„Es mangelt an qualifiziertem Schulpersonal“

Im Interview mit Bernadette Gräfin von Hardenberg, Bildungsforscherin zum Land Südafrika

(Autor: Ghassan Abid)

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© Die Bildungsforscherin Bernadette Gräfin von Hardenberg befasst sich seit Jahren mit dem Bildungssystem in Südafrika. Sie hält fest, dass die Qualitätsunterschiede zwischen den Schulen gravierend sind. Es fehlt an guten Schulleitern und Lehrern. In der Konsequenz gehen viele junge Menschen von den Schulen ab, die weder richtig lesen noch schreiben können. Die Abgänger haben es dann auf dem Arbeitsmarkt schwer, eine entsprechende Anstellung zu bekommen.

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Frau Bernadette Gräfin von Hardenberg, Bildungsforscherin zu Südafrika. Wie kam Ihr Interesse für das Land überhaupt zustande?

Antwort: Für Afrika interessiere ich mich schon seit meiner Kindheit. Aufgewachsen in einem kleinen polnischen Dorf nahe der deutschen Grenze erschien mir Afrika immer wie ein großes faszinierendes Abenteuer. Später habe ich Afrika dann selber durch Reisen kennengelernt und meine Anziehung zu dem Kontinent hat sich verstärkt. Als sich dann vor ca. drei Jahren die Möglichkeit ergab nach Südafrika umzuziehen, habe ich diese Gelegenheit sofort ergriffen. Als Bildungswissenschaftlerin ist dieses Land für mich so interessant, weil das Bildungssystem eines der Hauptursachen für die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes ist. Es gibt kaum andere Bereiche, in denen man einen so wichtigen Beitrag zur weiteren Entwicklung Südafrikas leisten kann wie im Bildungsbereich.

2010sdafrika-Redaktion: Südafrika feiert in diesem Jahr nun zum zwanzigsten Mal die Demokratie. Dennoch besteht die gravierende Ungleichheit am Kap fort. Wie bewerten Sie die bisherigen Fortschritte der Regierung?

Antwort: Südafrika war in den letzten Jahrzehnten immer ein Land großer Ungleichheit. Vereinfacht gesagt gab es unter dem Apartheidregime eine kleine Schicht von wohlhabenden Weißen und eine große Schicht von armen Schwarzen. Nach zwanzig Jahren Demokratie gibt es weiterhin eine kleine wohlhabende Schicht, der eine große arme Schicht gegenüber steht. Der Hauptunterschied ist, dass die südafrikanische Mittel- und Oberschicht mittlerweile deutlich besser durchmischt ist. Dies ändert jedoch nichts daran, dass die große Mehrheit weiterhin in Armut lebt.

Die Regierung bemüht sich stark die Aufstiegschancen für gut ausgebildete Schwarze zu verbessern und hat auf diesem Gebiet auch große Erfolge erzielt. Eines der Hauptprobleme bleibt jedoch, dass es nicht genug gut ausgebildete Südafrikaner gibt. In diesem Bereich wurden deutlich weniger Erfolge erzielt.

2010sdafrika-Redaktion: Der Bildungssektor spielt für die Zukunft des Landes – wie gerade angesprochen – eine entscheidende Rolle. Wo sehen Sie noch Reformbedarf und was muss dringend angegangen werden?

Antwort: Der Bildungssektor schafft die Voraussetzungen dafür, dass eine positive soziale und wirtschaftliche Entwicklung in der Zukunft möglich ist. In der heutigen Welt bemisst sich das Potenzial eines Landes nicht nur an den Rohstoffen oder die Infrastruktur, sondern auch maßgeblich an das Bildungsniveau.

In Südafrika leidet das Bildungssystem in erster Linie nicht an der mangelnden Verfügbarkeit von finanziellen Mitteln, sondern vielmehr an Problemen im Schulmanagement, der Lehrerausbildung und der administrativen Verwaltung.

Schulleiter fehlen an manchen Schulen oder sind nicht adäquat für ihre Rolle ausgebildet. Die mangelnde Führungskapazität beeinflusst Lehrer und Schüler negativ. Gleichzeitig werden an den Universitäten Lehrer häufig nur unzureichend für die Realität an Schulen vorbereitet, was zu einer sehr hohen Personalfluktuation führt.

2010sdafrika-Redaktion: Das südafrikanische Bildungssystem ist dadurch geprägt, dass die Reichen ihre Kinder auf Privatschulen schicken und die Armen ihren Nachwuchs in die Obhut des Staates geben. Sollten diese Parallelstrukturen nicht abgeschafft werden?

Antwort: Privatschulen sind in vielen Ländern, wie zum Beispiel in Großbritannien, sehr beliebt. Auch in Deutschland gibt es Privatschulen und auch dort werden sie immer populärer. Eltern wollen in der Regel das Beste für ihre Kinder und wenn sie glauben, dass ihre Kinder in Privatschulen besser aufgehoben sind, werden sie ihre Kinder auch auf Privatschulden schicken – vorausgesetzt, dass sie es sich finanziell leisten können. Es ist die Aufgabe des Staates die öffentlichen Schulen auf ein Niveau zu heben, sodass dieser Bedarf gar nicht erst aufkommt.

Das Problem sind daher nicht die Privatschulen, sondern die großen Qualitätsunterschiede zwischen guten und schlechten Schulen in Südafrika. Denn auch in Südafrika gibt es ausgezeichnete öffentliche Schulen.

