„Meine Rache ist die Demokratie“

Das Verfassungsgericht bringt Stabilität in die Gesellschaft. Ein Gespräch mit Judge Albie Sachs

(Autor: Detlev Reichel, Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals)

Aus Anlass der 65. Internationalen Berliner Filmfestspiele im Februar zeigte die südafrikanische Botschaft den Dokumentarfilm „Soft Vengeance“. Der Streifen erzählt die Geschichte des Juristen und Freiheitskämpfers Albie Sachs. Der heute 80-jährige ehemalige Richter am südafrikanischen Verfassungsgericht war persönlich anwesend. Infolge eines Bombenanschlags 1988 in Maputo (Mosambik) verlor Albie Sachs seinen rechten Arm und erblindete auf einem Auge. Der Film befasst sich ausführlich mit diesem Anschlag und seinen Folgen.

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© Albie Sachs [rechts im Bild], ehemaliger Richter am Verfassungsgericht Südafrikas, im Gespräch mit Detlev Reichel [links], Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. (Quelle: Matthias Reichelt)

Der Anti-Apartheid-Aktivist und leidenschaftliche Jurist Sachs erläutert darin seine erstaunliche Haltung der „sanften Rache“. Er halte das Prinzip „Auge und Auge, Zahn um Zahn“ für falsch, um eine neue demokratische Gesellschaft aufzubauen. Vielmehr sei für ihn die demokratische Verfassung sowie die feste Installation demokratischer Institutionen im neuen Südafrika seine „sanfte Rache“ für die Verbrechen der Apartheid. Damit hätten sich alle Opfer im Kampf gegen die Apartheid gelohnt.

Der verstümmelte aber siegreiche Freiheitskämpfer trifft später sogar jenen Apartheid-Agenten, Henri van der Westhuizen, der seinen Mord geplant hatte und die Bombe hat legen lassen. Eine große persönliche Geste der Versöhnung.

Gefragt nach den Fällen des Folter- und Mordbeauftragten Eugene de Kock und dem Mörder von Chris Hani, Clive Derby-Lewis – der eine auf Bewährung frei, der andere noch im Gefängnis – sagt Albie Sachs im Interview, es gebe starke legale Gründe für eine Differenzierung zwischen den beiden:

Der große Unterschied ist, dass De Kock sich öffnet und über das informiert, was er getan hat. Er hat eine enorme Menge an Details geliefert und gleichzeitig Reue gezeigt. Er half auch dabei, vergrabene Leichen [getöteter Kämpfer] wiederzufinden. Derby-Lewis hat sich niemals entschuldigt, hat niemals sein Bedauern über seine Tat ausgedrückt, und er hat vor allem niemals die Wahrheit gesagt. Er besteht darauf, nur er und Walus seien beteiligt gewesen. Deshalb hat er keine Amnestie bekommen.

Albie Sachs ist seit frühester Jugend ein Liebhaber der Künste. Seinen Anregungen ist es zu verdanken, dass die Räume des Verfassungsgerichts in Johannesburg gleichzeitig eine Art Kunstausstellung beherbergen.

Wissend um die Kraft des Mediums Film war er Teil der Dokumentationsgruppe des ANC im Exil. Der Film spiele eine außerordentliche Rolle im Befreiungskampf, es gehe immer darum, „unsere Geschichte zu erzählen“. So habe er bei der Rückkehr in die Heimat Anfang der 1990er auch mit vielen Filmemachern gesprochen und sich für die Produktion von guten „Soapies“ eingesetzt, die „unsere Geschichte erzählen“.

Albie Sachs sieht sich als Botschafter all der Menschen, die durch das verbrecherische Apartheid-Regime traumatisiert sind. Hundertausende Menschen seien traumatisiert wie er, im Unterschied zu vielen anderen könne man es bei ihm auch sehen.

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© Albie Sachs mit Südafrikas Botschafter Makhenkesi A. Stofile. (Quelle: Matthias Reichelt)

In einem Gespräch mit dem Verfasser ging der ehemalige Verfassungsrichter auf die Bedeutung einer unabhängigen Justiz ein.

Die Richter in Südafrika sind unabhängig, sie werden nicht, wie beispielsweise in den USA, gewählt. „Diese Unabhängigkeit bedeutet, die Richter können klärende Entscheidungen treffen. Das ist besonders wichtig in einer sehr ungleichen Gesellschaft.“ Das gebe auch Raum für unpopuläre Ansichten, um Menschen, die nicht in der Mehrheit sind, zu ihrem Recht zu verhelfen. Die Justiz sei nicht nur dazu da, die Korrupten zu bestrafen. Es gehe auch darum, beispielsweise über integre Vorgehensweisen im Beschaffungswesen zu entscheiden.

