Filmfestival „Afrikamera“ ein voller Erfolg

Kairo, Timbuktu oder Johannesburg: Ein Kontinent zwischen Krisen und Chancen. Ein Veranstaltungsbericht

(Autor: Ghassan Abid)

Rund 2.500 Zuschauer, darunter der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler und seine Gattin, folgten vom 11. bis 16. November dem afrikanischen Kino, welches sich unter dem Namen „Afrikamera“ als feste Institution in der Berliner Kunstszene etablieren konnte. Mit Produktionen vom Norden bis hin zum Süden und vom Westen bis zum Osten Afrikas, stand Afrikamera für ein abwechslungsreiches und informatives Filmprogramm. Längst ist dieses Afrika-Filmfestival eine Veranstaltung für Jedermann und ein Things To Do Event in der Bundeshauptstadt.

Afrikamera

© Das afrikanische Filmfestival „Afrikamera“ lockte in diesem Jahr rund 2.500 Kinobesucher an. Produktionen aus den verschiedensten Winkeln Afrikas sind dem Berliner Publikum präsentiert worden. Das öffentliche Interesse am afrikanischen Kino war sehr groß. Denn das Kino Arsenal als Veranstaltungsort war überfüllt und die einzelnen Vorstellungen komplett ausgebucht [siehe Bild].

Veranstaltet wurde Afrikamera zum nun siebten Mal vom gemeinnützigen Kulturverein toucouleur e.V., der sich den interkulturellen Dialog zwischen Afrikanern und Deutschen auf die Fahnen geschrieben hat. Afrikanische Filmschaffende und ihre Werke sind in der europäischen Unterhaltungsindustrie weiterhin unterrepräsentiert. Umso größer war das diesjährige Interesse des deutschen Publikums, das mehrheitlich über Mundpropaganda ihr Interesse am afrikanischen Film entdeckt hatte. Die Redaktion von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ hat sich fünf Vorstellungen näher angeschaut und diese einer kritischen Analyse unterzogen.

Das vom Afrikamera-Team zusammengestellte Programm konnte sich durchaus sehen lassen. Der Eröffnungsfilm TIMBUKTU unter der Regie von Abderrahmane Sissako wurde bereits beim diesjährigen Filmfestival in Cannes gefeiert. In poetisch anmutenden und zum Nachdenken anregenden Sequenzen ist der Berliner Kinobesucher in eine fremde Welt entführt worden, die auf den Betrachter verstörend wirkt. Die französisch-mauretanische Produktion aus dem Jahr 2014 verdeutlicht das Problem des politischen Extremismus in der Sahelzone. Denn die Bevölkerung Malis ist im Würgegriff von Islamisten. Das Musizieren ist plötzlich verboten und die Scharia wird als neues Rechtssystem eingeführt – jenseits vom staatlichen Gewaltmonopol, unabhängiger Rechtssprechung und demokratischer Legitimität. Wer sich den Fundamentalisten in den Weg stellt, der muss mit seiner Ermordung rechnen. Ehebruch oder außerehelicher Sex werden mit einer öffentlichkeitswirksamen Steinigung bestraft. Angst und Schrecken sind nun im Alltag fest verankert. Die wahren Geschehnisse in Mali erinnern an die aktuellen Gräueltaten der Terrormiliz ISIS/ IS im Nahen Osten.

TIMBUKTU

© Der Film TIMBUKTU erzählt von der Machtübernahme der Islamisten in Mali. Fanatiker erklären sich für die Allgemeinheit zuständig und entscheiden somit über Leben und Tod ihrer Mitmenschen. Der Eröffnungsfilm des Festivals ist absolut sehenswert, zumal dieser an die aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten erinnert.

Weniger brutal, aber genauso problematisch ist die Lage von Frauen in Marokko, die uneheliche Kinder erwarten. Regisseur Abdeslam Kelai verfolgte mit seinem Debütfilm MALAK die Thematisierung eines klassischen Tabuthemas in der arabischen Welt: Außerehelicher Geschlechtsverkehr und die daraus resultierende Schwangerschaft. Eine minderjährige Schülerin aus der Stadt Tanger wird von ihrem Freund im Stich gelassen, nachdem sie ihm von ihrer künftigen Mutterrolle erzählt. Ausgegrenzt und verzweifelt versucht sich die junge Frau selbst zu helfen. Sie rutscht zeitweilig in die Prostitution ab. So erscheint ihr die Abtreibung als die einzig mögliche Lösung, damit sie ihrem Horrorszenario entkommen kann.

MALAK

© Der Film MALAK thematisiert das schwierige Schicksal von Frauen in Marokko, die durch unehelichen Sex schwanger geworden sind. Eine Schülerin gerät auf die schiefe Bahn und muss erkennen, auf sich alleine gestellt zu sein. Die Produktion unter der Regie von Abdeslam Kelai ist eindeutig empfehlenswert.

