#RhodesHasFallen

Mehr als nur ein „Kampf um Statuen“

(Autor: Detlev Reichel, Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals)

Die Statue des stoisch in die Ferne blickenden Cecil John Rhodes, die 81 Jahre lang auf dem Campus der Universität von Kapstadt (UCT) stand, ist fort. Am frühen Donnerstagabend (9. April), um 17:30 Uhr hob der Kran den Sitzenden vom Sockel. Am Abend zuvor hatte der 30-köpfige Universitätsrat der UCT einstimmig beschlossen, das heftig umstrittene Sinnbild des britischen Imperialismus zu beseitigen.

Michael Walker

© Ganze 81 Jahre lang stand die Statue zu Ehren des britischen Unternehmers und Kolonialisten Cecil John Rhodes auf dem Campus der University of Cape Town. Gestern wurde diese nach wochenlanger Debatte entfernt. Sie sei ein Sinnbild des britischen Imperialismus, so die Studierendenschaft. Kap-Kolumnist Detlev Reichel schildert die Hintergründe und Folgen dieses historischen Ereignisses. (Quelle: M. Walker)

Dies ist der vorläufige Endpunkt einer studentischen Kampagne, die am 9. März mit einer spektakulären Aktion begann. Der Student Chumani Maxwele bewarf die Figur mit Fäkalien, die er zuvor in einem Eimer von Khayelitsha auf den Cape Flats bis zum vornehmen Rhodes Estate transportiert hatte.

Die University of Cape Town ist die älteste Universität des Landes und schmückt sich gern mit der Aura der Ehrwürdigkeit.

Die Studierenden fordern mit dieser Aktion die „Transformation“, d.h. eine Afrikanisierung der Universität. Ihre Kritik richtet sich insbesondere gegen die eurozentristische Ausrichtung von Lehre und Forschung. Wer sich dazu näher informieren möchte, dem sei die Lektüre des Berichts* des ugandischen Professors Mahmood Mamdani empfohlen. Mamdani war zwischen 1996 und 1998 Professor und Direktor am Zentrum für Afrikanische Studien der UCT und damit beauftragt, einen Grundkurs für alle Studierenden der Gesellschaftswissenschaften zu entwerfen. Er lief mit seinen Vorschlägen gegen Wände. Nach heftigen Auseinandersetzungen entband ihn die Universitätsleitung Ende 1998 von dieser Aufgabe. Eine seiner Schlussfolgerungen: „Students are being taught a curriculum which presumes that Africa begins at the Limpopo, and that this Africa has no intelligentsia worth reading. This version of Bantu education, of Bantu Studies called African Studies, is already being taught to every entering student in the social sciences (…).”

Daran scheint sich bis heute nicht sehr viel geändert zu haben. Der Eurozentrismus, so die Kritik der Studierenden, spiegele sich auch in der Besetzung von Stellen wider – vorwiegend weißes Lehrpersonal, wenig Schwarze und noch weniger schwarze Frauen.

Der Funke der UCT-Aktion sprang schnell auf andere Hochschulen Südafrikas über. Insbesondere die Studierenden der Rhodes-Universität in Grahamstown fordern eine Namensänderung, selbstverständlich verbunden mit der Transformation von Lehre und Forschung. Inzwischen kann man davon ausgehen, dass sich hierzulande eine Studenten-Bewegung formiert hat.

Universitäten sind keine „Inseln der Seligen“. In den Auseinandersetzungen an den Hochschulen spiegelt sich ein Teil gesellschaftlicher Realität wider. Es vergeht ja kaum ein Tag, an dem nicht über „service delivery protests“ in den Townships berichtet wird, nahezu die Hälfte der jungen Menschen ist arbeitslos, die Schere zwischen Arm und Reich geht weit auseinander und die Schüsse von Marikana hallen noch laut im Gewissen der Nation nach. Die wachsende Ungeduld und Unzufriedenheit eines großen Teils der Bevölkerung ist eine Realität, der man sich nicht verschließen kann.

Die „Fäkalien-Aktion“ an der UCT hat in den Medien, insbesondere den so genannten sozialen, ein nachhaltiges Echo entfacht. Mit Inbrunst und Leidenschaft wird über das historische und kulturelle Erbe hin und her, rauf und runter debattiert und gestritten.

Mit dem sicheren Gespür für medienträchtige Aktionen haben die Economic Freedom Fighters (EFF) inzwischen den „Kampf gegen die Symbole der weißen Vorherrschaft“ auf die eigene Fahne geschrieben. Commander in Chief Julius Malema bot seine EFF quasi wie ein Abbruchunternehmen an, das auf Anfrage die Statuen schleifen werde, selbstverständlich kostenfrei, „free of charge“, wie er betonte. Das erinnert doch stark an Bilderstürmerei.

