„Felix Magath war schwer zu beeindrucken“

Im Interview mit Bradley Carnell, ehemaliger Bundesliga-Profi und Fußballnationalspieler Südafrikas

(Autor: Ghassan Abid)

© Der südafrikanische Fußballer Bradley Carnell lebte 12 Jahre lang in Deutschland. Er spielte unter anderem für Bundesliga-Profivereine wie dem VfB Stuttgart und Borussia Mönchengladbach. Dann folgten Spiele in der 2. Bundesliga sowie die Rückkehr nach Südafrika. In einem Hintergrundgespräch mit "SÜDAFRIKA - Land der Kontraste" skizziert der Sportler seine Karriere: Beginnend als Jugendlicher in Johannesburg, über seine Spielerfahrungen in Deutschland bis hin zu seinem jetzigen Leben als Agenturchef und Cheftrainer.

© Der südafrikanische Fußballer Bradley Carnell lebte 12 Jahre lang in Deutschland. Er spielte unter anderem für Bundesliga-Profivereine wie dem VfB Stuttgart und Borussia Mönchengladbach. Dann folgten Spiele in der 2. Bundesliga sowie die Rückkehr nach Südafrika. In einem Hintergrundgespräch mit „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ skizziert der Sportler seine Karriere: Beginnend als Jugendlicher in Johannesburg, über seine Spielerfahrungen in Deutschland bis hin zu seinem jetzigen Leben als Agenturchef und Cheftrainer.

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ den ehemaligen Fußballprofi Bradley Carnell. Erstmal vielen Dank für die spontane Zusage zum Interview, Brad. Du bist 1977 in Johannesburg geboren und hast deine sportliche Karriere beim Verein der Wits University in Johannesburg begonnen. Wie hast du diese Zeit noch in Erinnerung?

Antwort: Es war eine echt schöne Zeit. Ein Traum ist wahr geworden, damals als 16-Jähriger als jüngster Spieler überhaupt für einen Profiverein in Südafrika unter Vertrag zu stehen; diesen Rekord halte ich glaube ich immer noch. Unser Coach war Terry Paine, ehemals englischer Fußballspieler beim FC Southampton. Er war sehr streng und direkt. Als junger Mensch habe ich alle seine Entscheidungen wie ein Schwamm aufgesaugt. Ich verspürte den Drang, mich stets zu verbessern und weiterzuentwickeln. Er hat mir in dieser Phase sehr geholfen. Es war eine ziemlich harte Profifußballschule. Nun bin ich froh, dass ich diesen Werdegang nicht abgebrochen hatte. Komischerweise habe ich die wichtigen Tore für Wits University gegen die Kaizer Chiefs erzielt.

2010sdafrika-Redaktion: 1997 gelang dir der große Durchbruch beim Erstligisten Kaizer Chiefs, einem der führenden Fußballvereine Südafrikas aus Soweto. Man sagt, dass bei den „Glamour Boys“ ein harter und aggressiver Fußball gespielt wird. Stimmt das?

Antwort: Das glaube ich nicht. Die Qualität einzelner Spieler war besser als die des Teams, muss ich sagen, aber auf jeden Fall härter als bei Wits University. Wits musste für jeden Punkt immer hart kämpfen. Die Kaizer Chiefs hingegen waren und sind der beste geführte Klub hier in Südafrika. Es war eine Ehre für mich, für ihn zu spielen. Sie haben während meiner Zeit in der Spielsaison 1997/ 98 eine Sportunterkunft mit Weltklasse-Niveau gebaut. Bis heute haben nicht viele Vereine solche hochwertigen Einrichtungen.

2010sdafrika-Redaktion: Dann die große Überraschung in der Saison 1998/99. Du bist vom VfB Stuttgart unter Vertrag genommen worden. Wie kam es zu diesem Wechsel?

