Kap-Kolumne: Oscar Pistorius

Am 11. September erfährt die Welt das Urteil: Mord oder ein Unfall?

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger Westberliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Nun ist erstmal Ruhe für ein paar Wochen. Die täglichen Live-Übertragungen des Oscar-Pistorius-Prozesses aus dem Saal des Hohen Gerichts zu Pretoria liefen bereits den all-abendlichen Seifenopern quasi den Rang ab. Am 11. September („nine /eleven“) erfährt die Welt das Urteil des Gerichts über die Tat des Oscar Pistorius. Der als „Blade Runner“ bekannte Sportler hatte in den Morgenstunden des Valentinstags im vergangenen Jahr seine Freundin Reeva Steenkamp durch die geschlossene Toilettentür erschossen.

Mat Williams

© Am 11. September erwartet Oscar Pistorius das Urteil, ob er seine Freundin Reeva Steenkamp am Valentinstag 2013 vorsätzlich getötet hatte oder es sich um einen tragischen Unfall handelte. Kap-Kolumnist Detlev Reichel lobt die südafrikanische Justiz für ihre bisherige Arbeit zur Klärung einer möglichen Schuld des Sportlers. (Quelle: flickr/ Mat Williams)

Geht man nach so manchem Leserkommentar auf den Webseiten von Medien wie Mail & Guardian oder City Press, so ist Pistorius bereits verurteilt, gefedert und gevierteilt oder eben freigesprochen. Man bekommt zuweilen den Eindruck, das Volk besteht aus lauter Richtern und Juristen.

Gewiss zeigen diese öffentlichen Gerichtsverhandlungen wie fair die südafrikanische Justiz ist. Andererseits ist der Einwand mehr als berechtigt, dass es sich hier um einen äußerst privilegierten Delinquenten handelt. Die meisten Angeklagten in ähnlichen Fällen haben weder das Geld noch die Prominenz eines Pistorius, um sich ein derart ausgebufftes und teures Verteidigerteam samt PR-Berater zu leisten.

Staatsanwalt Gerrie Nel hat während des Prozesses seinem Spitznamen („Bulldog“) alle Ehre gemacht. Die Staatsanwaltschaft hat versucht nachzuweisen, dass dem tödlichen Akt ein heftiger Streit zwischen Pistorius und Steenkamp vorausging. Damit sei, laut Anklage, der Tatbestand des (geplanten) Mordes („premeditated murder“) gegeben. In seinem Plädoyer hielt Nel u.a. fest, es sei in jedem Fall bewiesen und unwidersprochen, dass der Angeklagte mit seiner entsicherten Pistole in der Hand ins Badezimmer ging, mit der Absicht, einen Menschen zu töten. Dafür müsse Pistorius die Verantwortung übernehmen und die Konsequenzen tragen.

Dem Staatsanwalt, der also seinen Job tat, brachte dies einen bösen Zwischenruf aus den Zuschauerrängen ein. „Schämst du dich nicht?“ („Kry jy nie skaam nie?“) schleuderte ihm Lois Pistorius, Oscars Tante, entgegen. So, als erwarte die Afrikaans-Familie Pistorius etwa von dem ebenfalls afrikaansen Gerrie Nel eine Art heimliche Verbrüderung – oder sollte man eher sagen: Komplizenschaft.

Der Verteidiger des „Blade Runners“, Barry Roux, ebenfalls Afrikaner, erfüllte qua Amt schon eher dieses Verlangen. Er brachte in der zweiten Hälfte des Prozesses die Behinderung des Oscar Pistorius ins Spiel. Der Angeklagte habe sich bedroht gefühlt, weil er einen Einbrecher hinter der geschlossenen Toilettentür vermutete. So lautet die Version des Pistorius von den Ereignissen.

Roux sagte dem Gericht, Oscar sei ein „kleiner Junge ohne Beine”, der das gleiche „slow burn” erleidet wie eine misshandelte Frau. Da er nicht weglaufen könne habe er gekämpft („fight“ statt „flight“). Damit verglich Roux die psychische Verfasstheit des Angeklagten mit der psychischen Verfaßtheit einer Frau, die über lange Zeit misshandelt wurde und irgendwann sagt: „Es reicht“, und zuschlägt.

Die Richterin, Judge Thokozile Masipa – alias „My Lady“ – , präsidierte den gesamten Prozess über mit einer wohltuenden, ruhigen Gelassenheit und sehr sparsamen Einlassungen. Manche nannten sie gar „Mrs Pokerface“. Ob sie ihr Urteil sprechen wird wie der sagenhafte König „Salomon der Weise“, werden wir in knapp einem Monat wissen.

Eine Antwort zu “Kap-Kolumne: Oscar Pistorius

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