Das Erbe von Nelson Mandela

„Der Speer ist gefallen, wir müssen ihn aufnehmen“

(Autor: Detlev Reichel)

– MANDELA-Spezial –

Ein Tsunami von Nachrufen, Zitaten, Rückblicken, Anekdoten, Einschätzungen, Bildern, Aufzeichnungen und Interviews stürzt derzeit auf uns ein. Es ist als habe jemand mit der Todesnachricht Nelson Mandelas irgendwo im Meer der Medien einen Stöpsel gezogen. Es gibt kaum eine Ecke auf dem Planeten, in die der Name Nelson Mandela noch nicht gedrungen ist.

    © Mandela ist der Nationalheld Südafrikas. Überall im Lande ist er präsent. Straßennamen, Denkmäler und Geldscheine sind dem Idol gewidmet. Doch was bleibt wirklich zurück? (Quelle: flickr/ chaouki)

© Mandela ist der Nationalheld Südafrikas. Überall im Lande ist er präsent. Straßennamen, Denkmäler und Geldscheine sind dem Idol gewidmet. Doch was bleibt wirklich zurück? (Quelle: flickr/ chaouki)

Nelson Rolihlahla Mandela steht längst im Geschichtsbuch der Menschheit. Er steht dort gleichberechtigt mit Persönlichkeiten wie Mahatma Ghandi, Wladimir I. Lenin, Rosa Luxemburg, Patrice Lumumba, Martin Luther King und – um einen großen Bogen zurück in die Geschichte zu spannen – Spartacus. Nun mag man einwenden, diese Persönlichkeiten sind nicht über einen Kamm zu scheren. Doch einen gemeinsamen Nenner haben sie: Der Kampf um Freiheit und Menschenwürde, in dem sie jeweils eine Führungsrolle übernahmen und damit den Fortgang der menschlichen Geschichte entscheidend mit beeinflusst haben.

Wofür steht Nelson Mandela?

Nelson Mandela ist Beispiel gebend für den aufrechten Gang. Sein Credo, das er im Rivonia-Prozess 1963 abgab, ist das demokratische Credo der bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Um diese Ideale für ihr Land zu verwirklichen, haben Nelson Mandela und seine Mitstreiter u.a. auch bei den Regierungen in Europa und Nordamerika, die sich selbst als Gralshüter der Demokratie verstehen, um Unterstützung geworben. Ohne Erfolg. Die Regierungen in Washington, London und Bonn zogen es vor an der Seite eines rassistischen Terror-Regimes zu bleiben, dessen antikommunistisches Bekenntnis ihnen eher zusagte als die demokratischen Ziele der afrikanischen Organisationen. Mandela blieb jedoch seinem Credo und damit den Interessen seines Volkes treu und lebte dafür 27 Jahre seines Lebens in Gefangenschaft.

Diese Unbeugsamkeit und Standhaftigkeit trug Früchte. Ende der 1980er Jahre diktierte der Gefangene seinen Kerkermeistern die Bedingungen seiner Freilassung, nicht umgekehrt. In einer Botschaft an die Menschen Südafrikas: Eure Freiheit und meine Freiheit sind unzertrennbar, wies er damals, durch den Mund seiner Tochter Zinzi, das bedingte Angebot des Regimes, ihn freizulassen, zurück. Er war nicht bereit, den konsequenten Kampf für eine freie, demokratische Gesellschaft zu beenden, in der das Prinzip des allgemeinen und freien Wahlrechts (one person one vote) gilt. Das Regime musste ihm und seinen Mitgefangenen schließlich bedingungslos die Gefängnistore öffnen.

Revolutionär und Visionär

Nelson Mandela war ein Revolutionär. Er und seine Mitstreiter haben den Afrikanischen Nationalkongress radikalisiert und zu einer nationalen Befreiungsbewegung entwickelt. Als der friedliche, gewaltlose Weg durch die gnadenlose Gewalt des Regimes versperrt war, organisierte der ANC schließlich den bewaffneten Kampf. Als erster Oberbefehlshaber des bewaffneten Arms „Umkhonto we Sizwe“ (Speer der Nation), wußte Mandela, dass es nicht um einen militärischen Sieg gegen das hochgerüstete Regime gehen kann. Die politische Arbeit des ANC im Untergrund, in der Gewerkschaftsbewegung, selbst in Wirtschaftskreisen, in legalen zivilgesellschaftlichen Organisationen, in den Kirchen aller Denominationen und in der internationalen Staaten- und Völkergemeinschaft – all das sollte zusammenfließen zu dem breiten Strom, der am Ende das Apartheidregime fortspülte. Mandelas Fähigkeit, den Blick auf das Ziel zu bewahren, seine Vision einer freien, demokratischen und gerechten Gesellschaft, machte ihn zum großen Einiger (unifier), als den ihn die Welt heute kennt.

Würde und Versöhnung

Nelson Mandela war also eine Schlüsselfigur für das Ende des Apartheidregimes und für den Beginn des demokratischen Umbaus der südafrikanischen Gesellschaft. Die Menschen in Südafrika fanden ihre Würde wieder. Die Schwarzen, denen man über drei Jahrhunderte lang einbläute, sie seien minderwertig, und die Weißen, die im Irrglauben an die eigene Überlegenheit ihre Menschlichkeit verloren hatten. Ob letzere diese Chance begreifen und von ihr Gebrauch machen, steht auf einem anderen Blatt. Das Wiedererlangen der menschlichen Würde war auch die Triebkraft des Versöhnungsprozesses, den Mandela eingeleitet hat und der mit der Wahrheits- und Versöhnungskomission (TRC) weitergeführt wurde. Sinn und Zweck dieses Prozesses, ist jedoch in der südafrikanischen Gesellschaft heute umstritten. Die einen sagen, er war heilsam, andere sehen darin den Ausdruck eines zu weitreichenden Kompromisses mit dem alten Regime und damit den Abbruch des revolutionären Prozesses, der hätte zu Ende geführt werden müssen. Dieser Abbruch wird auch als Ursache vieler Mängel im demokratischen Prozess gesehen, insbesondere die unveränderten wirtschaftlichen Machtverhältnisse, wie sie aus dem alten Regime übernommen wurden.

Lernen! Lernen! Lernen!

Mandelas Erbe steht heute vor allem für die Zukunft der Kinder und Bildung. Sein Appell an die Jugend lautet: Lernen! Lernen! Lernen! Dies sei der Schlüssel zu einer besseren Zukunft. Die Frage stellt sich, inwieweit dies ein Appell bleibt, den jeder und jede individuell für sich umsetzt (oder nicht), oder ob sich daraus vielmehr handfestes politisches Handeln entwickelt. Im Moment ist eine umfassende Bildung noch weitgehend ein Privileg der Wohlhabenden. Der Schulbuchskandal in der Provinz Limpopo ist nur ein krasses Beispiel für den desolaten Zustand das staatlichen Schulsystems. Das Umsetzen des Verfassungsauftrages, der jedem Kind in diesem Land eine gute Schulbildung garantiert, bleibt eine der großen Herausforderungen der aktuellen und aller kommenden Regierungen, egal unter welchem Präsidenten oder unter welcher Partei.

Den Speer aufnehmen

In diesen Tagen heißt es „Der Speer ist gefallen, wir müssen ihn aufnehmen.“ Oder mit Mandelas eigenen Worten: Der lange Weg zur Freiheit ist noch nicht zu Ende. Wie also das Erbe des Nelson Rolihlahla Mandelas weiter entwickelt wird, hängt von denen ab, die jetzt und in Zukunft „den Speer tragen“ und dieses große und wunderbare Land führen und steuern werden.

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