Das lukrative Geschäft mit der Angst

Südafrika im Würgegriff: Hohe Kriminalitätsrate, schwache Polizei und einflussreiche Waffenlobby

(Autor: Ghassan Abid)

Mit dem „Firearms Control Act, 2000 (Act No. 60 of 2000)“ ist jedem südafrikanischen Bürger das Recht ermöglicht worden, Schusswaffen zu erwerben und zu benutzen. Im Gesetz steht, dass „jeder Bürger das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Sicherheit hat“. Die Vergabe von Lizenzen und Genehmigungen reguliert diese Ambition. Doch zum Schutz und zur Selbstverteidigung des einzelnen Bürgers hat das Gesetz kaum beigetragen – im Gegenteil. Die Furcht vor einen kriminellen Übergriff ist allgegenwärtig. Lediglich die Waffenlobby profitiert vom Geschäft mit der Angst.

© Südafrika hat ein ernstes Waffenproblem. Neben den lizensierten Waffen, existiert am Kap auch ein illegaler Waffenhandel. Vor allem Kleinkriminelle und Mitglieder der Organisierten Kriminalität nutzen Schusswaffen. Jeden Tag sterben rund 45 Personen in Südafrika durch den Einsatz von Schusswaffen. (flickr/ Pål Joakim Olsen)

© Südafrika hat ein ernstes Waffenproblem. Neben dem Kauf von lizensierten Waffen blüht am Kap auch der illegale Waffenhandel. Vor allem Kleinkriminelle und Mitglieder der Organisierten Kriminalität nutzen Schusswaffen. Jeden Tag sterben rund 45 Personen in Südafrika durch deren Einsatz. (flickr/ Pål Joakim Olsen)

Die RTL-Korrespondentin in Afrika, Nicole Macheroux-Denault, berichtete kürzlich über die Schusswaffenproblematik und damit verbunden über die hohe Kriminalitätsrate in Südafrika. „Durchschnittlich 45 Menschen werden täglich getötet.“, hält die Journalistin fest. Ebenfalls geht sie auf die weißen Südafrikaner ein, die um ihre Sicherheit fürchten und deshalb auf Waffen zurückgreifen müssten.

Dabei ist für Südafrika das größere Problem, dass ein erheblicher Teil der Schusswaffen nicht lizenziert ist und diese für Straftaten benutzt werden, hielten Kriminologen in der Vergangenheit mehrfach fest. Die freiwillige Abgabe illegaler Waffen an die Polizei, wie es mehrfach öffentlichkeitswirksam versucht worden ist, verlief stets ernüchternd ab. Von den Feuerwaffen wollen sich nur die wenigsten Menschen trennen. Zwischen einer halben und vier Millionen Waffen werden in Südafrika vermutet. Auch Oscar Pistorius, der sich zurzeit wegen der Tötung seiner Freundin Reeva Steenkamp vor Gericht verantworten muss, gilt als begeisterter Waffenliebhaber. Das schlechte Image der Polizei trägt zu diesem Selbstschutzbedürfnis am Kap bei.

Denn in Südafrika ist längst bekannt, dass die Polizeibehörde SAPS  mit zwei gewaltigen Problemen zu kämpfen hat: Einerseits nutzen die Beamten ihre Dienstwaffen unverhältnismäßig stark gegen Zivilisten ein. Immer wieder sterben festgenommene Bürger durch die Gewaltanwendung der Beamten. Andererseits verschwinden wiederholt Dienstwaffen aus den verschiedenen Polizeistationen. Genaue Zahlen liegen nicht vor. Ergebnisse von internen Untersuchungen werden wie Verschlusssachen behandelt, obwohl gravierende Missstände öffentlich thematisiert werden müssten.

Dafür steht fest, dass es bisweilen keine eindeutigen Erkenntnisse gibt, die belegen, dass die zivile Waffennutzung zur Senkung der Kriminalität beitragen habe. Das Gegenteil ist der Fall. Südafrika gehört weltweit zu den traurigen Rekordhaltern, wenn es um die Anzahl der Tötungsdelikte unter Schusswaffengebrauch geht – in einigen Statistiken vor Kolumbien und hinter den USA positioniert.

Die „South African Gun Owners Association (SAGA)“, die Waffenlobby am Kap, nutzt ganz geschickt die Erkenntnislücke und die Angst der Bevölkerung für ihre Zwecke aus. So kritisierte SAGA in einem Schreiben an ihre Mitglieder die Registrierungsstellen dafür, die Waffenbesitzer nicht umfassend über ihre Rechte informieren zu würden. Als Paradebeispiel wird in einem vorliegenden Schreiben aufgeführt, dass diese den Bürgern die Information vorenthalten, dass der Besitz von zwei Schusswaffen erlaubt ist.

Ebenfalls konnte SAGA ihren Einfluss auf die Politik – nach eigenen Angaben zum Wohle der Selbstverteidigung der Bürger – geltend machen und strengere Auflagen im südafrikanischen Waffenrecht verhindern. So plante der Gesetzgeber einen Importstopp auf bestimmte ausländische Schusswaffen, die eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellen und daher nicht von Zivilisten gekauft werden sollten. Doch aus dem geplanten Importstopp wurde nichts. Die Lobbyarbeit von SAGA ging auf und das Papier verschwand von der Agenda.

So überrascht es nicht, dass beispielsweise mehrschüssige Pistolen im Kaliber 5,7 mm wie das belgische FN Modell FiveSeven in Deutschland grundsätzlich verboten sind. Ein Polizist erklärte gegenüber der Redaktion von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“, dass diese problemlos Schusswesten durchschlagen können und dementsprechend nicht zugelassen sind. Hingegen ist der Kauf ähnlicher Modelle bei Johannesburger Waffenhändlern für lediglich 2.200 Rand – umgerechnet rund 150 Euro – möglich. 

In Südafrika geht es längst nicht mehr ausschließlich um den Schutz der Bürger, sondern vor allem um kommerzielle Motive. Waffenproduzenten und –händler sind die größten Profiteure des „Firearms Control Act“. Eine Sicherheitsverbesserung kann bisweilen nicht nachvollzogen werden. Die Politik ist im Würgegriff der Rüstungsindustrie und die hohe Kriminalitätsrate begünstigt das Geschäft mit dem Schießen.

3 Antworten zu “Das lukrative Geschäft mit der Angst

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