Bezogen auf das Verfassungsgericht führt Sachs aus: „Es ist gut zu wissen, dass es diese Körperschaft gibt. Und die große Mehrheit der Richter am Verfassungsgericht ist schwarz. Viele von ihnen haben am Befreiungskampf teilgenommen, man kann also nicht einfach sagen, das sei die alte Garde. Die weißen Richter am Gericht haben früher auch gegen die Apartheid gekämpft. Es gibt auch neue Richter. Eine neue Denkweise und eine neue Verfassung. Ich meine, das Verfassungsgericht bringt viel Stabilität in unser Land, das sonst auseinanderreißen würde.

Besonderen Wert legt Sachs auf funktionierende demokratische Institutionen.

Die Institutionen spielen eine sehr große Rolle in der Gesellschaft. Und sie müssen für ‚alle Jahreszeiten‘ gut sein. Ich sorge mich, wenn ich sehe, dass diese Institutionen bedroht werden, und ich empfinde zugleich großen Stolz, wenn ich sehe, wie gut unsere Institutionen arbeiten und welche wichtige Rolle sie spielen.

Manchmal heißt es, die Institutionen seien zu schwach. Früher wurde der nationale Ombudsmann (Public Protector) als zu lahm kritisiert, heute sagen manche die derzeitige Ombudsfrau sei zu stark. Es geht aber um die Institution, nicht um die individuelle Person. Die Mandelas kommen und gehen, die Verfassung und ihre Institutionen bleiben bestehen.

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© Albie Sachs spricht in der südafrikanischen Botschaft in Berlin. (Quelle: Matthias Reichelt)

Interview with Judge Albie Sachs:

The ConCourt gives a lot of stability to our country that otherwise would be tearing itself apart

(Berlin, February 6, 2015)

Q. You just said in your speech, when young people ask for your advice, you tell them don’t listen to old guys like me…

Albie Sachs: (laughs) But it’s also saying, learn from what we did and make up your own mind.

Q. What would you tell young Afrikaners who are looking for role models? They get offers from Apartheid apologists like Dan Roodt or Steve Hofmeyr, who want to take them backward, not forward. Wouldn’t Afrikaners like Beyers Naudé and Bram Fischer be the better role models?

Albie Sachs: As for the importance of Beyers Naudé and Bram Fischer – these things are not ordained.

To be as heroic as Bram Fischer today wouldn’t really make sense. What makes a lot of sense is to understand Bram and the way he moved and his openness and how he was loved and how much the constitution owes to people like him, the non-racial vision. I worked very closely with Bram Fischer and I can speak personally how admirable he and his wife Molly, both of them, were.

Oom Bey I only got to know afterwards when he was very elderly. But the love and the affection of young black people for him and his courage and bravery were also tremendous.

But, maybe it isn’t just the heroic figures that people should look for. I, for example, was influenced by Uys Krige, the writer. He was really an Afrikaner, he played rugby, he loved the language, and he translated Shakespeare into Afrikaans. At the same time he was an international person, a person of the world. And he had an enormous impact on me. Listening to him talk on his visit to Europe, and about Lorca, the Spanish poet, in fact was the trigger that got me politically active. Because he linked up the soulfulness, the inwardness of poetry, which I loved, with the grand events of the world. I got that from an Afrikaner.

There are many other examples like that, people today, like Derek Hanekom who is doing excellent work quietly in government. He’s not a person of grand entrances.

Q. … or Antjie Krog, for example ….

Albie Sachs: Antjie is marvelous, as a person, as a poet, as an individual, as a writer. So there are many role models.

Q. How would you explain justice and reconciliation on the background of the release of Eugene de Kock and the continued freedom of Wouter Basson? De Kock is out on parole while Chris Hani’s assassin Derby-Lewis is still in jail and Dr. “Death” Basson gives the judiciary and the public the middle finger.

Albie Sachs: Let me first deal with De Kock and Derby-Lewis.

The big difference is, De Kock has opened up completely about what he did. He provided an enormous amount of detail and certainly expressed contrition and regret, but also helped in bodies being rediscovered. He made quite an important contribution in that way.

Derby-Lewis has, all the way through, never apologized, never expressed regret and never told the truth, insisting it was only him and Walus, the only two who were involved. That is why he was refused amnesty.

So there are strong legal grounds for differentiating between the two.

