Theater für das Township Alexandra

Ntshieng Mokgoros Traum der Schauspielerei: Proben zwischen Bohnerwachs und Putzmitteln

(Autorin: Sine Thieme)

Alexandra, wie sich meine Leser vielleicht erinnern, ist der Ort vor dem ich strengstens gewarnt wurde. Wir waren vielleicht gerade eine Stunde auf südafrikanischem Boden gewesen, damals bei unserem Umzug aus den USA, und befanden uns auf der Fahrt vom Flughafen zu unserem neuen Haus im Norden Johannesburgs. G, der Fahrer meines Mannes, zeigte auf ein Ausfahrtschild. „Diese Abfahrt dürft ihr nie nehmen, wenn euch euer Leben lieb ist“, sagte er.

© Das Theaterstück "Paradise Lost", eine Produktion von Ntshieng Mokgoro, wird im Township Alexandra dargeboten. In einem Seifengeschäft proben die Schauspielerinnen. Es wird improvisiert und ausprobiert. (Quelle: Manuela Accarpio)

© Das Theaterstück „Paradise Lost“, eine Produktion von Ntshieng Mokgoro, wird im Township Alexandra dargeboten. In einem Seifengeschäft proben die Schauspielerinnen. Es wird improvisiert und ausprobiert. (Quelle: Manuela Accarpio)

Wer seither meinen Blog Joburg Expat verfolgt hat, wird vielleicht auch wissen, dass ich diesen Ratschlag völlig ignoriert habe. Hauptsächlich deswegen, weil ich es nicht ausstehen kann, wenn mir jemand sagt was ich alles nicht tun darf. Aber trotzdem machte ich mir fast in die Hose vor Angst, als ich einige Monate später den ersten Vorstoß in das älteste und berüchtigste Township von Johannesburg machte. Es war wirklich alles furchterregend. Ein Slum, durchzogen von schmalen krummen Gassen, Bauschutt an Strassenecken, Wäsche auf Leinen in graslosen Hinterhöfen, barfüssige Kinder spielend am staubigen Straßenrand zwischen ein paar Ziegen, zweifelhafte Gestalten überall. Gestalten die, wie ich mir einbildete, mich und auch mein glänzendes Riesenauto mit gierigen und bösartigen Augen anstarrten.

Das war vor drei Jahren. Meine Geschichte heute handelt von einer Theatervorführung in Alexandra. Ja, ausgerechnet Theater. Eine Sache, die man mit Kultur und Bildung und Freizeit assoziiert – alles Begriffe, die einen normalerweise nicht gerade an einen Ort wie Alexandra denken lassen. 

© "Paradise Lost" ist ein Theaterstück, das keines schicken Gebäudes bedarf. Alles, was man braucht, sind Leute, die eine Geschichte erzählen können, sagt die Leiterin Ntshieng Mokgoro. (Quelle: Manuela Accarpio)

© „Paradise Lost“ ist ein Theaterstück, das keines schicken Gebäudes bedarf. Alles, was man braucht, sind Leute, die eine Geschichte erzählen können, sagt die Leiterin Ntshieng Mokgoro. (Quelle: Manuela Accarpio)

Was hat sich in drei Jahren geändert? Die Antwort ist, nicht viel. Alexandra hat sich kaum verändert, nur meine Einstellung dazu. Es ist schwer zu glauben, wie stark unsere Voreingenommenheit die Realität, so wie wir sie sehen, beeinflussen kann. Was damals furchterregend aussah, war auf einmal lebendig. Was unordentlich aussah, wurde liebenswert. Was dubios aussah, wurde interessant. Und was bösartig aussah, wurde einladend.

Natürlich ist Alexandra, wenn man es mit meiner neugewonnenen Wahrnehmung betrachtet, der perfekte Ort für’s Theater. Schreit sozusagen gerade danach. Wie meine Bloggerkollegin 2Summers beschreibt (und wo ich zum ersten Mal von dieser Geschichte hörte), ist es eine Gemeinde von zirka 180.000 Menschen, die sich auf einem eher kleinen Gebiet direkt neben einem der reichsten Vororte Johannesburgs auf die Füße treten. Und es existiert schon seit ziemlich genau 100 Jahren. Es ist voll von Geschichte und Tradition. Es ist voll von Menschen mit großem Talent und Ambition – und viele von ihnen haben Geschichten zu erzählen. Unglaubliche Geschichten und traurige Geschichten und erschreckende Geschichten, denn das Leben im Township gibt unendlich viel Material dafür her.

Eine solche Person mit Talent zum Geschichtenerzählen ist Ntshieng Mokgoro, Gründerin der „Olive Tree Theatre Production“. Ntshieng war im Jahr 2009 die erste schwarze Frau, die den „Standard Bank Young Artists Award for Drama“ gewann. Heute organisiert sie Theater-Workshops für Frauen in Alexandra. Sie glaubt fest daran, dass Theater große Dinge erreichen kann – es kann Menschen helfen, dass sie sich besser fühlen, es kann ihre Herzen vor dem Austrocknen bewahren, es kann Geschichten erzählen, die nach und nach unsere Welt verändern, oder zumindest unsere Weltauffassung. Vielleicht liegt Ntshieng’s Erfolg an ihrem unkonventionellen Ansatz.

