Berlinale-Doku „Coming of Age“

Vier Jugendliche aus dem Königreich Lesotho und ihre Lebensträume zwischen Tradition und Moderne

(Autoren: Serge Aka, Ghassan Abid)

„Coming of Age“ bezeichnet in der Entwicklungspsychologie das Heranwachsen eines Menschen, genauer gesagt den Übergang vom Kind zum Erwachsenen. In der gleichnamigen Doku unter der Regie von Teboho Edkins, die unter der Sektion Generation auf der Berlinale 2015 lief, sind vier Jugendliche aus Lesotho zu sehen. Der selbst im Königreich aufgewachsene Edkins begab sich ins Dorf Ha Sekake, um zwei Jahre lang die Teenager zu begleiten. Entstanden ist eine beeindruckende und 63 Minuten lange Dokumentation, die das Leben von ganz gewöhnlichen Jugendlichen aus dem südlichen Afrika und deren Träume beleuchtet. Das Publikum zeigte sich begeistert.

Coming of Age

© Der Regisseur Teboho Edkins begleitete zwei Jahre lang vier junge Menschen in Lesotho beim Erwachsenwerden. Entstanden ist eine beeindruckende und 63 Minuten lange Dokumentation, die der deutschen Öffentlichkeit einen Einblick in eine fremde Kultur gewährt. „Coming of Age“ fand große Aufmerksamkeit beim Publikum der Berlinale 2015. (Quelle: Screenshot/ Coming of Age)

Senate Mosothoane und Lefa Letsie sind zwei junge Mädchen, die extra für die Berlinale zum ersten Mal nach Europa gereist sind, um den Fragen der neugierigen Öffentlichkeit Rede und Antwort zu stehen. Die Festivalgäste wollten wissen, wie sie als Heranwachsende aus dem Bergkönigreich Lesotho die hektische Lebensrealität in Berlin empfinden? Was der Film in ihrem Leben verändert hat? Inwieweit sie sich vorstellen können, erneut vor die Kamera zu treten? Und wie sie die Rolle der Frau in ihrer Heimat bewerten? Fragen über Fragen und viele Handzeichen aus der Mitte des Publikums heraus, die sich diesem Prozedere anschließen wollten.

Dafür waren die Antworten der Gäste aus Lesotho kurz und bündig: Schauspielerei gerne, starke Heimatverbundenheit, Bekenntnis zur eigenen Tradition und Eindrücke von Berlin erst einmal verarbeiten müssen, um sich selbst eine Meinung von der neuen Umgebung bilden zu können. Edkins hielt fest, dass die beiden Mädchen mit ihrer Visite zum ersten Mal überhaupt ein Kino betreten haben. Doch als die Fragen kein Ende fanden, fühlten sich die Hauptprotagonistinnen spürbar unwohler. Edkins signalisierte der Moderatorin im Haus der Kulturen der Welt – dem Veranstaltungsort – zum richtigen Zeitpunkt den Abschluss der Fragerunde, die noch hätte lange gehen können.

Doku-Sequenz: Berge Lesothos als Heimat der Jugendlichen

Die Doku „Coming of Age“ und und die gemachten Statements in Berlin belegten, dass die Träume und Perspektiven junger Menschen in Lesotho nicht allzu sehr von denen deutscher Altersgenossen abweichen. Lediglich in der traditionellen Verbundenheit bestehen große Unterschiede. Religiosität und die Pflege von Brauchtum waren den Teenagern überaus wichtig. Sie haben sich dem jeweiligen sozialen Gefüge unterzuordnen. Lefa betonte, dass sie eine Frau ist und dementsprechend eine entsprechende soziale Rolle zu erfüllen habe.

Ebenso ging es den Jugendlichen um Verantwortungsbewusstsein. So hat der 15-jährige Protagonist Retabile regelmäßig die Schafsherde seiner Familie auf den Berghöhen Lesothos betreut. Sein Traum ist es, selbst eines Tages über diesen Reichtum zu verfügen und mit einer eigenen Herde durch die Lande zu ziehen. Im Gegensatz dazu möchte Senate ein Studium anfangen, sodass sie zwecks Schulbesuchs ihr Dorf Ha Sekake verlassen musste. Denn nur mit einer exzellenten Bildung könnten ihre Träume in Erfüllung gehen, hält die in Sesotho sprechende Minderjährige im Film fest. Dass sie dafür die Trennung von ihrer engen Freundin Lefa in Kauf nehmen musste, war ihr durchaus bewusst.

Doku-Sequenz: Senate und Lefa über Träume und Ängste

Teboho Edkins, der ein Kunststudium in Südafrika absolvierte und anschließend ein Stipendium in Frankreich  erhielt, favorisiert für sich das Filmgenre Dokumentation. Bereits bei seinem Vorhaben „Gangster Project“ legte Edkins großen Wert darauf, in eine für ihn unbekannte Welt einzutauchen und möglichst hautnah an den Protagonisten des Townships Bonteheuwel zu sein – trotz der Gefahren und Vorbehalte seiner besorgten Eltern. Mit „Coming of Age“ ist es dem jungen Regisseur gelungen, einzigartige Eindrücke aus einer zumindest für die deutsche Öffentlichkeit fremden Umgebung zu vermitteln.

Don Edkins, der Vater von Teboho Edkins, unterstützte erneut als Co-Produzent das jüngste Werk seines Sohnes. Entstanden ist ein zeitgenössischer Film, der absolut sehenswert und nur zu empfehlen ist. Das Berlinale-Publikum schien Blut geleckt zu haben. Sie wollen weitere Filme aus dem Hause Edkins sehen, die gesellschaftspolitische Themen im afrikanischen Kontext aufgreifen und über das wahre Leben von Menschen möglichst hautnah berichten. Gewiss ist, dass die Edkins – Senior und Junior – von sich hören lassen werden. Die Öffentlichkeit darf jetzt schon gespannt sein.

Doku-Sequenz: Brüder Retabile und Mosaku im Gespräch

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