Experten bewerten Südafrika als Krisenstaat

„Die soziale Sprengkraft kann sich manifestieren“, warnt Professor Robert Kappel vom GIGA-Institut

(Autor: Ghassan Abid)

Am vergangenen Donnerstag, den 23. Januar 2014, lud das Forschungsinstitut GIGA German Institute of Global and Area Studies die Öffentlichkeit zur Veranstaltung „Südafrika – auf dem Weg in die große Krise?“ ein. Professor Robert Kappel vom GIGA und Professor Ulf Engel von der Universität Leipzig – beide als Südafrika-Experten bekannt – beurteilten die politische und wirtschaftliche Lage am Kap mit Kurzvorträgen. Im Anschluss folgte eine Fragerunde durch das Publikum. Das Ergebnis war erwartungsgemäß mehr als beunruhigend. Südafrika ist längst zu einem Krisenstaat geworden.

    © Am vergangenen Donnerstag, den 23. Januar 2014, sprachen die beiden Südafrika-Experten Professor Robert Kappel vom GIGA-Institut und Professor Ulf Engel von der Universität Leipzig über den Krisenstaat im südlichen Afrika. Auch der Moderator und Südafrika-Experte Dr. Gero Erdmann bemängelte die aktuellen Entwicklungen am Kap.

© Am vergangenen Donnerstag, den 23. Januar 2014, sprachen die beiden Südafrika-Experten Professor Robert Kappel vom GIGA-Institut und Professor Ulf Engel von der Universität Leipzig über den Krisenstaat im südlichen Afrika. Auch der Moderator und Südafrika-Experte Dr. Gero Erdmann bemängelte die aktuellen Entwicklungen am Kap.

Dr. Gero Erdmann erkennt „Krisensymptome“

Dr. Gero Erdmann, Leiter des GIGA-Büros in Berlin und ebenfalls ein Südafrika-Forscher, übernahm die Moderation der Veranstaltung, zu der sich rund 40 Personen einfanden. In seiner Eingangsrede hielt er fest, dass Südafrika unterschiedlich wahrgenommen wird. Er erwähnte den Handelsblatt-Journalisten Wolfgang Drechsler, der das Land am „Rande des Abgrunds“ sah und als „Krisennation“ bezeichnete. Eine pessimistische Sicht, die vor allem durch die alltägliche Gewalt geschürt werde.

Erdmann sprach von eindeutigen „Krisensymptomen“, die vor allem im wirtschaftlichen und politischen Bereich zu erkennen sind. Permanente Streiks, eine wachsende Korruption und ineffiziente Staatsführung, ein geringes Wirtschaftswachstum und weitere Fehlentwicklungen sprechen für diese These. Ebenso schlossen sich die beiden Diskutanten der These Erdmanns an.

Professor Robert Kappel warnt vor „sozialer Sprengkraft“

Professor Robert Kappel vom GIGA, vom Hause aus ein Ökonom, hielt die Bedeutung der wirtschaftlichen Stärke Südafrikas fest. Das Land ist das „am weit entwickelte Land“ auf dem afrikanischen Kontinent. Allerdings fällt Südafrika bei den unterschiedlichsten Rankings zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit immer weiter zurück.

Das niedrigere Wirtschaftswachstum ist als Herausforderung besonders hervorzuheben. Während am Kap jährliche Zuwachsraten von rund drei Prozent verzeichnet werden können, wachse woanders in Afrika die Wirtschaft um rund sechs Prozent. Ferner steigt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf viel zu langsam. Die Folgen der Apartheid und die geografische Lage des Landes – isoliert gelegen von den USA, Europa und Asien – sind zwei bedeutende Nachteile des Wirtschaftsstandorts Südafrika, so der Wirtschaftswissenschaftler.

Nicht nur eine Schwäche der südafrikanischen Außenwirtschaft ist zu beobachten, so Kappel, sondern auch bei der Forschungsleistung zeige das Land Rückschritte. Die Reduzierung der staatlichen Gelder für Forschungszwecke überrascht nicht, wenn man sich bewusst wird, dass rund 16,1 Millionen Südafrikaner auf staatliche Sozialleistungen angewiesen sind. Dies entspricht rund 6.500 Rand pro Jahr und pro Person – umgerechnet rund 450 Euro.

Nach wie vor ist der Anteil der Menschen ohne Arbeit beachtlich. 5 Millionen Bürger gehen keiner Erwerbstätigkeit nach. Es ist keine signifikante Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt zu verzeichnen. „Ein großer Teil der Bevölkerung nimmt nicht am Arbeitsmarkt teil“, bedauert der GIGA-Südafrika-Experte den Status quo. Genauso wanderten 100.000 Arbeitsplätze in der südafrikanischen Textilindustrie nach China ab. Eine Armutsreduzierung ist deshalb nur schwer möglich.

