Vom Hero zum Zero

Oscar Pistorius wegen fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen. Bis zu 15 Jahre Haft drohen – theoretisch

(Autor: Ghassan Abid)

Sechs Monate lang hörte sich Richterin Thokozile Masipa am North Gauteng High Court in Pretoria knapp 40 Zeugen an, die Oscar Pistorius entweder belasteten oder entlasteten. Sie widersprach dutzenden Aussagen über die Geschehnisse vom Valentinstag 2013. Sowohl Verteidigung als auch Staatsanwaltschaft überzeugten nicht immer. Zwei Tage lang nahm sie sich Zeit für die Verlesung des Urteils im spektakulärsten Strafverfahren Südafrikas.

Global Sports Forum

© Südafrikas Paralympics-Star Oscar Pistorius ist der fahrlässigen Tötung seiner Freundin Reeva Steenkamp und des Verstoßes gegen das Waffengesetz schuldig gesprochen worden. Am 13. Oktober wird Richterin Thokozile Masipa das Strafmaß verkünden. Verteidigung und Staatsanwaltschaft können das Urteil anfechten. (Quelle: flickr/ Global Sports Forum)

Erster Verlesungstag: Kein Vorsatz, aber Fahrlässigkeit

Das Gericht in Pretoria war innerhalb und außerhalb des Gebäudes überfüllt. Bis um 9.30 Uhr (MEZ) des 11. Septembers quetschten sich Medienvertreter aus aller Welt, Familienangehörige des Täters und Opfers Reeva Steenkamp, Justizbeschäftigte und Zuschauer auf die unbequemen Sitzbänke des stickigen Saals. Der Angeklagte vergoss Tränen und ertrug die Verhandlung schwer. Dies verwundert kaum, wenn man sich bewusst wird, dass seine Zukunft in den Händen der Richterin lag.

In der Sitzung stellte Masipa die Zeugenaussagen der vergangenen Monate unmissverständlich infrage. Es sei nicht hinreichend deutlich geworden, was die Zeugen selbst gehört bzw. über die Medien vermittelt bekommen haben. Auch die WhatsApp-Kommunikation zwischen Täter und Opfer schob sie mangels Aussagekraft beiseite. Zudem habe sich Pistorius selbst in Widersprüche verwickelt.

Animation zum Tötungsfall aus der Sicht von Oscar Pistorius

Das Gericht betonte, dass aufgrund der Faktenlage die Straftatbestände vorsätzlicher Mord und Totschlag nicht erfüllt seien. Pistorius hätte, so Masipa, nicht beurteilen können, dass er Reeva Steenkamp hinter der Tür hätte töten können. Die ersten Prozessbeobachter reagierten mit Unverständnis auf diese Einschätzung. Im Internet ist die Rede vom „Behinderten-Bonus“ oder „Promi-Bonus“. Das subjektive Tatbestandsmerkmal des Vorsatzes, welches harte Rechtsfolgen wie eine lebenslange Haft zur Folge hat, entfiel somit.

Nach der Mittagspause herrschte der Eindruck vor, dass sich in der besagten Tatnacht ein tragischer Unfall abgespielt haben muss. Pistorius könnte seine Freundin tatsächlich mit einem Einbrecher verwechselt haben, so die ersten Medien über den Standpunkt der Richterin. Diese hielt zum Ende des ersten Verlesungstags fest, dass der Angeklagte fahrlässig gehandelt hatte. Demnach war noch eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung oder ein Freispruch möglich.

Zweiter Verlesungstag: Oscar Pistorius ist schuldig

Am darauf folgenden Verhandlungstag erinnerten die ersten Minuten an den Vortag. Der Saal war überfüllt und das Interesse der Medien blieb unverändert groß. An heutigen Freitag stand die Verkündung des Urteils an. Oscar Pistorius wirkte angespannter. Um 9.30 Uhr begann offiziell der zweite Verlesungstag.

Richterin Masipa wiederholte ihre Argumentation vom gestrigen Tage, wonach es keine Beweise gebe, dass Pistorius seine Freundin Steenkamp gezielt töten wollte. Allerdings kritisierte sie das wiederholte Verhalten des Angeklagten im Umgang mit Waffen. Einmal hatte er in einem Johannesburger Restaurant den Boxer Kevin Lerena mit seiner mitgeführten Schusswaffe verletzt – ein Schuss soll sich versehentlich gelöst haben. In einem anderen Fall feuerte der Paralympics-Star aus einem Auto heraus.

Um 10.20 Uhr dann der entscheidende Moment: Masipa befand Oscar Pistorius der fahrlässigen Tötung von Reeva Steenkamp für schuldig. Zudem habe er mehrfach gegen das Waffengesetz verstoßen. Der Athlet muss somit ins Gefängnis. Das Strafmaß hingegen, das nach geltendem südafrikanischen Strafrecht eine Höchststrafe von 15 Jahren vorsieht, wird am 13. Oktober verkündet. Allerdings gibt es für das Tötungsdelikt der fährlässigen Tötung keine Mindesthaftzeit. Theoretisch könnte er bereits nach wenigen Monaten das Gefängnis verlassen – dies wäre unvorstellbar, aber möglich.

Reeva Steenkamp

© Oscar Pistorius Freundin, das aus Kapstadt stammende Model Reeva Steenkamp, wurde 29 Jahre alt. Familienangehörige und Freunde des Opfers gehen weiterhin davon aus, dass der Paralympics-Star aus Eifersucht viermal auf die Blondine schoss. (Quelle: Twitter/ Reeva Steenkamp)

Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Verteidigung oder Staatsanwaltschaft gegen das Urteil des North Gauteng High Courts Rechtsmittel einlegen werden. Das spektakulärste Strafverfahren in der Geschichte Südafrikas kann sich noch über mehrere Jahre hinziehen. Der erhoffte Freispruch, wie dies von der Pistorius-Familie gegenüber der Redaktion von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ erhofft wurde, blieb aus.

Eine Antwort zu “Vom Hero zum Zero

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