Es dauerte nicht lange bis in anderen Teilen des Landes Standbilder von Vertretern des britischen und burischen Kolonialismus angegriffen wurden, vornehmlich mit Farbe. So stehen King George V. vor der Universität von KwaZulu-Natal in Durban und Louis Botha (Buren-General und später erster Premier der Südafrikanischen Union) vor dem Parlament in Kapstadt, jetzt ziemlich bekleckert da.

Doch das prominenteste der Denkmäler ist das stattliche Paul-Kruger-Standbild auf dem Church Square im Zentrum von Pretoria. Das Abbild dieses bärbeißigen Präsidenten der Zuid-Afrikaanschen Republiek (später Transvaal) wurde ebenfalls mit Farbe beworfen. Nun ist Paul Kruger für hartgesottene Buren das, was Mandela für die schwarze Mehrheit darstellt – erster Buren-Präsident und Herausforderer des britischen Weltreiches. Der Gegenprotest ließ nicht lange auf sich warten. Flankiert von Männern in der Uniform des burischen Kommandokorps aus Apartheidzeiten zog Steve Hofmeyr, umstrittener Afrikaans-Barde und Apartheid-Apologet („Blacks are the architects of Apartheid“) vor dem Kruger-Denkmal auf. Hofmeyr meint, die Forderung nach dem Abriss von den Statuen liege am Analphabetismus. Seine Sangesschwester Sunette Bridges forderte die Verhaftung Julius Malemas und dann sangen sie „Die Stem“, die alte Nationalhymne aus Apartheidzeiten. In Kapstadt ketteten sich unterdessen Mitglieder einer Front National und anderer Organisationen am Denkmal des Jan van Riebeeck an.

So entfaltet sich langsam und recht medienwirksam eine Art „Kampf um die Statuen“. Auch dabei geht es, wie an den Unis, im Kern um symbolische Aktionen für bzw. gegen eine weitergehende Transformation der Gesellschaft. Nach einundzwanzig Jahren Demokratie in Südafrika stellt sich allerdings die Frage, wie weit der anfangs erreichte gesellschaftliche Konsens hält, um die noch bestehenden Bastionen weißer Vorherrschaft, vor allem in der Wirtschaft, aufzubrechen.

* Lektüre des Berichts des ugandischen Professors Mamdani (PDF-Datei)

3 Antworten zu “#RhodesHasFallen

  1. Pingback: Kap-Kolumne: Ah! Zwelonke – Folklore oder mehr? | SÜDAFRIKA - Land der Kontraste

  2. Irgendwie ist der Text verschwunden.
    Hier also der Ausszug aus den City-Press-Bericht, in dem auch der Minister für Hochschulen und Weiterbildung, Blade Nzimande, zitiert wird:

    „Zuma said although they are not the most welcome sights, the statues formed an important part of our history and that the government was working to move them to more suitable locations.
    ‚When you read a history book and you come across a painful page, you do not just rip it out.‘
    Blade Nzimande also weighed in on the statues, which have been an increasing point of conflict in the country over the past few weeks.
    ‚We should not destroy them; we should build apartheid parks where people can walk through and see that is Cecil John Rhodes and this is what he did.‘
    Zuma said the ANC government was already hard at work, trying to rebuild a shared history that reflects its people but does not do away with its history.
    ‚The programme of transformation has already begun. At the Union Buildings we have replaced a man on a horse with that of Nelson Mandela.‘
    He went on to say that the project of building heritage sites and memorials which reflect the history of South Africa was an ongoing one.“

  3. Inzwischen hat Präsident Jacob Zuma sich, erstmals, zu dem „Denkmal-Konflikt“ geäußert. In seiner Rede zur Eröffnung der Chris-Hani-Gedenkstätte in Boksburg, östlich von Johannesburg, sagte Zuma (Auszug aus dem Bericht in City Press online):
    <>

    (Anlass der Veranstaltung auf dem Thomas-Nkobi-Friehof in Boksburg: Vor 22 Jahren wurde der populäre Politiker Chris Hani, Generalsekretär der SACP und ehemaliger Oberkommandierender von uMkhonto weSizwe, dem bewaffneten Arm des ANC, vor seinem Wohnhaus in Boksburg ermordet. Der Meuchelmörder und sein Auftraggeber sitzen im Gefängnis.)

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