„Der Staat hat die Rockerbekämpfung verschlafen“

Im Interview mit Stefan Schubert, ehemaliger Polizeibeamter und Hells Angels-Buchautor

(Autor: Ghassan Abid)

    © Stefan Schubert war Beamter bei der Bundespolizei. Nach dem öffentlichen Bekanntwerden, dass er in seiner Freizeit als Hooligan auftrat, quittierte Schubert den Polizeidienst. Für sein Buch "Wie die Hells Angels Deutschlands Unterwelt eroberten" recherchierte der Buchautor über die Hells Angels unter Rückgriff auf Gespräche mit Polizisten.

© Stefan Schubert war Beamter bei der Bundespolizei. Nach dem öffentlichen Bekanntwerden, dass er in seiner Freizeit als Hooligan auftrat, quittierte Schubert den Polizeidienst. Für sein Buch „Wie die Hells Angels Deutschlands Unterwelt eroberten“ recherchierte der Buchautor über die Hells Angels unter Rückgriff auf Gespräche mit Polizisten.

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Herrn Stefan Schubert – ehemaliger Bundespolizist, Ex-Hooligan und Hells Angels-Buchautor. Ich möchte zuerst auf Ihren Werdegang eingehen. Wieso entschieden Sie sich für den Polizeidienst?

Antwort: Ich habe mit 17 Jahren eine einzige Bewerbung geschrieben: zur Bundespolizei. Vor allem hat mich die Vielseitigkeit des Polizeidienstes, die körperliche wie geistige Arbeit gereizt, gepaart mit einer Portion Abenteuerlust.

2010sdafrika-Redaktion: Welche Aufgaben übernahmen Sie und in welchen Dienststellen der Bundespolizei wurden Sie eingesetzt?

Antwort: In der Ausbildung wurden wir zuerst in der Lüneburger Heide kaserniert und trainiert und sind von dort als Einsatzhunderschaft in der gesamten Republik eingesetzt worden. Von gewalttätigen Demonstrationen, Staatsbesuchen, Objektschutz bis hin zu Fußballspielen. Später wurde ich in mehreren Städten im Streifendienst eingesetzt.

2010sdafrika-Redaktion: Im Laufe Ihrer Zeit als Polizist waren Sie gleichzeitig auch als Hooligan der „Blue Army“ in Bielefeld aktiv. Acht Jahre lang schlugen Sie auf andere Menschen ein. Der SPIEGEL-Journalist Jörg Diehl kritisierte Sie scharf und hielt fest: „Es sind die Hände eines Mannes, der mit ihnen viel Unheil angerichtet hat“. Hat der Kick auf Streife für Sie nicht ausgereicht?

Antwort: Bei der Polizei habe ich ausgeglichen und verhältnismäßig agiert. Der Streifendienst an sich ist völlig überreguliert, und durch zig Vorschriften gleicht er immer mehr einem Verwaltungsakt, als tatsächlicher polizeilicher Arbeit.

2010sdafrika-Redaktion: Nach dem Medienecho um Ihre Person verließen Sie die Bundespolizei. Wieso hakten Sie diesen Lebensabschnitt abrupt ab und wie reagierten Ihre Kollegen auf die Kündigung?

Antwort: Mich durch sämtliche Instanzen zu klagen und später das gleiche verwaltungstechnische Klageverfahren im Disziplinarrecht noch einmal durchzumachen, dessen Urteil sowieso schon feststand, wollte ich nicht.

Außerdem war aufgrund meines Doppellebens der Ausstieg aus dem Polizeidienst unvermeidlich und angemessen. Wen die ganze Geschichte genauer interessiert, kann dies alles in meiner Biografie „Gewalt ist eine Lösung“ nachlesen.

Mit manchen Kollegen treffe ich mich nach wie vor auf einen Kaffee oder ein Bier, andere Polizisten fanden mein Doppelleben „ganz, ganz schlimm“.

Es gab also die unterschiedlichsten Reaktionen.

    © Der Ex-Polizist recherchierte über die Hells Angels. Der Bestseller "Wie die Hells Angels Deutschlands Unterwelt eroberten" ist beim riva Verlag erschienen und in jedem deutschen Handel erhältlich.

