Schwulsein im Islam – geht das?

Für den Imam Muhsin Hendricks aus Südafrika ist Homosexualität keine Sünde und keineswegs haram 

(Autor: Ghassan Abid)

Homosexualität ist in vielen Teilen dieser Welt geächtet und strafbar. Vor allem in islamischen Staaten stellt eine homosexuelle Identität ein Tabu dar, begründet durch das islamische Recht. Sexuelle Handlungen mit Gleichgeschlechtlichen sind ähnlich wie der Ehebruch, Alkoholismus oder Austritt aus dem Islam eine schwerwiegende Sünde, so mehrere Überlieferungen – den Hadithen. Doch aus Südafrika kommt Widerstand. Imam Muhsin Hendricks, der selbst schwul ist, hält Homosexualität mit dem Islam für vereinbar. Mit seiner Queer-Position stellt er sich ins Abseits. Eine intrareligiöse Debatte ist von den meisten Würdenträgern nicht erwünscht.

Muhsin Hendricks

© Muhsin Hendricks ist einer der wenigen schwulen Imame weltweit. Der Kapstädter setzt sich dafür ein, dass die Homosexualität im Islam nicht mehr als Sünde angesehen wird. Seiner Meinung nach toleriere der Koran das Schwulsein. Doch die Mehrheit der islamischen Gelehrten widerspricht dieser Auffassung. Einige renommierte Geistliche fordern weiterhin die Todesstrafe für Schwule. (Quelle: Privat)

Muhsin Hendricks ist einer der wenigen schwulen Imame weltweit. Der Kapstädter wuchs in einem streng religiösen Haushalt auf. In Pakistan fing er an sich erstmals intensiv mit der islamischen Theologie zu beschäftigen. Später heiratete er im Rahmen einer arrangierten Ehe eine Frau, doch die Verbindung vor Gott zerbrach. Denn Hendricks wollte mit einem Mann zusammenleben. Seine Frau konnte er zu keinem Zeitpunkt lieben.

Der Imam weiß, welchen Widerstand Muslime durchleben müssen, wenn sie sich outen. Hendricks selbst wurde mehrfach isoliert, beschimpft und ausgeladen. Mit der Gründung von „The Inner Circle“, einer Nichtregierungsorganisation in Kapstadt zur Unterstützung von Glaubensbrüdern beim Coming-Out, hält der Südafrikaner an seinem Standpunkt fest, wonach Homosexualität keine Sünde im Islam darstellen würde.

In einem aktuellen Interview mit Qantara.de untermauert der Reformer, dass der Islam einer korrekten Interpretation bedarf. So stieß Homosexualität im Islam zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert „auf hohe gesellschaftliche Akzeptanz“. Der Kalif Harun al-Raschid habe sogar homoerotische Poesie toleriert. Doch auch der Koran weise Verse auf, die auf „nicht-binäre Geschlechtsidentitäten“ hindeuten würden. Als Beispiel führt er Sure 17:84 an, die besagen würde, „dass jeder nach seiner eigenen shakila handelt, so wie Allah ihn geschaffen hat.

Tatsächlich ist im Koran geschrieben: „Ein jeder handelt nach seiner Weise, und euer Herr weiß am besten, wessen Weg der beste ist.“ Es wird hier ersichtlich, dass Hendricks den Vers der Sure Banī Isrāʾīl so interpretiert, wie er ihn versteht – Kritiker sagen, wie er ihn verstehen möchte. Die durchaus eigensinnige Interpretation setzt er in weiteren vorgebrachten Suren fort.

Der Koran ist zwar göttlich, sobald Gelehrte ihn aber interpretieren, ist menschliches Tun im Spiel“, kritisiert der Imam die muslimische Gemeinschaft. Dabei stellt die Meinung Hendricks international betrachtet eine absolute Ausnahme dar. Denn Homosexualität ist und bleibt nach dem Verständnis der großen muslimischen Rechtsschulen, etwa der renommierten Al-Azhar-Universität in Kairo, mit dem Islam unvereinbar und haram – also verboten. Ferner hat die Hochschule sich bereits gegen die Homo-Ehe ausgesprochen. 

Sheikh Farahad Said Al-Munji, Hochschullehrer an der Al-Azhar-Universität, ist ein gefragter Interviewpartner im arabischen Raum. Er bewertet Homosexualität schlimmer als den Ehebruch. Al-Munji geht sogar weiter und zitiert den Propheten Mohammed, wonach dieser den Tod von Homosexuellen gefordert haben soll. Deshalb werden im Iran, in Saudi-Arabien oder im Jemen Schwule bisweilen mit dem Tode bestraft. Menschenrechtsgruppen protestieren seit Jahren vergeblich gegen diese Rechtsauffassung.

Hendricks gesteht sich im selben Interview ein, dass die Gelehrten keine Debatte mit ihm über einen erweiterten Barmherzigkeitsbegriff führen möchten. Denn Homosexualität ist eindeutig verboten und dies wird auch nicht infrage gestellt, so die mehrheitliche Meinung der Muslime. Insofern wird der Imam aus Kapstadt mit seinem Reformvorstoß in absehbarer Zeit schlichtweg scheitern. Doch seinen Kampf für mehr Toleranz wird er unvermindert fortsetzen.

2 Antworten zu “Schwulsein im Islam – geht das?

  1. Pingback: Jüdisch, schwul und YouTuber | SÜDAFRIKA - Land der Kontraste

  2. Religionen können wissenschaftlich betrachtet werden, aber Religionen selbst sind unwissenschaftlich. Der Glaube, so heißt es, kann Berge versetzen. Tatsächlich versetzt dieser Glaube Menschen in größte Bedrängnisse. Menschen, die „anders“ sind als die herrschende religiöse Lehre einzelner „Lehrer“ es erlaubt. Diese „Lehrer“ sind Menschen, die das Religiöse interpretieren und über ihre Interpretationen Macht über Menschen ausüben. Darin sehe ich nichts „göttliches“, es sei denn, man will’s glauben. Religionen sind, letztendlich, ideologische Machtinstrumente, um Menschen zu beeinflussen, zu manipulieren und zu unterdrücken. Daran ändern auch die positiven Seiten nichts, beispielsweise moralische Grundsätze, die das gesellschaftliche Zusammenleben regeln. Aber, auch diese wurden von Menschen ausgedacht und aufgeschrieben (wie z.B. die zehn Gebote).

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