„Die Wilderei begünstigt den Terrorismus“

Im Interview mit Barbara Hendricks, Bundesumweltministerin, über den Artenschutz in Südafrika

(Autor: Ghassan Abid)

© Barbara Hendricks leitet seit dem 17. Dezember 2013 das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB). Im Interview mit der Redaktion von "SÜDAFRIKA - Land der Kontraste" erörtert die Bundesministerin u.a. den Artenschutz in Südafrika. (Quelle: Bundesregierung/ Sandra Steins)

© Barbara Hendricks leitet seit dem 17. Dezember 2013 das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB). Im Interview mit der Redaktion von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ erörtert die Bundesministerin u.a. den Artenschutz in Südafrika. (Quelle: Bundesregierung/ Sandra Steins)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Frau Barbara Hendricks, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Die Wilderei in Südafrika hat erschreckende Ausnahme angenommen, trotz bestehender Übereinkünfte wie dem Washingtoner Artenschutzabkommen. Was läuft da schief?

Antwort: Das Washingtoner Artenschutzabkommen ist ein hervorragendes Instrument zum Schutz der Arten vor den Folgen eines maßlosen internationalen Handels. Es enthält bei Verstößen empfindliche Sanktionsmechanismen und ist ein durchaus „scharfes Schwert“ im internationalen Naturschutz. Wir haben es allerdings nicht nur in Südafrika mit einer neuen Qualität der Wildtierkriminalität zu tun.

Die Gewinne, die mit Nashorn-Horn auf dem Schwarzmarkt erzielt werden, sind immens – es wird teurer gehandelt als Gold. Es wundert daher nicht, dass Wilderer immer professioneller, brutaler und somit leider auch erfolgreicher vorgehen. Darauf haben Politik und Strafverfolgung in vielen Ländern, die in den Handel mit diesen Produkten verstrickt sind, noch nicht ausreichend reagiert. Südafrika führt derzeit einen verzweifelten Kampf gegen Nashornwilderer, den es allein kaum gewinnen kann. Wir müssen erreichen, dass diese Verbrechen gegen Natur und Mensch in allen Ursprungs-, Transit und Zielländern illegaler Wildtierprodukte als schwere Form der Kriminalität anerkannt und entsprechend hart verfolgt werden.

2010sdafrika-Redaktion: Am Kap ist zu beobachten, dass die Anzahl der Wilderer und getöteter Tiere in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Ist es nicht utopisch davon auszugehen, dass bei bestehender extremer Armut der Artenschutz verwirklicht werden könne?

Antwort: Ich sehe da keinen Widerspruch. Es stellt sich nicht die Frage: Natur oder Überleben? Armut muss nicht zwangsläufig zum verzweifelten Ausverkauf der Natur führen. Die wilden Tiere Afrikas stellen oftmals die einzige Ressource dar, die den Menschen zur Verfügung steht. Es sollte daher wohl überlegt sein, ob die wilden Tiere heute für einen schnellen Profit Weniger geopfert oder langfristig zur wirtschaftlichen Entwicklung der Dorfgemeinschaften genutzt werden. Dabei begreife ich gerade die lokale – und leider oft sehr arme – Bevölkerung als wichtigsten Partner des Naturschutzes. Wenn diese Menschen angemessen an den Gewinnen, zum Beispiel aus dem Tourismus, beteiligt werden, werden sie sich für den Erhalt der Wildtiere einsetzen und keine Wilderer unter ihnen dulden. Dieser Mechanismus wirkt, das konnte in vielen Projekten im südlichen Afrika bewiesen werden. Naturschutz und Ökonomie sind Partner, keine Widersacher.

2010sdafrika-Redaktion: Kürzlich hielten Sie sich auf der Artenschutz-Konferenz in London auf. Inwieweit wird dieser Gipfel dem Artenschutz zugutekommen?

Antwort: Die Deklaration von London enthält die wichtigsten Maßnahmen gegen die Wilderei, von denen ich überzeugt bin, dass sie eine Trendumkehr bewirken können. Doch noch wichtiger als diese ambitionierte Absichtserklärung ist die Botschaft, die von der Konferenz ausgesandt wurde. Präsidenten, Minister und hochrangige Delegierte von etwa 50 Staaten aller Kontinente haben vereint dem Artenschmuggel den Kampf angesagt. Die Konferenz hat die Aufmerksamkeit spürbar erhöht und den politischen Druck zum Handeln deutlich verstärkt.

Ich bin auch froh, dass die Londoner Konferenz auf den Ergebnissen des Gipfels zum Schutz des afrikanischen Elefanten von Anfang Dezember 2013 in Gaborone, Botswana aufbaut. Diese Konferenz hatte erstmals alle Staaten der gesamten Elfenbein-Handelskette zum gemeinsamen Handeln verpflichtet. Deutschland hatte diese Veranstaltung maßgeblich mit initiiert und finanziert.

2010sdafrika-Redaktion: Aus Ihrem Hause heißt es, dass neben international agierenden kriminellen Kartellen nun auch terroristische Organisationen an der Wilderei beteiligt sind. Könnten Sie den Aspekt zum Terrorismus konkretisieren?

Antwort: Es gibt sehr plausible Hinweise, dass die schnellen und hohen Profite zunehmend auch zur Finanzierung von terroristischen Organisationen dienen. Sehr konkret wurde dies nahe gelegt bei der „Lords Resistance Army“, die in Zentralafrika für Rekrutierung von Kindersoldaten und beispiellose Brutalität berüchtigt ist. Die Wilderei ist längst ein globales Sicherheitsproblem, darum hat sich ja auch der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen schon mit dem Thema befasst.

2010sdafrika-Redaktion: Der Fall um die Tierjägerin Melissa Bachman, die im November 2013 ganz legal wilde Tiere des Spaßes wegen in Südafrika erlegte, hat eine Debatte zum Jagdtourismus ausgelöst. Inwieweit wird das Bundesumweltministerium seinen Einfluss auf die südafrikanischen Partner ausüben, um dieses lukrative Geschäft auf Kosten des Artenschutzes einzudämmen?

Antwort: Solche Vorgänge entsprechen nicht unseren Wertvorstellungen im Umgang mit Tieren. Südafrika hat enorme Anstrengungen gegen die Wilderei beim Nashorn unternommen, aber die Trendwende leider noch nicht geschafft. Europa lässt die Einfuhr und Vermarktung von Nashorn-Horn nicht mehr zu und wird auch seine Regelungen für Jagdtrophäen verschärfen. Mit dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen haben wir ein gutes Instrument, internationalen Handel zu begrenzen, wenn dadurch Bestände freilebender Arten gefährdet werden.

2010sdafrika-Redaktion: Barbara Hendricks, Bundesumweltministerin, vielen Dank für das Interview und Ihnen alles Gute!

5 Antworten zu “„Die Wilderei begünstigt den Terrorismus“

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