© Der Ex-Polizist recherchierte über die Hells Angels. Der Bestseller „Wie die Hells Angels Deutschlands Unterwelt eroberten“ ist beim riva Verlag erschienen und in jedem deutschen Handel erhältlich.

2010sdafrika-Redaktion: Neben Ihren Büchern zur Hooliganszene, verfassten Sie ebenfalls das Buch „Wie die Hells Angels Deutschlands Unterwelt eroberten„. Sehr umfangreich analysieren Sie die Konflikte zwischen den Hells Angels und den verfeindeten Bandidos. Inwieweit standen Sie für die Recherchen mit Rockern, Aussteigern und den Behörden in Kontakt?

Antwort: Die Behörden an sich waren keine große Hilfe, da sie ausschließlich darauf bedacht waren, sich selbst positiv darzustellen. Die Rockerszene ist stark gewachsen, nicht nur die Clubs selbst, sondern auch alles drum herum. Zusätzlich alte und neue Polizeikontakte, da kamen schon einige Gesprächspartner zusammen.

2010sdafrika-Redaktion: Von welchen Hells Angels bzw. Charters in Deutschland würden Sie von der größten Gefahr für die Öffentlichkeit ausgehen?

Antwort: Die aggressivsten Mitglieder sind die, die in den letzten Jahren gezielt rekrutiert wurden: Kampfsportler, Türsteher und häufig bereits straffällig gewordene Migranten mit türkischem, südosteuropäischem oder arabischem Hintergrund, die meist über keinerlei Motorrad-Historie verfügen.

Es scheint fast so bei den aktuellen Eskalationen im Ruhrgebiet und Bielefeld, dass sie nur noch schwer oder gar nicht mehr zu kontrollieren sind. Die Geister, die die Hells Angels aus reiner Machtpolitik einst riefen, werden sie nicht mehr los. Dies könnte in Zukunft sogar zu einer inneren Zerreißprobe führen.

2010sdafrika-Redaktion: Unsere Redaktion beobachtet seit längerer Zeit die deutsch-südafrikanischen Hells Angels-Verbindungen. Sind Ihnen Personen und Erkenntnisse bekannt, die auf illegale Aktivitäten zwischen Deutschen und Südafrikanern andeuten?

Antwort: Bis auf einige Schwärmereien über Südafrika habe ich selbst da wenig gehört. Und eine hohe Reisefreudigkeit der Rocker ist in vielen Ländern zu beobachten. Sie sind halt eine weltweit eng vernetzte und sehr mobile Organisation.

2010sdafrika-Redaktion: Der Hells Angels-Aussteiger Ulrich Detrois offenbarte uns, dass zwei hochrangige Hells Angels und enge Vertraute des Hannover-Präsidenten Frank Hanebuth in Johannesburg die Geschicke der Hells Angels steuern. Ist Hanebuth trotz seiner Untersuchungshaft auf Mallorca nach wie vor einflussreich [Update der Redaktion: Hanebuth wurde nach Cádiz verlegt]?

Antwort: Hanebuth hat sicherlich ein Machtvakuum hinterlassen, niemand vermag vorauszusehen, wie lange er in Spanien in Haft verbleiben muss. Ich meine, das spanische Recht ermöglicht in diesem Fall sogar eine vierjährige U-Haft. In Deutschland undenkbar.

Welche Schlüsse er letztendlich persönlich aus dieser Haft zieht, weiß er nur alleine und ist sicherlich die bedeutendste Frage der Hells Angels 2014.

2010sdafrika-Redaktion: Inwieweit bewerten Sie die Arbeit von Bundeskriminalamt und die der Landeskriminalämter und der Staatsanwaltschaften im Hinblick auf die Eindämmung der Rockerkriminalität als erfolgreich?

Antwort: Nun ja, nachdem sie die ersten zehn, fünfzehn Jahre komplett verschlafen haben, und erst dadurch die Etablierung von Clubs, Organisationen und Strukturen ermöglicht haben, liefern sie sich jetzt einen regelrechten Wettlauf, wer der energischste Rockerverfolger ist. Sämtliche Manpower und Budgets werden zurzeit in diesen Bereich geworfen, so als ob keine anderen Kriminalitätsformen mehr existieren würden.

