Durban im Ausnahmezustand

Tausende Ausländer flüchten nach fremdenfeindlichen Angriffen. Mehrere Menschen bereits getötet

(Autor: Ghassan Abid)

Die Lage in Durban ist außer Kontrolle geraten, nachdem auf vielen Straßen der Stadt und in der Umgebung Jagd auf afrikanische Ausländer gemacht wird. Vor allem auf Mitbürger aus Ostafrika und Simbabwe hat es der Mob abgesehen. Etliche Läden von Ausländern wurden bereits geplündert und angezündet. Ebenso sollen Menschen lebendig verbrannt worden sein. Die Regierung in Pretoria erklärt nun die erhöhte Alarmbereitschaft in der KwaZulu-Natal-Provinz. Die Polizei wird massiv aufgestockt.

IFRC

© Im Osten Südafrikas wird zurzeit Jagd auf Ausländer gemacht, nachdem der Zulu-König Goodwill Zwelithini vor zwei Wochen ihre Deportation forderte. Ähnlich wie 2008 in Johannesburg [im Bild], befinden sich erneut tausende Ausländer aus afrikanischen Staaten auf der Flucht vor dem Mob. (Quelle: flickr/ IFRC)

Zurzeit beraten die drei südafrikanischen Minister der Ressorts Inneres, Polizei und Nachrichtendienste vor Ort über die Lage. Sie sollen die Provinzregierung von KwaZulu-Natal dabei unterstützen, die weitere Gewalt einzudämmen und so viele Unruhestifter wie möglich ausfindig zu machen sowie festzunehmen. Dutzende Südafrikaner wurden bereits verhaftet. Allerdings sind die Behörden mit der aktuellen Situation in Durban sichtlich überfordert. Tausende im Osten Südafrikas lebende Ausländer aus verschiedenen afrikanischen Staaten befinden sich gegenwärtig auf der Flucht. Deshalb werden nun Flüchtlingsunterkünfte errichtet.

Omar

© Omar war bis gestern ein zufriedener Ladenbesitzer in Durban, der sich über die Runden bringen konnte. Doch der aus Äthiopien stammende Geschäftsmann ist nun arbeits- und mittellos, nachdem sein Laden niedergebrannt wurde. Er solle in seine Heimat zurückkehren, hieß es vom Mob. Allerdings verriet er einem Blogger, dass er in Äthiopien nichts mehr habe und dementsprechend nicht heimkehren könne. (Quelle: Privat)

Dabei wurde die aktuelle Fremdenfeindlichkeit, die bereits vor zwei Wochen ihren Anfang nahm, durch den populären Zulu-König Goodwill Zwelithini ausgelöst. Er hielt auf einer Veranstaltung in der Stadt Pongola fest, dass die Ausländer unverzüglich Südafrika verlassen sollten. Edward Zuma, der älteste Sohn von Präsident Jacob Zuma, stimmte dieser xenophoben Aussage zu. Ausländer seien „tickende Zeitbomben„, so der Geschäftsmann. Allerdings ruderte der Zulu-König nach starker öffentlicher Kritik zurück. Aktuell appelliert der Monarch an den Mob, die Gewalt gegen Ausländer unverzüglich zu stoppen.

Die aktuellen Ausschreitungen erinnern an die Gewaltspirale aus dem Jahr 2008. In Alexandra, einem der ältesten Townships von Johannesburg, begann eine bis dahin kaum vorstellbare Welle der Aggression. Die Gewalt schwappte daraufhin auf andere Stadtteile von Johannesburg und später auf viele weitere südafrikanische Städte über. Insgesamt wurden 62 Menschen getötet.