Auf der Afrikamera waren auch nigerianische Produktionen zu sehen, welche als Nollywood bekannt sind und sich vor allem in Westafrika einer großen Beliebtheit erfreuen. Daniel Emeke Oriahi griff mit seinem in 2013 veröffentlichten Film THE MISFIT die Geschichte einer Frau auf, die nach einer exzessiven Partynacht in die Fänge fremder Personen gerät und fortan in Gefangenschaft lebt. Zwischen Unwissenheit und Verzweiflung ist die Frau bemüht, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

MISFIT

© THE MISFIT ist ein Film aus Nigeria, der die sexuelle Gewalt an Frauen und den religiösen Fanatismus im Land aufgreift. Jedoch gelingt dem Regisseur Daniel Emeke Oriahi kein sehenswerter Film. Erhebliche Mängel in der technischen Umsetzung und im Storyaufbau lassen THE MISFIT in die Bedeutungslosigkeit versinken.

Deutlich spektakulärer und nahezu auf Hollywood-Niveau ist HALF OF A YELLOW SUN, eine nigerianisch-britische Produktion mit Starbesetzung. Dem aus Nigeria stammenden und in London lebenden Theatermacher Biyi Bandele gelang mit seinem ersten Spielfilm überhaupt ein beeindruckendes Werk, das die wahre Geschichte der Zwillingsschwestern Olanna (gespielt von Thandie Newton) und Kainene (Anika Noni Rose) in den späten 1960er-Jahren erzählt. Nigeria befand sich zum damaligen Zeitpunkt in einem Bürgerkrieg. Menschen wurden getötet und viele mussten flüchten. Ebenso spielt Chiwetel Ejiofor, bekannt aus dem Oscar dotierten Drama „12 Years A Slave“, mit.

HALF OF A YELLOW SUN

© Es ist selten, dass in afrikanischen Filmen Hollywood-Stars zu sehen sind. In der nigerianisch-britischen Produktion HALF OF A YELLOW SUN treten Schauspielgrößen wie Thandie Newton und Chiwetel Ejiofor in den Hauptrollen auf. HALF OF A YELLOW SUN ist absolut ein empfehlenswerter Film über den Bürgerkrieg in Nigeria in den 1960er Jahren, der anhand einer Liebes- und Familiengeschichte erzählt wird.

Ferner präsentierte Afrikamera in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Goethe-Institut in Johannesburg die Kurzfilmreihe AFRICAN METROPOLIS. Das städtische Leben in Abidjan, Kairo, Dakar, Johannesburg, Lagos und Nairobi wurde anhand unterschiedlicher Geschichten aufgegriffen. Der Fokus auf die Urbanität ist kein Zufall. Denn aktuellen Erhebungen zufolge lebt die Mehrheit der Bevölkerung des afrikanischen Kontinents in Ballungszentren. „Berea“ von Vincent Moloi, der Regisseur des südafrikanischen Beitrags, greift die sozialen Ängste eines alten Mannes jüdischen Glaubens auf, die er infolge einer Konfrontation mit einer schwarzen Prostituierten ablegen muss. Er begibt sich trotz innerer Ängste auf die Straßen Johannesburgs.

AFRICAN METROPOLIS

© AFRICAN METROPOLIS ist in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Goethe-Institut in Johannesburg auf der Afrikamera präsentiert worden. Sechs Kurzfilme über das städtische Leben wurden gezeigt. Doch mangelt es allen Produktionen an einer ausgereiften Spielfilmdramaturgie. In der Konsequenz dessen wird dem Zuschauer nicht klar, welche Botschaften die jeweiligen Filme an das Publikum herantragen wollen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die siebte Auflage des Filmfestivals Afrikamera ein voller Erfolg für die Initiatoren war. Denn noch nie war das Interesse der Öffentlichkeit so groß wie in diesem Jahr. Mit TIMBUKTU, MALAK und HALF OF A YELLOW SUN sind absolut sehenswerte Produktionen gezeigt worden, die in Storyaufbau, technischer Umsetzung und schauspielerischer Besetzung eindeutig überzeugten. Hingegen sind THE MISFIT und AFRICAN METROPOLIS weniger empfehlenswert, da beide erhebliche Mängel in der Spielfilmdramaturgie vorweisen. Aus diesem Grund können Zusammenhänge an die Zuschauer kaum vermittelt werden. Bei THE MISFIT kommen noch technische Defizite im Hinblick auf Kameraführung und Schnitt hinzu, sodass die visuelle und akustische Darbietung einer Kino-Präsentation nicht würdig ist. Im neuen Jahr sollte Afrikamera auf jeden Fall erneut bzw. generell besucht werden. Berlin ist um eine einzigartige Attraktion reicher geworden.

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