Kap-Kolumne: Fünf Jahre Knast für „Blade Runner“

Oscar Pistorius nimmt’s gefasst

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger Westberliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Diesmal verlässt Oscar Pistorius den Gerichtssaal über die Treppe nach unten in die Wartezellen für Häftlinge und nicht, wie zuvor, durch die Tür auf dem Weg nach Hause ins Domizil seines Onkels Arnold in Waterkloof. Der „Blade Runner“ und gefallene Held der Nation ist zu fünf Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt worden. Er nahm die Strafverkündung gefasst entgegen. Am 12. September war Pistorius der fahrlässigen Tötung der jungen Reeva Steenkamp für schuldig befunden worden. Der Ausnahme-Sportler hatte sie in den frühen Morgenstunden des 14. Februar 2013 durch die Tür der heimischen Toilette erschossen. Er habe sie mit einem Einbrecher verwechselt.

Pistorius

© Der „Blade Runner“ ist zu fünf Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt worden. Er nahm die Strafverkündung gefasst entgegen. Die Staatsanwaltschaft hat nun vierzehn Tage Zeit, Berufung gegen das Urteil einzulegen. Hingegen verzichtet die Verteidigung auf dieses Rechtsmittel. (Quelle: flickr/ Mat Williams)

Zusätzlich bekam Pistorius noch drei Jahre Gefängnis auf Bewährung für das fahrlässige Abfeuern einer Waffe in einem Restaurant im Januar 2013 aufgebrummt.

Waffen und Waffenscheine hat Pistorius selbstverständlich abzugeben.

Die Staatsanwaltschaft hat nun vierzehn Tage Zeit, sich darüber klar zu werden, ob sie Berufung einlegt oder nicht. Hingegen verzichtet die Verteidigung auf dieses Rechtsmittel.

Damit endete womöglich am 21. Oktober einer der Aufsehen erregendsten Prozesse im demokratischen Südafrika. Die Öffentlichkeit konnte die Gerichtsverhandlungen vom ersten Tag an auf einem speziell eingerichteten DSTV-Kanal live verfolgen.

Richterin Thokozile Masipa hat auch an diesem letzten Tag des langen Gerichts ihre bekannte Ruhe und Ausgeglichenheit unter Beweis gestellt.

Masipa füllte Justitias Waagschalen nicht nur mit dem, was Recht und Gesetz vorschreiben, sondern ebenso mit Argumenten der Gerechtigkeit sowie restaurativer Gerechtigkeit (restorative justice). Das Gericht müsse auch, so Masipa, dem Bild entgegenwirken, es gebe eine Justiz für Arme und eine für Reiche und Prominente. Ob letzeres gelingt, ist allerdings zweifelhaft.

Verteidiger Barry Roux spekulierte bereits kurz nach der Strafmaßverkündung, sein Mandant werde wahrscheinlich nur zehn Monate absitzen müssen, d.h. die gesetzliche Mindestzeit von einem Sechstel der Strafe. Den Rest der Strafe werde er unter Hausarrest verbringen, meint Roux. Dem widersprach vehement Nathi Mncube, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Pistorius werde mindestens ein Drittel der Strafe, also zwanzig Monate hinter Gittern verbringen.

Die Öffentlichkeit, so Masipa, ist oftmals schnell bei der Hand mit Verurteilungen, die von Rachegelüsten geleitet sind. Diese zu befriedigen sei keine Aufgabe des Gerichts. Die „dunklen Zeiten“, als das Recht nach dem Prinzip Auge-um-Auge angewandt wurde, seien vorbei. Das Gericht ziehe aber sehr wohl in Betracht, dass die Gesellschaft ein Recht auf Sühne und auch Schutz vor weiteren Verbrechen hat, andernfalls bestehe die Gefahr, dass die Öffentlichkeit das Recht selber in die Hand nehme.

Am Vortag, während der Verhandlungen über das Strafmaß, hörte das Gericht von Sozialarbeiterinnen und Beamten sehr unterschiedliche Berichte über den Zustand des Strafvollzugs in südafrikanischen Gefängnissen, insbesondere unter dem Gesichtspunkt von Insassen mit Behinderungen. Das Gericht ließ sich davon überzeugen, dass der Strafvollzug durchaus auf die Bedürfnisse von Gefangenen mit körperlichen Behinderungen eingehen könne.

Oscar Pistorius tritt nun seine Strafe in der Haftanstalt Kgosi Mampuru II – dem ehemaligen Pretoria Central – an. Hier, so heißt es, gebe es eine Krankenabteilung, die behindertengerecht eingerichtet sei.

4 Antworten zu “Kap-Kolumne: Fünf Jahre Knast für „Blade Runner“

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  3. Ich maße mir nicht an, über dieses Strafmaß zu diskutieren. Ich habe mit dieser Entscheidung ein rechtliches Problem. Gibt es in Südafrika keinen „bedingten Vorsatz“, d.h. kein „Inkaufnehmen“ der Erfüllung eines Tatbestandes durch ein bestimmtes vorsätzliches Handeln? Der Verurteilte hat ja wohl nicht versehentlich den Abzug bedient.
    Wenn man durch eine geschlossene Tür schießt, hinter der man einen Menschen vermutet, nimmt man doch in Kauf, daß man ihn auch töten könnte. Darf man aber einen vermuteten Einbrecher, von dem man nicht mal weiß ob er bewaffnet ist, ob es sich vielleicht sogar um ein Kind handelt, so ohne weiteres erschießen?
    Für mich bleiben zu viele Fragen offen.

    • Gültige und wichtige Fragen, @anne1947. Der „bedingte Vorsatz“ ist wahrscheinlich im südafrikanischen Strafrecht „dolus eventualis“. (Als juristischer Laie stehe ich natürlich unter Korrektur.) Das Gericht hat dieses bekanntlich ausgeschlossen und auf „culpable homicide“, fahrlässige Tötung entschieden.
      Tatsächlich werden die von Ihnen gestellten Fragen anhand des Pistorius-Falles heiß diskutiert. Nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch von Juristen.
      Abgesehen vom Schicksal des Pistorius, stellt sich mir nach wie vor die Frage nach schärferen Waffengesetzen, insbesondere was die charakterliche bzw. psychologische Eignung eines Waffenbesitzers anlangt. Ich bin der Meinung, Reeva Steenkamp wäre noch am Leben, hätte Pistorius keine Waffe im Haus gehabt. Aber, mit dieser Auffassung stoße ich stets auf großes Unverständnis. Es kommt in Südafrika, wie in den USA auch, nahezu einem Sakrileg gleich, stellt man das Recht auf privaten Waffenbesitz in Frage.
      Interessanterweise zitierte die Richterin zwei Fälle von „versehentlichen Tötungen“. In beiden Fällen meinten die Schützen, ein Einbrecher sei im Haus. Der eine erschoss ein Kind, der andere seine Frau.

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