Zusätzlich wachsen die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) seit längerer Zeit nicht mehr und der Öffentliche Dienst musste bereits einen Teil seiner Beschäftigten entlassen. Ebenfalls hat das Land im südlichen Afrika noch erheblichen Handlungsbedarf im Bildungssektor: „Das Bildungsniveau ist sehr gering“.

Im Großen und Ganzen hat das Ungleichgewicht, gemessen mit dem Gini-Koeffizient-Wert von 0,63, weiter zugenommen. Dies bedeutet im Klartext, dass Südafrika das höchste Ungleichgewicht bei der Einkommensverteilung im weltweiten Vergleich aufweise. „Die soziale Sprengkraft kann sich manifestieren“, hielt Kappel mit warnenden Worten zum Abschluss seines Kurzvortrags fest. Mit weiterer Gewalt ist zu rechnen.

    © Das GIGA German Institute of Global and Area Studies ist eine vom Auswärtigen Amt, der Hamburger Behörde für Wissenschaft und Forschung und anderen Bundesländern finanzierte Forschungseinrichtigung, die mit einem Regionalinstitut zu Afrika die Lage am Kap regelmäßig beobachtet und wissenschaftlich untersucht. Außerdem verfügt das Hamburger Institut über ein Hauptstadtbüro, das regelmäßig öffentliche Veranstaltungen anbietet. (Quelle: GeorgHH/ Wikimedia)

© Das GIGA German Institute of Global and Area Studies ist eine vom Auswärtigen Amt, der Hamburger Behörde für Wissenschaft und Forschung und anderen Bundesländern finanzierte Forschungseinrichtigung, die mit einem Regionalinstitut zu Afrika die Lage am Kap regelmäßig beobachtet und wissenschaftlich untersucht. Außerdem verfügt das Hamburger Institut über ein Hauptstadtbüro, das regelmäßig öffentliche Veranstaltungen anbietet. (Quelle: GeorgHH/ Wikimedia)

Professor Ulf Engel sieht Zufriedenheitsrückgang

Der Politikwissenschaftler Professor Ulf Engel ging anders als Kappel vielmehr auf das politische System in Südafrika ein. Das „one-party dominant system“ am Kap ist bisweilen vom ANC geprägt, welches auf die politische Kultur der Befreiungsbewegung basiere.

Interessant ist in diesem Kontext die Wahlbeteiligung, die bei den Parlamentswahlen 1994 mit rund 87 Prozent und bei den Wahlen 2009 mit 77 Prozent beziffert wird. Allerdings ist die größte Gruppe der Wählerschaft nach dem ANC die der Nichtwähler mit ca. 8,5 Millionen wahlberechtigten Personen.

Die Justiz und Medien üben am Kap eine wichtige Rolle bei der Kontrolle der politischen Macht aus, nicht hingegen das vom ANC kontrollierte Parlament. „Die Zufriedenheit [mit dem politischen System] in Südafrika ist gering“, verursacht durch die signifikante Zunahme an Korruptionsfällen, so der Politologe.

Engel bezeichnete den kritischen Blick auf die politische Entwicklung und der gleichzeitig positive Blick auf die Institutionen des politischen Systems als Paradoxon. Zwar erlebte die Nation in den Bereichen Gesundheitszugang, Wohnungssituation, Strom- und Wasserversorgung spürbare Verbesserungen. Doch bleiben grundlegende Herausforderungen weiterhin bestehen, etwa die Aids-Pandemie mit 6,2 Millionen Infizierten.

Ähnlich wie Kappel bemängelte Engel das schwache Bildungsniveau der Schulen und Hochschulen. Es muss angeführt werden, dass Südafrika jahrhundertelang kolonialisiert war und dann durch die Apartheid eine weitere Repression erfahren musste. Umso erstaunlicher ist der weitgehend friedlich verlaufene Transformationsprozess Südafrikas hin zu Demokratie.

Bedauerlich ist, dass die Zuma-Regierung nicht ihren Handlungsraum nutze, vor allem im wirtschaftlichen Sektor. Die Regierungspartei ANC gerate aus diesem Grund zunehmend unter Druck. In der Provinz Westkap ist bereits mit der Demokratischen Allianz ein Oppositionszentrum entstanden. Fraglich bleibt hingegen, ob auch im Wirtschaftszentrum Gauteng eine weitere Oppositionshochburg ihre Entstehung finden kann.

4 Antworten zu “Experten bewerten Südafrika als Krisenstaat

  1. Pingback: “Deutsche Unternehmen halten an Südafrika fest” | SÜDAFRIKA - Land der Kontraste

  2. Pingback: Schlechte Kap-Wirtschaftsnachrichten dauern an | SÜDAFRIKA - Land der Kontraste

  3. Pingback: Zentralbank versucht Währungsverfall zu stoppen | SÜDAFRIKA - Land der Kontraste

  4. Pingback: Rand-Kurs im freien Fall – Schlecht für Südafrika, gut für Touristen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s