Kap-Kolumne: Eine Verabredung mit der Geschichte

„Rise and Fall of Apartheid“. Eine Ausstellung im Museum Africa in Newtown, Johannesburg

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Der Untertitel sei eine bewußte Analogie zu Hannah Arendts Wort von der „Banalität des Bösen“, schreibt Mark Robbins, Executive Director der Ausstellung, in seinem Vorwort zum Katalog. Hannah Arendt, die als Journalistin in Jerusalem den Prozess gegen den Organisator des Holocaust, Adolf Eichmann, beobachtete, gab ihrem Buch den Untertitel „Ein Bericht von der Banalität des Bösen“.

© Die Ausstellung „Rise and Fall of Apartheid“ ist bis zum 29. Juni 2014 im Museum Africa in Newtown/Johannesburg zu sehen. Kap-Kolumnist Detlev Reichel besuchte diese Kunstveranstaltung.

© Die Ausstellung „Rise and Fall of Apartheid“ ist bis zum 29. Juni 2014 im Museum Africa in Newtown/Johannesburg zu sehen. Kap-Kolumnist Detlev Reichel besuchte diese Kunstveranstaltung.

In der Einleitung zur deutschen Ausgabe 1964 schreibt Arendt, Eichmann sei nicht Macbeth. Außer einer ganz ungewöhnlichen Beflissenheit, alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte, habe er überhaupt keine Motive gehabt. Niemals hätte er seinen Vorgesetzten umgebracht. Er sei nicht dumm gewesen, sondern „schier gedankenlos“. Dies habe ihn prädestiniert, zu einem der größten Verbrecher seiner Zeit zu werden. Dies sei „banal“, vielleicht sogar „komisch“. Man könne ihm beim besten Willen keine teuflisch-dämonische Tiefe abgewinnen.

Eichmann war ein Bürokrat schlechthin. Und es waren Bürokraten, die die rassistischen Apartheidgesetze formulierten und im Alltag umsetzten.

„Eine Verabredung mit der Geschichte“ – mit diesen Worten Okwui Enwezors kann man den Besuch dieser Ausstellung umschreiben. Die überwiegend Schwarz-Weiß-Fotografien führen den Besucher von „Rise and Fall of Apartheid“ vom Jahr der Machtergreifung der National Party 1948 bis in die 1990er Jahre, als die Apartheid endlich zu Fall gebracht war. Kurator der beeindruckenden Ausstellung ist Okwui Enwezor. Er ist einer der bedeutendsten internationalen Kunstkritiker und Kuratoren (documenta, Münchner Haus der Kunst, 56. Biennale in Venedig 2015).

Bilder vom Horror des Apartheid-Alltags in seinen unterschiedlichen Facetten gehen stets einher mit Aufnahmen vom Widerstand, die auch die Freuden der Solidarität zeigen („Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“ – Ernesto „Che“ Guevara).

Peter Magubane, Doyen der südafrikanischen Fotografie, bezeichnet die Kamera als „sein Gewehr“, mit dem er gegen Apartheid kämpfte. Viele der von ihm und seinen Kolleginnen und Kollegen „geschossenen“ Fotos sind bekannte, inzwischen ikonische Bilder, die uns während der 1970er und 1980er Jahre begleitet haben. Bilder, die der Welt die Augen öffneten über das Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Südafrika. Einige sind als überdimensionale Vergrößerungen (Blow-ups) an den Wänden zu sehen.

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Ein besonderer Reiz dieser großartigen Ausstellung sind zahlreiche bislang unveröffentlichte Fotos. Sie stammen aus den Archiven von bekannten und weniger bekannten südafrikanischen und internationalen Fotografinnen und Fotografen wie Margaret Bourke-White, Peter Magubane, Alf Kumalo, Ernest Cole, George Hallett, Jürgen Schadeberg, Paul Weinberg, Noel Watson und viele, viele mehr.

Erwähnenswert ist eine kleine Sonderschau im obersten Stockwerk des Museums von Fotografien der bekannten US-amerikanischen Fotografin Margaret Bourke-White. Sie war 1949/50 im Auftrag der Zeitschrift Life in Südafrika und hat die frisch an die Macht gekommenen Afrikaner-Nationalisten abgebildet, in ihrem Stolz und ihrer Überheblichkeit. Zugleich begleitete sie Minenarbeiter in die Tiefen der Goldbergwerke, beobachtete wie sie rekrutiert wurden, in den Townships und Squatter Camps lebten und gegen die ersten Apartheidgesetze kämpften. Frappierend sind die beiden nebeneinander gestellten Fotos von Häftlingen im KZ-Buchenwald (1945) und Kindern hinter einem Stacheldrahtzaun im Township Moroka (1950). Beide Bilder sind von Bourke-White aufgenommen und zeigen die gleiche Komposition. Man kann sie wie ein politisches Statement lesen. Womit wir wieder bei Hannah Arendt wären.

Die Ausstellung Rise and Fall of Apartheid ist bis zum 29. Juni 2014 im Museum Africa in Newtown/Johannesburg zu sehen.

Katalog: Rise and Fall of Apartheid. Photography and the Bureaucracy of Everyday Life. 2013 International Center of Photography. New York und DelMonico Books. 595,00 Rand

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