Mandelas Wahrnehmung durch Weiße

„Wir bemühen uns nach Kräften, auf die Ängste der Weißen einzugehen.“ Südafrika gehört allen Bewohnern

(Autor: Martin Hiebsch)

– MANDELA-Spezial –

Bei der Beantwortung der Frage wie Nelson Mandela durch „weiße“ Südafrikaner wahrgenommen wurde, muss zunächst analysiert werden, wie sich der Wandel vom Apartheid-Regime zum „neuen“ Südafrika unter seiner Präsidentschaft vollzog.

© Nelson Mandela war der festen Überzeugung, dass die weiße Minderheit keine Nachteile im neuen Südafrika erleiden darf. Sonst funktioniere der Versöhnungsprozess nicht. (Quelle: flickr/ World Economic Forum)

© Nelson Mandela war der festen Überzeugung, dass die weiße Minderheit keine Nachteile im neuen Südafrika erleiden darf. Sonst funktioniere der Versöhnungsprozess nicht. (Quelle: flickr/ World Economic Forum)

Aus der Erfahrung eines außerordentlichen menschlichen Unglücks muss eine neue Gesellschaft entstehen, auf welche alle Menschen stolz sein können.“ Das war die zentrale Aussage Mandelas während des politischen Umbruchprozesses Anfang der 90er Jahre. Schritte für den gemeinsamen Übergang von „Schwarzen“ und „Weißen“ zu einer Gesellschaft ohne Rassenschranken waren die Formierung der Regierung der nationalen Einheit, mit der Beteiligung von Vertretern aller Hautfarben und die von ihm und anderen formulierte Freiheitscharta.

In der Charta wurde festgelegt, dass Südafrika allen seinen Bewohnern gehören soll, „Schwarzen“ und „Weißen“. Ein Grundrechtekatalog schützte jeden einzelnen unabhängig von seiner Hautfarbe. Durch den Grundrechtekatalog erhielt jede Gruppe das Recht auf die Ausübung ihrer eigenen Sprache und Kultur. Mandela versuchte nicht nur, die Lebensbedingungen der Menschen zu verändern, sondern plante durch die Bildung der Wahrheits- und Versöhnungskommission auch ihre Versöhnung untereinander.

Er fand es wichtig, den „Weißen“ klarzumachen, dass sie keineswegs unter der neuen Regierung leiden müssten. Sie sollten jedoch Fehler der Vergangenheit eingestehen und so für Verständnis und Vergebung innerhalb der „schwarzen“ Bevölkerungsschicht sorgen. Der Grundgedanke der Kommission lautete: „Vergeben ohne zu vergessen.“ Die Kommission gab den „Tätern“ die Gelegenheit dieser Besinnung und die Chance, durch die Hilfe beim Aufbau des „neuen“ Südafrikas, ihre Verbrechen wiedergutzumachen. Die Schuld durch Verbrechen der Apartheidzeit sollte den „Weißen“ somit nicht als jahrelange Bürde auferlegt bleiben. Gewalt und Hass konnten nicht mit Gewalt und Hass bekämpft werden und genau das haben Mandela und seine Begleiter erkannt und verstanden.

Es war wahrscheinlich vor allem Mandelas starke Persönlichkeit, die es den „Weißen“ schwer machte ihn abzulehnen. So gab es niemanden, den er für seine verlorenen 27 Gefängnisjahre verantwortlich machte. Er vertrat die Meinung, dass die Vergangenheit zu vergessen sei und die Menschen sich auf den Aufbau der Zukunft konzentrieren sollten. Zwar verstand er das Verlangen nach Rache innerhalb der „schwarzen“ Bevölkerungsschicht, hielt jedoch eine Generalamnestie für den besseren Weg.

Kein Verbrechen aus der Vergangenheit sollte mehr eine Rolle spielen. Dabei vertrat er die Meinung, dass viele Verbrechen auf Veranlassung der Regierung passierten und zwar nach dem Grundsatz: „Wenn wir die Grausamkeiten der Regierung vergessen können, warum sollten wir nicht die gleiche Haltung gegenüber einfachen Leuten einnehmen, die aufgrund ihrer Stellung in der Gesellschaft kaum wussten, was sie taten. Wir bemühen uns nach Kräften, auf die Ängste der Weißen einzugehen. Wir versichern ihnen, dass sie in der Zukunft nichts zu fürchten haben“.

Mandela schaffte durch seine Politik der Versöhnung, dass sich der Umbruch in Südafrika Anfang der 90er Jahre ohne größeres Blutvergießen vollzog. Maßnahmen wie die Formierung der Regierung der nationalen Einheit und Ereignisse wie die Rugby-Weltmeisterschaft 1995 unterstützen die Herausbildung einer gemeinsamen Identität.

Südafrika ist heute leider weiter von einer Versöhnung und Gleichheit aller seiner Bewohner entfernt, als zu Zeiten der Präsidentschaft Nelson Mandelas. Seinen Nachfolgern Thabo Mbeki und Jakob Zuma ist es nicht gelungen, viele der großen Erwartungen an das „neue“ Südafrika umsetzen. Wahrscheinlich gerade aus diesem Grund schauen heute die Südafrikaner mit Anerkennung und ein bisschen Wehmut auf die Zeit des friedlichen und des von Hoffnung getragenen Übergangs der Präsidentschaft Mandelas zurück – „Schwarze“ wie auch „Weiße“.

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