Deutsch-südafrikanische Energiepartnerschaft

Im Interview mit Thorsten Herdan, Abteilungsleiter für Energie im Bundeswirtschaftsministerium

(Autor: Ghassan Abid)

Herdan (2)

© Thorsten Herdan ist Abteilungsleiter für die Bereiche Internationale Energiepolitik, Wärme und Energieeffizienz im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi). Für die Redaktion von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ erläutert er die deutsch-südafrikanische Energiepartnerschaft. Dabei betont Herdan, dass die Finanzierung von Kohleprojekten am Kap durch die KfW-Bank derzeit auf dem Prüfstand stehe und die Bundesregierung dem Partner in Pretoria geraten hatte, auf Kernenergie zu verzichten. (Quelle: BMWi)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Herrn Thorsten Herdan, Abteilungsleiter für die Bereiche Internationale Energiepolitik, Wärme und Energieeffizienz im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi). Lassen Sie mich zum Anfang eine allgemeine Frage stellen: Was macht eine moderne Energiepolitik aus?

Antwort: Guten Tag, da beginnen Sie mit einer guten Frage. Ich denke, eine moderne Energiepolitik ist eine vorausschauende Energiepolitik, wie sie in Deutschland mit der Energiewende umgesetzt wird. Die Energiewende soll zu einer sicheren und wirtschaftlich tragfähigen Energieversorgung in Deutschland führen, die vorwiegend auf erneuerbaren Quellen aufbaut und schrittweise bis 2022 die Stromerzeugung aus Kernenergie beendet. Zudem wollen wir mit der Energiewende die Abhängigkeit von internationalen Öl- und Gasimporten verringern, unsere Klimaschutzziele erreichen sowie mit der Entwicklung neuer Technologien Wachstumsbranchen und Arbeitsplätze schaffen. Dazu werden wir die Steigerung der Energieeffizienz sowohl auf der Ebene der Erzeugung wie auch auf der Verbrauchsseite zur zweiten Säule der Energiewende machen.

2010sdafrika-Redaktion: Kürzlich traf der Staatssekretär im BMWi, Rainer Baake, auf die südafrikanische Vize-Energieministerin Thembisile Majola. Welche Themen standen auf der Agenda und zu welchen Ergebnissen ist es gekommen?

Antwort: Im Vordergrund des Energiepartnerschaftstreffens stand der Austausch darüber, wie der Umbau hin zur nachhaltigen und gleichzeitig sicheren und wirtschaftlich tragfähigen Energieversorgung gelingen kann. Dabei wurde deutlich, dass der südafrikanische Energiesektor einige Ähnlichkeiten zum deutschen Energiesektor aufweist. Wir wollen beide unsere Abhängigkeit von fossilen Energien reduzieren und den Anteil erneuerbarer Energien erhöhen, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Und gerade bei der Förderung erneuerbarer Energien hat Südafrika interessante Erfahrungen vorzuweisen, wie beispielsweise die erfolgreiche Umsetzung des Ausschreibungsverfahrens, das zukünftig auch in Deutschland Anwendung finden wird. Vor dem Hintergrund besteht großes Kooperationspotenzial auf energiepolitischer wie auf wirtschaftlicher Ebene zwischen unseren Ländern. Gleichzeitig stehen beide Länder auch vor ähnlichen Herausforderungen, insbesondere mit Blick auf die langfristige Stabilisierung der Strompreise.

Es wurde daher vereinbart, den politischen Erfahrungsaustausch fortzusetzen und zu vertiefen sowie konkrete Projekte mit Industriepartnern aus beiden Ländern umzusetzen.

2010sdafrika-Redaktion: Auch das Bundesentwicklungsministerium, das Auswärtige Amt und das Bundesumweltministerium nahmen an der Arbeitsgruppe der deutsch-südafrikanischen Energiepartnerschaft teil. Welche Standpunkte brachten die Ressorts in die Konsultationen ein?