Antwort: Ich glaube, ich wurde beim U23-Tournee im französischen Toulon entdeckt. Dirk Dufner, aktuell Sportdirektor von Hannover 96, hat mir eine Stelle beim VfB besorgt und mich als neuen Linksverteidiger vorgeschlagen. Trainer war damals Winnie Schäfer. Ich wurde für 2 Wochen zum Probetraining eingeladen. Es lief sehr gut. Ich muss sagen, dass die Lizenzspieler mir sehr auf und außerhalb des Spielfeldes geholfen haben. Poschi, Schneider, Wohlfahrt, Keller, Balakov, Bobic, Berthold, Verlaat und Thiam haben mich wie eine Familie aufgenommen. Diese Zeit werde ich nie vergessen. Dirk Dufner insbesondere war genial in seine Rolle. Er hat viel Vertrauen in mich gesetzt.

2010sdafrika-Redaktion: Der VfB Stuttgart befand sich während deiner Zeit in einer schwierigen Phase und war stets vom Abstieg bedroht. War das der Grund, warum du dann in der Saison 2003/04 zum Bundesliga-Verein Borussia Mönchengladbach gewechselt bist?

Antwort: Jetzt weiß ich den Grund. Damals wollte ich nur Fußball spielen und ich habe nichts mitgekriegt. Für mich war es der Anfang meiner Reise im deutschen Profigeschäft. Ich konnte kein Deutsch. Im Nachhinein merke ich, wie schwierig es für den VfB war. Wir sind aber gut durchgekommen und haben Vieles und Schönes erlebt. Beim VfB habe ich auch klasse Trainer gehabt, allen voran Ralf Rangnick und Felix Magath. Ich glaube, dass jeder Klub in der Bundesliga es nicht leicht hat, die immer zunehmend schwierige Lage und den Wettbewerb mit den anderen Klubs durchzuhalten. Vor allem Traditionsklubs sind betroffen. Und es sollte nicht vergessen werden, dass wir im Schwabenland waren, wo die Messlatte immer hoch gesetzt wird. Nach 5 ½ Jahren war die Zeit leider schon vorüber. Felix Magath, ein bemerkenswerter Trainer, war ein Mensch, der schwer zu beeindrucken war – fand ich. Das Vertrauen zwischen uns beiden ist verloren gegangen. Ich konnte nicht die Leistung abrufen, die Trainer Magath von mir abverlangt hatte. Wenn ich zurückblicke, so hätte ich bleiben sollen. Ich hätte mir einen längeren Aufenthalt in Stuttgart gewünscht. Ein Leben habe ich mir dort aufgebaut, weit weg von Zuhause. Das ist das Einzige, was ich mittlerweile bereue.

2010sdafrika-Redaktion: Wie bewertest du deine Zeit bei Mönchengladbach?

Antwort: Ich bin sehr dankbar, dass ich in Deutschland hauptsächlich für Traditionsklubs gespielt habe. Ewald Lienen hat mich damals geholt. Ich habe höhere Erwartungen an mir selbst gehabt, aber infolge einer Muskelverletzung während der Vorbereitung ganze 4 Monate pausieren müssen. Lienen ist in dieser Zeit entlassen worden. Der Start lief für mich sehr schlecht ab. Wir hatten 4 Trainer in einem Jahr gehabt. Ich habe dann alles versucht, um wieder auf die Beine zu kommen. Dann hat Dick Advocaat die Betreuung übernommen und er kam mit gleich 13 neuen Spielern. Dies war das Zeichen für mich, dass ich hier weg muss – leider. Denn Borussia Mönchengladbach ist ein geiler Klub und die Fans sind einmalig und treu. Die Menschen waren sehr herzlich. Ich habe auch unvergessliche Erinnerungen in Gladbach; da ist meine erste Tochter zur Welt gekommen. Ich habe auch den Umzug vom Bökelbergstadion zum Borussia-Park miterlebt, aber leider viel zu wenige Fußballmomente eines so fantastischen Klubs.

2010sdafrika-Redaktion: Schließlich hattest du nach deinen Einsätzen beim VfB Stuttgart und bei Borussia Mönchengladbach noch Spiele in der zweiten Liga. Im Juli 2010 verschlug es dich dann zurück nach Südafrika und zwar zum Profiverein Supersport United aus Pretoria. Bereust du deine Zeit in Deutschland aus heutiger Sicht?