In the case of Basson, he was put on trial, the judge didn’t find him guilty. There were always problems of getting evidence, and the people who know about the secret activities, they stand together, they can have all sorts of motives. So it’s being difficult for the prosecution to get charges that would stick. Now Basson is facing being struck off the medical role. I cannot comment on that because the issue is going to court.

Each case is looked at on its own merit, and that is an important principle, not to generalize.

I wish more white South Africans appreciated the extraordinary generosity of the formerly oppressed people, and appreciated not only the generosity, but also how much whites still enjoy structural, institutional benefits. A lot of young whites are more open than their parents are. Others say we worked hard, we are working, Apartheid is gone, there doesn’t have to be any affirmative action, there doesn’t have to be any structural change.

Now, that is very unrealistic.

But, I do see signs of progress, of breakthrough all the time in every area of life in South Africa, from the sports to the creative arts to government, of course, and even the economy, even if it’s slow, I do see the advances.

Q. Sometimes I feel sorry for judges in South Africa. Politicians run to the courts, whenever they have a quarrel, saying “You judges solve this for us”. Aren’t politicians just lazy?

Albie Sachs: I disagree with you on that. Having the courts provides for two very important things: One is, you don’t have to fight in the streets and mobilise physical power. We have a very progressive constitution, a very sensitive one. And secondly it’s done in a coherent way by people who are not running for office. Because the judges are independent, they do not depend on getting votes. In the US they elect judges, that has a terrible effect on many of their decisions.

Being independent means that they can provide clearing answers. That is particularly important in a very diverse society. It allows for unpopular views for people who might not be in the majority to have their rights respected. It allows for the different languages to be respected in ways it wouldn’t happen otherwise. It allows for processes of transformation and reform to happen without people using the state to simply help themselves. To have a judiciary is not only to punish the corrupt but also to decide on procedures for procurement, on integrity.

Recently it’s about the anti-corruption unit, also known as the Hawks. The courts have pronounced that the Hawks are not independent enough. It’s unusual in many ways for courts to take a position like that. But they are very much respected in South Africa. So, I think the courts are playing an extremely important role.

Q. There was a court decision that Hawks chief Ahmat Dramat’s suspension by the Minister of Police was not lawful and Dramat must go back to work…

Albie Sachs: Yes, the court had ruled that the law that gave the minister power to decide this was unconstitutional. To put it simply: Part of the role of the Hawks was to investigate ministers and corruption in government. And if government itself could decide who will investigate them, the very purpose of having the Hawks couldn’t be maintained. That was the reasoning.

It is important to know that there is this body of people, and the great majority of judges in the constitutional court are black. Many of them have been in the struggle themselves for change, and you can’t simply say it’s the old guard. The white judges on the court also were fighting against Apartheid in the old days. There are new judges. A new mentality and a new constitution. I think, it gives a lot of stability to our country that otherwise would be tearing itself apart.

Q. The Dramat case to my mind doesn’t shed a favourable light on government…

Albie Sachs: Well, in every case you win some, you lose some. But, what has been notable so far is that government have accepted the rulings against them. Often they’ve been very upset, they see it as a setback, but so far constitutionality has ruled in South Africa.

The institutions play a huge role in society. And they’ve got to be for all seasons. I worry if I see any threats to the institutions, and I feel great pride when I see how well our institutions are working and the important role that they are playing.

Sometimes the institutions are criticized for being too feeble. The Public Protector before was criticized for being too weak, now some people say the Public Protector is too strong. It’s the institution that’s there, not the personality, not just individuals.

Mandelas come and go, the constitution stays on forever.

Eine Antwort zu “„Meine Rache ist die Demokratie“

  1. Der historischen Genauigkeit zu Liebe sei angemerkt, dass der Mordanschlag tatsächlich Indres Naidoo galt, der damals für den ANC in Maputo tätig war und der in der Regel das Fahrzeug, in dem die Bombe gepflanzt war, nutzte. Dies entspricht der Aussage des Henri van der Westhuizen, die auch im Film vorkommt.
    Indres Naidoo stand oben auf v.d.Westhuizens Liste der zu liquidierenden Freiheitskämpfer. Naidoo war nach zehn Jahren Gefangenschaft auf Robben Island ins Exil gegangen, um dort für die Untergrundstrukturen des ANC in Südafrika zu arbeiten. Offenbar mit Erfolg, womit er sich den besonderen Hass des Regimes in Pretoria zuzog.
    Diese Tatsache schmälert in keiner Weise das Leiden und die außerordentlichen Leistungen des Albie Sachs.

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