Straßenkampf um Nelson Mandela in Berlin

Streit um Platzbenennung vor Humboldt-Forum. Mandelas Name droht missbraucht zu werden

(Autor: D. Tamino Böhm)

Kurz nach dem Tod Nelson Mandelas am 5. Dezember in Johannesburg verkündete die „Stiftung Zukunft Berlin„, sie möchte den Platz vor dem geplanten Humboldt-Forum nach dem Freiheitskämpfer benennen lassen. Was auf den ersten Blick nach einer Ehrung des ersten Präsidenten Südafrikas aussieht, ist nicht weniger als ein Schlag ins Gesicht aller Menschen, die sich gegen Rassismus, Kolonialismus und Ausbeutung zur Wehr setzen, allen voran Nelson Mandela.

    © Das Humboldt-Forum in Berlin soll ein Treffpunkt von Wissenschaft, Kultur und Politik sein. Die zuständige "Stiftung Zukunft Berlin" beabsichtigt den Platz vor dem Forum in Nelson Mandela Platz zu benennen. Allerdings fürchten Kritiker einen Namensmissbrauch. Denn einige im Forum gezeigte Exponate wurden während des Kolonialismus mit bizarren Mitteln erworben.

© Das Humboldt-Forum in Berlin soll ein Treffpunkt von Wissenschaft, Kultur und Politik sein. Die zuständige „Stiftung Zukunft Berlin“ beabsichtigt den Platz vor dem Forum in Nelson Mandela Platz zu benennen. Allerdings fürchten Kritiker einen Namensmissbrauch. Denn einige im Forum gezeigte Exponate wurden während des Kolonialismus mit bizarren Mitteln erworben.

Der Bau des Humboldt-Forums wurde bereits 2002 beschlossen und im Sommer 2013 wurde der Grundstein gelegt. Das Forum, welches auf dem Grundstück des alten Berliner Stadtschlosses entsteht, soll ein Treffpunkt von Wissenschaft, Kultur und Politik sein und den Besuchenden die verschiedenen außereuropäischen Kulturen näherbringen. Namensgeber sind die Gebrüder Humboldt, die damit für ihr geistiges Erbe geehrt werden sollen.

In den letzten Jahren regte sich jedoch Widerstand gegen das Forum an sich und seine Namensgeber. In der Kritik steht die Herkunft der Exponate, denn die Berliner Museen sind nicht im Besitz der fast 500.000 Exponate, sondern haben diese während des Kolonialismus mit bizarren Mitteln erworben. Oft wurde dabei direkt Gewalt angewendet, um zum Beispiel Zepter oder Throne zu erhalten. Teilweise haben europäische Forscher sogar bestattete Menschen zur Ausstellung nach Berlin gebracht, unter ihnen der Namensgeber des Forums Alexander von Humboldt. Die Exponate sind somit Folge der Kolonialagitationen Brandenburgs und Preußens. Die Stadt Berlin widersetzt sich bis heute, die Erwerbsgeschichte aufzuarbeiten, beziehungsweise die Gegenstände zurückzuführen, wie es eine UN-Resolution fordert.

Ebenfalls kritisiert wird der Standort des Forums im wiederaufgebauten Schloss der Hohenzollern, die maßgeblich an Erkundungsreisen und Ausbeutung während des Kolonialismus beteiligt waren und Hauptverantwortlich waren für die Versklavung tausender Menschen und mehreren Genoziden in den ehemaligen Kolonien. Bis heute trägt der Imperialismus der europäischen Staaten zur Ausbeutung der Bevölkerungen Afrikas und anderswo bei. Die Darstellung der außereuropäischen Kulturen, wie sie bereits jetzt im Ethnologischen Museum Dahlem zu sehen sind, ist eine Darstellung von „Fremden“ und „Anderen“, die zumeist als „primitiv“ und „natürlich“ dargestellt werden. Diese Methode folgt den Ausstellungen von Menschen und Kulturen, wie sie während der Kolonialzeit bereits stattgefunden hat und konstruiert Menschen aus Afrika, Asien, Südamerika und Ozeanien als minderwertig der deutsch-preußisch-europäischen Kultur gegenüber. Eine Völkerverständigung, wie sie von den tragenden Stiftungen im Forum gewünscht wird, kann in Anbetracht dieser Darstellung nicht stattfinden.