Interessant ist allerdings das Aufkommen von immer mehr günstigen privaten Schulen, die sich an Eltern richten, die ihren Kindern eine gute Bildung bieten wollen, jedoch nur über begrenzte finanzielle Mittel verfügen. Gerade diese günstigen Privatschulen könnten das praktikabelste Mittel gegen die Bildungsmisere sein. Wenn der Staat es nicht schafft öffentliche Schulen effektiv zu führen, sollten diese Aufgaben an den privaten Sektor abgegeben werden. Dem Staat würde eine Überwachungsfunktion und Subventionsfunktion zufallen.

2010sdafrika-Redaktion: Vor Ort heißt es, dass die Qualität der Lehre und die der Lehrer unzureichend sind. Die jungen Menschen verlassen die Schulen, ohne dabei richtig lesen und schreiben zu können. Können Sie diese Angaben bestätigen?

Antwort: Das südafrikanische Bildungsministerium bestätigt selbst, dass rund 60 Prozent der Schüler entweder bei den Abschlussprüfungen durchfallen oder schon vorher die Schule abgebrochen haben. Man kann davon ausgehen, dass viele dieser Schüler nicht richtig lesen und schreiben können. Dies führt dazu, dass viele Unternehmen selbst für einfachste Positionen nur Personen einstellen, die mindestens das südafrikanische Gegenstück zum deutschen Abitur bestanden haben. Effektiv, hat dadurch ein großer Teil der Bevölkerung sehr schlechte Chancen eine Anstellung zu bekommen.

Die große Frage ist: Was sind die Ursachen dieses Problems? Es ist vermutlich eine Kombination von Problemen in der Lehrerausbildung, ein Mangel an Fähigkeiten von Schulleitern und systematische Ineffizienzen, die einen inhärent schwierigen Job für Lehrer noch schwieriger machen. Man darf nicht vergessen, dass südafrikanische Lehrer unter schwierigen Bedingungen arbeiten. Klassen haben häufig zwischen 40 und 60 Schülern und es gibt Probleme mit Gewalt, sexueller Belästigung und Mobbing. Es geht darum Strategien zu finden, um Lehrern die Möglichkeiten zu geben mit diesen Schwierigkeiten umzugehen.

2010sdafrika-Redaktion: Auch auf den Hochschulen setzt sich die eingeschränkte Leistungsfähigkeit der Studenten fort. Ein deutscher Forscher meinte, dass die Südafrikaner international betrachtet „nicht wettbewerbsfähig“ seien. Was läuft da schief?

Antwort: Dies kann ich nicht bestätigen. Die Hochschulen haben erfolgreich dem Versuch widerstanden ihre Standards zu senken. Dies ist auch einer der Gründe für die hohen Abbruchquoten in Bachelor-Studiengängen.

Viele internationale Firmen – darunter globale Investmentbanken und Beratungsunternehmen – rekrutieren gerne und regelmäßig in Südafrika, was grundsätzlich für eine hohe Wettbewerbsfähigkeit spricht.

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© Das Bildungsministerium Südafrikas hat die Schwächen des Bildungssystems erkannt und bestätigt selbst, dass rund 60 Prozent der Schüler entweder bei den Abschlussprüfungen durchfallen oder schon vorher die Schule abgebrochen haben. Für einfachste Tätigkeiten müssen durch die Unternehmen Abiturienten eingestellt werden, hält Bildungsforscherin von Hardenberg fest. (Quelle: flickr/ Anglo American Plc)

2010sdafrika-Redaktion: In einem Interview mit unserer Redaktion erklärte Bundesforschungsministerin Prof. Johanna Wanka, dass die wissenschaftlich-technologische Zusammenarbeit (WTZ) mit Südafrika intensiv verfolgt wird. Auf der schulpolitischen Ebene hingegen fehlt es an einer engen Kooperation. Inwieweit macht dann die WTZ überhaupt noch einen Sinn?

Antwort: Aufgrund der Probleme in südafrikanischen Grund- und Sekundarschulen gibt es einen Mangel an wissenschaftlichen Nachwuchs, der sich früher oder später auch auf die Forschung niederschlagen wird. Dies ist jedoch mit Sicherheit kein Grund die wissenschaftlich-technologische Zusammenarbeit mit Südafrika zu überdenken. Ganz im Gegenteil, die Zusammenarbeit sollte fortgeführt und intensiviert werden.

Südafrikanische Hochschulen stellen einen Anziehungspunkt für Wissenschaftler aus dem gesamten Kontinent dar. Die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Südafrika bringt deutsche Forscher nicht nur mit südafrikanischen Forschern zusammen, sondern mit einer Vielzahl von Wissenschaftlern vom gesamten Kontinent, die Afrika in den nächsten Jahren prägen werden.

2010sdafrika-Redaktion: Welche aktive Rolle sollte Deutschland bei der Verbesserung des südafrikanischen Schul- und Hochschulsystems Ihrer Meinung nach einnehmen?

Antwort: Auf der Hochschulebene sind Austauschprogramme sowohl im studentischen als auch im wissenschaftlichen Bereich ein ausgezeichneter Weg, wie Südafrika und Deutschland sich gegenseitig befruchten können.

Im Schulsektor sind Programme, die am Ausbau der Fähigkeiten von Schulleitern und administrativen Schulmanagern ansetzen, denkbar. Schulleiter spielen eine entscheidende Rolle für den Erfolg einer Schule und haben oft nicht die notwendigen Fähigkeiten um ihre Schule erfolgreich zu lenken.

2010sdafrika-Redaktion: Bernadette Gräfin von Hardenberg, Bildungsforscherin zum Land Südafrika, vielen Dank für das Interview!

4 Antworten zu “„Es mangelt an qualifiziertem Schulpersonal“

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