Antwort: Ich bereue nichts, auch nicht meine Spiele in der 2. Liga. Ich hatte sehr schöne Momente beim Karlsruher SC gehabt. Ich bin auch mit ihnen im Oberhaus wieder aufgestiegen. Fußballerisch war es vielleicht sogar meine beste Zeit überhaupt gewesen. Geile 4 ½ Jahre waren das. Nach der Zeit in Rostock habe ich mich dann entschlossen, aus persönlichen Gründen wieder nach Südafrika heimzukehren. Und das nach 12 stolzen Jahren in Deutschland.

2010sdafrika-Redaktion: Rund ein Jahr später hast du das Ende deiner Fußballkarriere verkündet. Für viele in Südafrika eine große Überraschung. Trainer Carlos Perreira hatte dich für die Nationalmannschaft zur WM 2010 im eigenen Land nicht nominiert. War dies der Auslöser für dein Sport-Aus?

Antwort: Ich glaube die Überraschung war nicht allzu groß. Nach 18 verbrachten Jahren im Fußball war der weitere Karriereweg unwahrscheinlich. Die Leute wussten, dass ich Blessuren davongetragen hatte. Ich habe das Vertrauen in meinen eigenen Körper verloren und ich denke, es war die richtige Zeit, mich von der Öffentlichkeit zu verabschieden. Die Nicht-Nominierung war für mich auch nicht überraschend, weil ich nicht mehr in der besten Verfassung war. Ich habe meinen Traum mit der WM-Teilnahme 2002 realisiert; das war für mich das Ultimatum. Dass es nicht geklappt hat mit der erneuten WM-Mitwirkung, habe ich sehr einfach abhaken können.

2010sdafrika-Redaktion: Wenn du den südafrikanischen und deutschen Fußball miteinander vergleichst, wo siehst du Gemeinsamkeiten und Unterschiede?

Antwort: Das Level in Südafrika wird immer besser, da viele Profis aus dem Ausland kommen und für einige Jahre hier spielen. In Freundschaftsspielen haben 2 südafrikanische Klubs Manchester City aus der englischen Premier League in diesem Jahr geschlagen. Vielmehr ist unser Problem, eine gewisse Kontinuität in unser Spiel zu bekommen. Die südafrikanischen Fußballer sind sehr gut in der Ballführung und zählen technisch betrachtet, – so meine ganz persönliche Meinung – zu den besten Spielern. Jedoch als Team zu funktionieren, da besteht noch Handlungsbedarf. Die Spieler wollen immer den Ball an ihrem Fuß haben und sind nicht bereit, in der Tiefe zu laufen. Die Bundesliga bietet alles, was vom Fußball verlangt wird. Deswegen ist die Bundesliga momentan sehr angesagt.

2010sdafrika-Redaktion: Welchen Beruf übst du zurzeit aus und inwieweit vermisst du den Profifußball?

Antwort: Zurzeit habe ich eine Spieleragentur aufgemacht, die ich nebenbei betreibe. Hauptberuflich bin ich Cheftrainer des Fußballvereins der Universität von Johannesburg, mit welchem ich in der 4. Liga spiele. Ich werde auch meinen Trainerschein in Deutschland nächstes Jahr machen; das wird dann wohl zum Anfang die B-Lizenz sein. Ab und zu trete ich im Sport-TV als Experte für Bundesliga- und Champions League-Spiele auf.

2010sdafrika-Redaktion: Bradley Carnell, südafrikanischer Fußballprofi mit Spieleinsätzen beim VfB Stuttgart und bei Borussia Mönchengladbach, vielen Dank für dieses sehr interessante Hintergrundgespräch. Ich wünsche dir, lieber Brad, alles Gute für den weiteren Lebensweg!

Eine Antwort zu “„Felix Magath war schwer zu beeindrucken“

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