter im Nachrichten-Ressort der BILD-Zeitung. Für die auflagenstärkste deutsche Tageszeitung hielt sich der Reporter mehrfach in Afrika und in Südafrika auf.

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Herrn Kai Feldhaus, Chefreporter im Nachrichten-Ressort der BILD-Zeitung. Sie studierten Englisch und Sport in Essen und in Kapstadt. Wie kam es dazu, dass es Sie nach Südafrika verschlagen hatte?

Antwort: Ich habe den Jahreswechsel 1999/2000 in Südafrika verbracht und mich bei dieser Gelegenheit so sehr in das Land verliebt, dass ich 2000 zurück nach Kapstadt kam, um an der „University of the Western Cape (UWC)“ Englisch, Linguistik und Conflict Studies zu studieren. Es waren aufregende Zeiten,
UWC eine aufstrebende Uni, an der damals Studenten aus ganz Afrika, dafür kaum Weiße studierten. Die Zeit an der Uni hat mein Interesse an Afrika so sehr geprägt, dass ich seitdem – vor allem beruflich – den halben Kontinent bereist habe. Und immer wieder hat es mich nach Südafrika verschlagen, sowohl beruflich, als auch privat.

2010sdafrika-Redaktion: Vor wenigen Monaten berichteten Sie direkt aus Südafrika, vor allem zum Mordfall Oscar Pistorius. Wie erlebten Sie den Medientrubel um den Paralympic-Star?

Antwort: Ich war schon überrascht, wie groß der Andrang vor allem britischer und amerikanischer Medien bei Gericht in Pretoria war, obwohl die Anhörung wie angekündigt schon nach wenigen Minuten vertagt wurde. Andererseits hatte ja auch mein Arbeitgeber mich von Berlin nach Pretoria geschickt, um darüber zu berichten. Ich denke das Interesse ist so groß, weil Oscar Pistorius viel mehr ist als ein Sportler, dem ein Gewaltverbrechen zur Last gelegt wird. Jonny Steinberg hat in seinem sehr klugen Artikel im Guardian geschrieben, Pistorius sei ein Symbol für Südafrika als Ganzes: Ein Mann, der seine Schwächen überwunden hat und zu Großem aufgestiegen ist, den nun jedoch etwas Zerrissenes, Gewalttätiges umwittert. Ähnlich gehe es Südafrika insgesamt: Die Fesseln der Apartheid abgeschüttelt, und doch lange nicht geheilt vom Trauma der Gewalt. In Pistorius` Drama spiegele sich somit irgendwie das ganze Land. Ich halte das für ein sehr passendes Bild.

2010sdafrika-Redaktion: Pistorius wird weiterhin verdächtigt, seine 29-jährige Freundin Reeva Steenkamp erschossen zu haben. Gibt es mittlerweile neuere Erkenntnisse zu den Motiven und zur möglichen (Un)Schuld des Angeklagten?

Antwort: Ich halte die Anklage, die in der vergangenen Woche vorgelegt wurde, in zwei Punkten für sehr aufschlussreich. Die Staatsanwaltschaft hat offenbar Zeugen, die in der Tatnacht erst Schreie, dann Schüsse gehört haben wollen – was gegen Oscar Pistorius Version der Tat sprechen würde. Und sie will auf die Tatsache hinaus, dass Oscar Pistorius schoss, um zu töten – ob nun auf seine Freundin oder einen etwaigen Einbrecher.

2010sdafrika-Redaktion: Im März 2014 wird das Hauptverfahren gegen Pistorius wegen Mordes beginnen. Weder die Staatsanwaltschaft noch die Polizei konnten bisher mit sauberer Ermittlungsarbeit glänzen. Können wir überhaupt noch von einem fairen Prozess ausgehen?

Antwort: Ich denke schon, dass der Prozess fair verlaufen wird – dafür steht er viel zu sehr im Fokus der Öffentlichkeit.