2010sdafrika-Redaktion: Wiederholt heißt es aus unseren Informationsquellen, dass die südafrikanische Polizei die Hells Angels in Kapstadt, Johannesburg und Durban mit Samthandschuhen anfassen würde. Die Presse berichtet nur selten über den Hells Angels MC South Africa. Wie schätzen Sie die grundsätzliche Gefahr ein, dass sich Kriminelle zu akzeptierten Bürgern etablieren?

Antwort: Die Historie des Hannoveraner Charters ist das beste Beispiel dafür. In ihrer Anfangszeit haben die Rocker kurdische und albanische Gruppen aus dem Rotlichtmilieu verdrängt und dadurch befriedet. Ein hoher Polizeioffizier hat sie öffentlich als „Ordnungsfaktor im Milieu“ geadelt.

Anfangs gab es durchaus eine Reihe von Polizisten, die Sympathie für die deutschen Männer im Milieu hegten, die sich gegen ausländische Banden durchgesetzt haben. Das hat jetzt aber sehr nachgelassen: wegen der tödlichen Revierkämpfe, der Häufung schwerster Straftaten, durch die Einsatzbelastung durch die Rocker selbst und nicht zuletzt wegen der aktuellen personellen Zusammensetzung.

    © Im Bild ist das Charter der Hells Angels in Durban zu sehen. Nur die Rocker selbst wissen, was auf dem Grundstück geschieht. Die Höllenengel am Kap können ungestört ihren (kriminellen) Geschäften nachgehen. Denn die Polizei Südafrikas übt kaum Druck auf die Hells Angels aus. (Quelle: Google Maps)

© Im Bild ist das Charter der Hells Angels in Durban zu sehen. Nur die Rocker selbst wissen, was auf dem Grundstück geschieht. Die Höllenengel am Kap können ungestört ihren (kriminellen) Geschäften nachgehen. Denn die Polizei Südafrikas übt kaum Druck auf die Hells Angels aus. (Quelle: Google Maps)

2010sdafrika-Redaktion: Wann werden wir ein Ende des Rockerkrieges erwarten können?

Antwort: Ich bin da pessimistisch. Einerseits haben die großen Clubs, besonders in den letzten Jahren, einen Haufen Männer rekrutiert, die sich gerade von dieser Macho- und Gewaltkultur angezogen fühlen. Vielen muss man wohl auch finanzielle Interessen beim Clubeintritt unterstellen. Dies ist ja auch ein Vorwurf aus der Szene selbst, dass der Hells Angels MC zu einem reinem Buisness Club geworden ist. Wenn man denn wirklich Motorradfahren möchte, gibt es sicherlich friedfertigere Alternativen.

Zudem gibt es deutschlandweit eine Vielzahl von Ganggründungen: Satudarah, Mongols und sich rasant ausbreitende Street-Gangs, deren Revierkämpfe schon die ersten Toten gefordert haben.

Wenn ich ein Zyniker wäre, würde ich sagen, dass wir uns schon in naher Zukunft den guten alten Rockerkrieg zurückwünschen werden, mit einem klaren Frontverlauf: Hells Angels versus Bandidos.

© Im März 2014 erscheint das aktuellste Buch "Gangland Deutschland" von Stefan Schubert im deutschen Handel, das die Street-Gangs unter die Lupe nimmt.

© Im März 2014 erscheint das aktuellste Buch „Gangland Deutschland“ von Stefan Schubert im deutschen Handel, das die Street-Gangs unter die Lupe nimmt.

2010sdafrika-Redaktion: Im nächsten Jahr erscheint ihr zweites Rockerbuch „Gangland Deutschland“. Worum geht es in Ihrer neuesten Recherche?

Antwort: „Gangland Deutschland“ ist kein Rockerbuch, auch wenn diese am Rande vorkommen, sondern behandelt eine in Deutschland noch junge Szene, die der schon angesprochenen Street-Gangs. Gerade viele Migranten haben sich in Städten und Problembezirken zusammengeschlossen und scheuen schon jetzt vor keinem Konflikt mit den Hells Angels zurück.

In diesem Milieu herrschen wirklich erschreckende Zustände, aber für weitere Einzelheiten müssen Sie sich bis zum 7. März 2014 gedulden.

2010sdafrika-Redaktion: Stefan Schubert, Hells Angels-Buchautor, Ex-Polizist und Hooligan-Aussteiger, vielen Dank für das Interview!

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