In diesem Zusammenhang erscheint es grotesk, den Platz vor dem Humboldt-Forum nach Nelson Mandela zu benennen, dessen Name für Gleichberechtigung und Antirassismus steht und so für ein Projekt missbraucht wird, welches in seinen Ideen und Strukturen kolonial, rassistisch und ausgrenzend ist. Sogar die Botschaft Südafrikas hat sich bereits letzte Woche zu dem geplanten Platz geäußert und hofft, „dass die Integrität und das Erbe Nelson Mandelas in der Entscheidungsfindung berücksichtigt werden, besonders mit Hinsicht auf seinen eindeutigen Standpunkt zu Themen wie Kolonialismus, Rassismus, Sklaverei, kulturelle und materielle Ausbeutung ebenso wie Respekt für das kulturelle Erbe der Menschen und Nationen Afrikas.

Dass es der Stadt anscheinend nicht darum geht einen großen Freiheitskämpfer zu ehren, sondern lediglich dessen Erscheinung und Bild zu benutzen, wird deutlich wenn man betrachtet welche anderen Straßennamen die Stadt nach ihm benennen könnte. Viel länger als das Humboldt-Forum und der dazugehörige Platz stehen rassistische Straßennamen in der Kritik, allen voran die Mohrenstraße, welche nach Wunsch von Vereinen in Nelson-Mandela-Straße umbenannt werden soll.

Die Straße wurde um 1700 nach den dort einquartierten afrikanischen Versklavten benannt, die Friedrich Wilhelm I. aus den Niederlanden als Geschenk erhalten hatte und die mit dem rassistischen Begriff „Mohren“ diskriminiert wurden. An dieser Stelle fehlt eine ersthafte Auseinandersetzung mit dem Begriff und der Wortherkunft. Auch heute noch werden mit diesem Begriff schwarze Menschen diskriminiert, dessen Wortherkunft auf das griechische moros für einfältig, töricht und dumm zurückzuführen ist. Die Straße stattdessen nach einem Schwarzen Menschen des Widerstandes gegen Rassismus zu benennen wird von der Regierung abgeblockt, obwohl es auch in der Politik einige Befürworter einer Umbenennung gibt.

Ginge es der Stadt um Gleichheit und Völkerverständigung, so wie es in zahlreichen Pressemitteilungen über das Humboldt-Forum heißt, könnte sie diese rassistische Namensgebung aufheben und statt ihrer jemanden Ehren, der tatsächlich für diese Werte eingetreten ist: Nelson Mandela.

2 Antworten zu “Straßenkampf um Nelson Mandela in Berlin

  1. Pingback: Streit um Nelson-Mandela-Straße in Berlin | SÜDAFRIKA - Land der Kontraste

  2. Sehr intressanter Beitrag. Dank dafuer. Die Wissenschaften des 18. und 19. Jahrunderts bis hinein ins 20. haben in der Tat auch rassistische und stark eurozentristische Zuege. Beispielsweise die Annahme, das antike Griechenland sei „die Wiege der Zivilisation“. Dies ist eine Praemisse, mit der zig Generationen humanistisch gebildeter Menschen in Europa aufgewachsen sind. Doch laesst diese Betrachtungsweise den bedeutsamen Einfluss der viel aelteren Kultur und Wissenschaften des alten Aegyptens auf die Mittelmeerregion, einschliesslich Hellas, ausser Betracht. Aegypten ist nicht nur Teil des afrikanischen Kontinents, es war vor Zeiten auch eine „schwarze“ Kultur.
    Die Annahme, die europaeische ‚Zivilisation‘ sei anderen ‚Zivilisationen‘ ueberlegen, ist also in sich rassistisch. Wenn nun diese Annahme durch Exponate und Herangehensweisen in einem wissenschaftlchen Forum bestaetigt werden soll, so ist das verwerflich. Und sollte nicht noch mit dem Namen Mandela einen heuchlerischen Zuckerguss bekommen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s