Sie bezieht nämlich die Zuschauer und deren Einsichten und Erfahrungen in das Stück mit ein, so dass es zu einem „lebenden, atmenden, sich entwicklenden Stück“ wird. Das hätte ich gerne gesehen. Denn für mich bedeutet das Afrika. Die Idee, dass die Menschen ein Teil von etwas größerem sind, das sie miteinander verbindet, der Gedanke von „Ubuntu“, die Verknüpfung von individuellem Ehrgeiz mit der Gemeinschaft und das Hin- und Her zwischen beiden. Als Ntshieng ihren Preis für dramatische Darstellung erhielt, sagte sie: „Der Preis gehört der Gemeinde, er kam nur durch mich.“ Welche Weisheit und Bescheidenheit in dieser Tochter Alexandras.

© Ntshieng Mokgoro ist Gründerin der "Olive Tree Theatre Production". Ntshieng war im Jahr 2009 die erste schwarze Frau, die den “Standard Bank Young Artists Award for Drama” gewann. Seither engagiert sie sich im Township Alexandra für die Schauspielkunst. (Quelle: Manuela Accarpio)

© Ntshieng Mokgoro ist Gründerin der „Olive Tree Theatre Production“. Ntshieng war im Jahr 2009 die erste schwarze Frau, die den “Standard Bank Young Artists Award for Drama” gewann. Seither engagiert sie sich im Township Alexandra für die Schauspielkunst. (Quelle: Manuela Accarpio)

Ich hörte Ntshiengs Geschichte zum ersten Mal von einer Expat-Kollegin, Manuela Accarpio. So wie ich damals Alexandra Baseball zufällig entdeckte, als ich mehr oder weniger ziellos auf dem Internet herumsurfte, suchte Manuela letztes Jahr nach Veranstaltungen zum hundertjährigen Jubiläum von Alexandra. Aber sie fand nichts. „Alex kommt mir immer wie das vergessene Township vor“, erzählte sie mir. “Die meisten Südafrikaner hatten keine Ahnung, dass Alex hundert Jahre alt war.

Zum Glück fand sie schließlich einen Artikel über Ntshieng und entschloss sich kurzerhand, sie anzurufen. Ihre Geschichte bewegte sie so sehr, dass sie Ntshieng treffen wollte. Zusammen mit ihrer Nachbarin Kerryn Irvin fuhr Manuela also nach Alexandra, und daraus entwickelte sich eine enge Freundschaft und Zusammenarbeit. Mit Kerryns Hilfe wurde Olive Tree Theatre Production eine NGO, was nicht gerade eine einfache Errungenschaft ist. Davon kann ich ein Liedchen singen, da ich mich auch schon mit südafrikanischer Sturheit und Bürokratie herumschlug, um meinem Baseball-Club zu demselben begehrten NGO-Status zu verhelfen.

Danach spielten sie mit dem Gedanken, ein „Womens Theatre Festival“ ins Leben zu rufen, um neu aufstrebenden weiblichen Theaterregisseuren eine Chance zu geben, ihre Stücke vorzuführen. Dieses Festival wurde Realität und fand im Oktober zum ersten Mal direkt in Alexandra statt. Um mehr über das „Womens Theatre Festival“ zu erfahren, klicken Sie hier.

Falls das jetzt unglaublich professionell klingt, dann ist das gerechtfertigt. Es ist erstaunlich, was diese Frauen mit schierer Willenskraft ins Leben gerufen haben. Und dennoch, wie man sich vorstellen kann, war es kein einfaches Unterfangen. Wie bei fast allem in Alexandra ist der Mangel an Geld ein akutes Problem.

Außerdem gibt es in Alexandra überhaupt kein Theater. Also ein richtiges Gebäude, zu dem die Leute hingehen und Eintrittskarten an einem Schalter kaufen können. Mit einer Bühne mit Vorhang und Sitzen für die Zuschauer und Toiletten und all dem was eben sonst noch alles als selbstverständlich erachtet wird von jemandem wie mir, der im Schoße des Luxus aufgewachsen ist. Oder vielmehr was ein Einwohner von Alexandra sich unter dem Schoß des Luxus vorstellt, wenngleich es in Wirklichkeit nichts anderes als eine Mittelklasse-Kindheit in einem westlichen Land war.

© NGO-Unterstützerin Kerryn Irvin und Theaterleiterin Ntshieng Mokgoro. (Quelle: Manuela Accarpio)

© NGO-Unterstützerin Kerryn Irvin und Theaterleiterin Ntshieng Mokgoro. (Quelle: Manuela Accarpio)

Zum Glück bedarf es für gutes Theater nicht eines schicken Gebäudes. Alles, was man braucht, sind Leute, die eine Geschichte erzählen können. „Wir haben zwar kein Gebäude“, sagt Manuela. „Aber wir haben Theater. Theater kann es überall dort geben, wo es Schauspieler und Zuschauer gibt, sogar in einem Seifengeschäft!”. In der Tat ist es in einem Seifengeschäft wo Ntshieng und die anderen Frauen während der letzten Monate geprobt haben – zwischen Bohnerwachs und Putzmittel und mit regelmäßigen Pausen, um zwischendrin Kunden zu bedienen.

Das “Womens Theatre Festival” letztes Wochenende war ein Testament dafür, was aus den engen Räumen eines Seifengeschäfts und dem Kopf einer bemerkenswerten Frau entstehen kann. Und hoffentlich war es auch der erste Schritt auf dem Weg dahin, Ntshiengs und Kerryns und Manuelas großen Traum eines Theaters zu verwirklichen. Ein richtiges Theater wie ich es zuvor beschrieben habe. Ein Theater für Alexandra, für die ganze Gemeinde.

Wenn genügend Leute diese Geschichte hören, wird der Traum vielleicht eines Tages wahr werden.

***

Ich liebe das Theater. Ich lebe für das Theater. Es ist meine Leidenschaft.

Interview mit Ntshieng Mokgoro (in Englisch)

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