Kap-Kolumne: Das Urteil – Fahrlässige Tötung

Verurteilter Oscar Pistorius ist bis zur Verkündung des Strafmaßes auf Kaution frei

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger Westberliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Nun ist es raus. Oscar Pistorius ist der fahrlässigen Tötung seiner Freundin Reeva Steenkamp schuldig gesprochen worden. Die Vorsitzende Richterin Thokozile Masipa am Hohen Gericht in Pretoria gab diesen einstimmigen Beschluss des Gerichts am Freitag bekannt. Damit hat das Verteidigerteam mit allen seinen teuren Experten einen Erfolg errungen. Die Staatsanwaltschaft hatte auf vorsätzlichen Mord plädiert.

George Selimashvili

© Kap-Kolumnist Detlev Reichel hat das Strafverfahren gegen Oscar Pistorius verfolgt. Seiner Meinung nach sollte nicht über das Strafmaß debattiert werden, sondern vielmehr über die Waffengesetze Südafrikas. Hätte Pistorius keine Schusswaffe gehabt, wäre sein Opfer Reeva Steenkamp heute noch am Leben. (Quelle: flickr/ George Selimashvili)

Bereits am Vortag hatte die Richterin mit dem Verlesen der Urteilsbegründung begonnen. Dabei schloss sie drei Varianten des Mordes aus: dolus directus (Vorsatz 1. Grades), dolus indirectus (Vorsatz 2. Grades), dolus eventualis (Eventualvorsatz). Keine der drei Varianten, so Masipa, konnten von der Anklage zweifelsfrei bewiesen werden (beyond reasonable doubt).

So bleibt der Tatbestand der fahrlässigen Tötung (culpable homicide bzw. manslaughter).

In sozialen und anderen Medien löst Thokozile Masipas Urteil kontroverse Reaktionen aus. Viele Menschen, darunter Journalisten und Juristen, die darin ein zu mildes oder gar ein Fehlurteil sehen, haben einen Schuldspruch wegen Mordes dolus eventualis erwartet.

Die Richterin betonte jedoch mehrmals in ihrer ausführlichen und ausgewogenen Urteilsbegründung, dass die Beweislast in einem Kriminalfall (onus probandi) gänzlich bei der Staatsanwaltschaft liege. Und diese habe den Mordvorsatz in allen drei Abstufungen nicht zweiflsfrei nachweisen können. Und dann gilt: In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten.

Die nationale Behörde der Ankäger (NPA) sei enttäuscht, respektiere aber das Gericht, heißt es in einer NPA-Erklärung. Über einen eventuellen Revisionsantrag werde erst nach der Verkündung des Strafmaßes entschieden. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass Staatsanwalt Gerrie Nel (Spitzname: „Bulldogge“) diese Schlappe nicht auf sich sitzen lassen wird.

Bis zur Verkündung des Strafmaßes am 13. Oktober bleibt der wegen Totschlags verurteilte prominente Sportler auf freiem Fuß. Seine Kaution wurde verlängert, weil die Richerin keine Fluchtgefahr erkennen kann. Auch in diesem Fall liege die Beweislast für die Gefahr einer eventuellen Flucht des Delinquenten bei der Anklage.

Vom möglichen Strafmaß (Höchststrafe: 15 Jahre Haft) abgesehen, bleiben nach diesem Prozess eine Menge Fragen. Die sich nun entfaltenden wilden Fachdiskussionen überlasse ich, als juristischer Laie, den Juristen und Hobbyjuristen.

Der Aspekt der gesellschaftlichen Verantwortung ist bei Prozessen dieser Art leider nicht Gegenstand der Verhandlungen. Geschätzte 5,95 Millionen Feuerwaffen sind hierzulande in privater Hand. Es gibt 1,8 Millionen registrierte Waffenbesitzer und 3,737 Millionen registrierte Privat-Waffen. Die Dunkelziffer der tatsächlich vorhandenen privaten Waffen ist vermutlich noch höher. Bereits der „legale“ Waffenbesitz ist augenscheinlich schon höchst gefährlich. Insbesondere wenn die Besitzer eher instabile oder rücksichtlose (reckless) Persönlichkeiten sind, wie im Fall Pistorius. Das Argument, „Waffen schützen“ halte ich für grundfalsch. Reeva Steenkamp wäre heute noch am Leben, hätte ihr Freund Pistorius keine 9-mm-Pistole im Haus gehabt, noch dazu geladen unter seinem Bett.

Die Politik, denke ich, sollte dringend über restriktivere Waffengesetze nachdenken und diese einführen.

3 Antworten zu “Kap-Kolumne: Das Urteil – Fahrlässige Tötung

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