Antwort: Alle drei Ministerien arbeiten ebenfalls mit Südafrika in den Bereichen Energie und Klima zusammen. Das Entwicklungsministerium und das Umweltministerium bringen ihre Energie- und Klimaprojekte in die Energiepartnerschaft ein. Zum Beispiel unterstützt das Entwicklungsministerium das 1-Million-Dächer-Programm für solare Warmwasserbereitung der südafrikanischen Regierung durch die Ausbildung von Installateuren. Auch das Auswärtige Amt ist mit eigenen Aktivitäten in die Partnerschaft involviert und unterstützt zum Beispiel eine Informationsreise des Energieausschusses im südafrikanischen Parlament nach Deutschland zum Ende dieses Jahres. Es unterhält zudem an der Deutschen Botschaft Pretoria ein spezielles Referat für Energie-, Klima- und Umweltfragen. Die Energiepartnerschaft bietet eine Plattform, auf der sich alle Ressorts gut miteinander abstimmen.

2010sdafrika-Redaktion: Die südafrikanische Regierung versucht bereits seit Jahren die Energieversorgung im Land sicherzustellen. Denn Stromausfälle treten bisweilen wiederholt auf. Was kann Südafrika von Deutschland im Hinblick auf eine flächendeckende Stromversorgung lernen?

Antwort: Eine sichere Stromversorgung ist neben einer bezahlbaren und umweltverträglichen Energieversorgung ein zentrales Ziel der deutschen Energiepolitik. Damit die Stromversorgung rund um die Uhr gesichert ist, müssen stets ausreichende und angemessene Kapazitäten für die Stromerzeugung und -verteilung zur Verfügung stehen. Zugleich ist auch ein stark vernetztes und zuverlässiges Stromnetz Voraussetzung für eine sichere Stromversorgung. Südafrika steht hier vor verschiedenen Herausforderungen. Einerseits den Ausbau des Stromnetzes, um die Landbevölkerung vollständig mit Strom zu versorgen, andererseits den Bau neuer Kraftwerkskapazitäten, um den steigenden Energiebedarf zu decken. Hierfür sind große Investitionen in die südafrikanische Energieversorgung notwendig, die in den kommenden Jahren gestemmt werden müssen. Wir unterstützen Südafrika gerne dabei, verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen, so dass diese Investitionen getätigt werden.

2010sdafrika-Redaktion: Nun hat sich Südafrika für den milliardenschweren Bau mehrerer Atomkraftwerke durch Russland entschieden. Wie passt diese Entscheidung mit der deutschen Energiepolitik zusammen?

Antwort: Wir haben Südafrika unsere Entscheidung und die Gründe für den deutschen Ausstieg aus der Kernenergie dargelegt und aufgezeigt, wie wir eine sichere, bezahlbare und ökologische Energieversorgung ohne Kernenergie gestalten werden. Es ist aber natürlich die Entscheidung jedes einzelnen Staates über seinen Energiemix in eigener Verantwortung zu entscheiden.

Eskom

© Bisher unterhält Südafrika das Atomkraftwerk Koeberg bei Kapstadt [im Bild], das einzige AKW in Afrika überhaupt. Doch in den nächsten Jahren folgen weitere Kraftwerke. Russland wird mehrere Atomkraftwerke am Kap bauen. Die Bundesregierung hatte dem Partner in Pretoria geraten, auf Kernenergie zu verzichten und vielmehr auf eine ökologische Energieversorgung zu setzen, so BMWi-Abteilungsleiter Thorsten Herdan. (Quelle: Eskom)

2010sdafrika-Redaktion: Womit begründete die südafrikanische Seite Ihnen gegenüber ihr Interesse an der Kernenergie?