2010sdafrika-Redaktion: Inwieweit ist das Strafverfahren um die Person Pistorius bereits politisiert, nachdem die Leistungsfähigkeit des südafrikanischen Justizsystems in den öffentlichen Mittelpunkt gerückt ist?

Antwort: Aus der Ferne habe ich nicht das Gefühl, dass sich die Politik allzu sehr in das Verfahren einmischt. Das mag sich ändern, wenn die Hauptverhandlung erst einmal begonnen hat. Derzeit wirkt es allerdings eher so, als brächten beide Seiten ihre Geschütze in Stellung.

2010sdafrika-Redaktion: Benjamin Dürr, Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in Südafrika, verfolgte ebenfalls den Pistorius-Fall vor Ort. In einem Interview mit unserer Redaktion hielt er fest, dass die Anwälte des Sportlers vielversprechend ihren Mandanten vertreten haben. Der Verdacht einer Fluchtgefahr konnte beispielsweise entkräftet werden. Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten bzw. die weitere Strategie der Verteidigung ein?

Antwort: Die Tatsache, dass Oscar Pistorius auf Kaution freikam, deutet sicherlich darauf hin, dass seine Anwälte gute Arbeit geleistet haben. Die weitere Strategie hat die Verteidigung ja bereits angedeutet: Sie wird alles dafür tun, Oscar Pistorius in der Tatnacht als einen verängstigten Menschen darzustellen, der sich wegen seiner Behinderung zusätzlich verletzlich fühlte und in Panik geriet. Gelingt ihnen das, stehen die Chancen für Oscar Pistorius nicht schlecht.

2010sdafrika-Redaktion: Südafrika ist mit Abstand eines der Länder auf der Welt, dass die größten sozialen Gegensätze und Herausforderungen zu bewältigen hat. Andererseits zieht es jedes Jahr Millionen von Menschen an, die das Kap wegen seiner tollen Natur und den freundlichen Menschen aufsuchen. Wie empfinden Sie Land und Leute?

Antwort: Ich habe ja bereits angedeutet, wie sehr mir Land und Leute ans Herz gewachsen sind. Ich habe Freunde aus allen sozialen Schichten, Altersklassen und mit allen Hautfarben. Ich bin auch privat häufig in Südafrika, habe dort geheiratet und nach der Geburt unserer Tochter einen Teil der Elternzeit dort verbracht. Ich empfinde Südafrika als ungewohnt offenes und freudiges, zugleich aber auch ständig spannendes Land. Als ein Land, das in Bewegung ist, das mit ganz grundsätzlichen Problemen zu kämpfen hat. Wo sonst kann man auf diesem Planten das Zusammenwachsen einer Demokratie über alle Schranken hinweg beobachten, mit allen Erfolgen und Problemen.

2010sdafrika-Redaktion: Welches Erlebnis am Kap hat Sie lange beschäftigt bzw. beeindruckt?

Antwort: Da gab es über all die Jahre hinweg viele Momente, Treffen und Gespräche, die mich nachdrücklich beeindruckt haben – vor allem während meiner Zeit an der Uni. Absolut überwältigend fand ich auch die Stimmung auf dem Fanfest in Soweto, wo ich das Eröffnungsspiel der WM 2010 schaute.

2010sdafrika-Redaktion: Zurzeit leben Sie in Berlin. Steht schon fest, wann Sie wieder in Richtung südliches Afrika aufbrechen können?

Antwort: Beruflich ganz sicher zum Prozess gegen Oscar Pistorius im März kommenden Jahres. Privat mit ziemlicher Sicherheit schon einen Monat vorher zur Hochzeit eines lieben Kollegen, den Sie hier schon interviewt haben.

2010sdafrika-Redaktion: Kai Feldhaus, BILD-Chefreporter, vielen Dank für das Interview und Ihnen eine wunderschöne Hochzeit am Kap!

Eine Antwort zu “Für die BILD-Zeitung aus Südafrika berichten

  1. Pingback: Reeva Steenkamp starb am Valentinstag 2013 | SÜDAFRIKA - Land der Kontraste

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