Antwort: Die südafrikanische Regierung hat darauf hingewiesen, dass für Südafrika Kernenergie weiterhin eine Rolle bei der Energieerzeugung spielt. Dies sei für Südafrika notwendig, um vor dem Hintergrund des bislang wenig integrierten Stromnetzes eine hinreichende Grundlast und damit Netzstabilität zu gewährleisten. Wie bereits ausgeführt, entscheidet jeder Staat über seinen Energiemix in eigener Verantwortung.

2010sdafrika-Redaktion: Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), eine Bank im mehrheitlichen Besitz des Bundes, finanziert die Errichtung der Kohlekraftwerke Medupi und Kusile. Umweltschützer zeigten sich über die KfW entrüstet. Ist es nicht ein Widerspruch, dass die Kohlekraft in Südafrika mit deutschen Geldern gefördert wird, während die Bundesregierung die Energiewende und damit verbunden die erneuerbaren Energien vorantreibt?

Antwort: Zur grundsätzlichen Haltung der Bundesregierung im Zusammenhang mit der Finanzierung von Kohleprojekten im Ausland durch die KfW findet im Augenblick ein regierungsinterner Abstimmungsprozess statt. Die Bundesregierung wird im Herbst 2014 einen Bericht vorlegen, der die Haltung im Zusammenhang mit der Finanzierung von Kohleprojekten im Ausland durch die KfW detailliert darstellt. Ich bitte Sie daher um Verständnis, dass ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine genauere Aussage treffen kann.

2010sdafrika-Redaktion: Ebenfalls ist die deutsche Wirtschaft am Ausbau fossiler Energieträger in Südafrika beteiligt, etwa der Mannheimer Baukonzern Bilfinger. Warum schweigt Ihr Ministerium hierzu?

Antwort: Das ist eine Unternehmensentscheidung. Es ist nicht Aufgabe der Politik Unternehmensentscheidungen zu kommentieren.

2010sdafrika-Redaktion: Abschließend meine Frage, wo Sie noch große Potentiale in der deutsch-südafrikanischen Energiepartnerschaft sehen und welche Rolle die deutsche Wirtschaft in diesem Kontext einnehmen sollte?

Antwort: Der Energiebedarf in Südafrika steigt stetig an und es stehen umfangreiche Investitionen in die Energieversorgung an. Energieeffiziente Technologien für Gebäude und Industrie gewinnen zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig verfügt Südafrika über große Potenziale für erneuerbare Energien.

Erneuerbare Energien stellen angesichts der sinkenden Kosten der erneuerbaren Technologien eine zunehmend interessante Alternative für die südafrikanische Wirtschaft dar. Für den Ausbau der Kraftwerksstrukturen – sei es mit erneuerbaren oder konventionellen Energien – und die Nutzung energieeffizienter Technologien können deutsche Unternehmen zuverlässige und qualitativ hochwertige Produkte und Dienstleistungen zur Verfügung stellen. Vor dem Hintergrund sehe ich auch für die deutsche Wirtschaft große Potenziale, um in Südafrika aktiv zu werden.

Parallel dazu unterstützt das Bundeswirtschaftsministerium die südafrikanische Regierung im Rahmen der Energiepartnerschaft bei der Schaffung günstiger regulatorischer Rahmenbedingungen für Investitionen in erneuerbare Energien und energieeffiziente Technologien.

2010sdafrika-Redaktion: Thorsten Herdan, Abteilungsleiter für Energie im Bundeswirtschaftsministerium, vielen Dank für das Interview!

8 Antworten zu “Deutsch-südafrikanische Energiepartnerschaft

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  5. Rudolf Kohler

    Dann hoffen wir mal, dass Südafrika sich sehr genau die Entwicklung der deutschen Stromversorgung anschaut – (Mehr als) Verdopplung der Strompreise innerhalb von 15 Jahren, massive Verringerung der Netzstabilität durch die Zappelenergien Wind und Sonne, die Betreiber von Anlagen für planbaren Strom (Kohle, Kernkraft, Gas) stehen vor der Pleite.
    Und hoffentlich die richtigen Schlüsse zieht!

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