Unbestätigtes Augenzeugenvideo vom 14. April 2015

Nächtlicher Polizeieinsatz in Durban am 14. April 2015

Polizei positioniert sich in der Innenstadt am 14. April 2015

10 Antworten zu “Durban im Ausnahmezustand

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  7. Naja, auch ich bin gegen Gewalt und erst recht gegen Mord und totschlag, aber dass die Einheimischen Südafrikaner, die in Städten wie Durban eine Arbeitslosenquote von fast 40 Prozent haben und seit über 50 Jahren von jeder regierung, egal ob Weiße oder Schwarze wie Scheiße behandelt werden eines Tages mal die Nase voll haben, darüber darf man sich nicht wundern!
    Nur schade dass sich der Hass und die Wut nicht auf leute wie den Zulu König richtet, der ist Millionär obwohl er noch nie richtig gearbeitet hat!! Gleiches gilt auch für Edward Zuma, der wie sein Vater nur ein Versager ist der sich auf Kosten des einfachen Südafrikaners ernährt!!
    Das Problem mit Südafrika ist, dass seit 100 Jahren und noch länger eine kleine Elite, egal ob Briten, Buren und seit 1994 die Schwarze ANC Mafia das Land und seine Bürger gnadenlos ausbeuten und die Bürger sich nicht dagegen wehren!!!

    • Detlev Reichel

      Lars, Sie haben Recht, wenn Sie auf die horrende Arbeitslosenquote hinweisen und auf die Ausbeutung der Arbeiter. Aber schütten Sie mit ihren Rundumschlag nicht das Kind mit dem Bade aus? Die Ausbeutung betrifft schkließlich alle Arbeiterinnen und Arbeiter, egal wo sie herkommen, egal welcher Hautfarbe.
      Es sind die „Arbeitgeber“, d.h. die privaten Unternehmen, die lieber billige Arbeitskräfte einstellen, Und das sind in vielen Fällen Migranten. Diese Unternehmens-„Kultur“, die ausschließlich der Profitmaximierung dient, ist, m.E, Teil des Wanderarbeitersystems, das mit dem Aufstieg der Minenindustrie im 19. Jh. eingeführt und bis heute nicht wirklich abgeschafft wurde.
      Dass sich nun die Frustration und die Wut der Menschen in Pogromen gegen Migranten entlädt hat vielfältige Ursachen. Da müssen sich nahezu alle an die Nase fassen – die Regierung, die Parteien, die Gewerkschaften, die Kirchen, die Zivilgesellschaft. Für Pogrome gibt es keinerlei Rechtfertigung.
      Es ist daher gut, dass die Zivilgesellschaft in kürzester Zeit spontan eine Massen-Demo, einen Friedensmarsch von Tausenden Menschen aus dem ganzen Land in Durban (am Donnerstag) auf die Beine gestellt hat. Das läßt doch hoffen.
      Mit der Staatsgewalt, sprich: Polizei, Aufklärung, Armee, kann vielleicht der Mob kurzfristig beherrscht werden, aber den Ursachen der Pogrom-Stimmung ist damit nicht beizukommen. Dazu braucht es politischen Willen und politisches Handeln.
      Die Rede des südafrikanischen Innenminister Malusi Gigaba im Parlament gestern weist in diese Richtung.
      Und: Der König mag eine anachronistische Einrichtung sein – vor allem aus eurozentristischer Sicht -, aber die so genannten traditionellen Führer spielen nun mal eine gewichtige Rolle im Alltag der südafrikanischen Gesellschaft, insbesondere auf dem Land. Deshalb ist es gut, dass nach Gesprächen mit der Regierung, insbesondere mit Innenminister Gigaba, der König für Montag ein Imbizo, einen Großen Ratschlag, eine Versammlung in einem Stadion in Durban einberufen hat. Man kann gespannt sein und hoffen, dass der Monarch der Vernunft das Wort redet und seine unverantwortlichen Äußerungen zurücknimmt.

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  9. Detlev Reichel

    Was sich in KwZulu-Natal abspielt ist mehr als besorgniserregend. Die Fremdenangst (Xenophobie) und die daraus entstehende militante Ausländerfeindlichkeit sind Ausdruck der extremem Unzufriedenheit und von Existenzängsten im Lande. Diese Unzufriedenheit und die Existenzängste von Millionen sind die wirklichen „tickenden Zeitbomben“, die von Leuten wie König „Badwill“ Zwelithini und Herrn Edward Zuma gezündet werden, wenn sie mit dem Finger auf Ausländer zeigen.
    Es ist wie in Deutschland auch: Ausländerkritische und -feindliche Reden von Politikern dienen nicht nur der Ablenkung von den wirklichen Problemen der Gesellschaft, sondern sind oftmals Stichworte für den Mob, endlich losschlagen zu dürfen.
    Entsetzt bin ich, als ich heute in einem Radio-Interview höre, wie die Verteidigungsminsisterin von Südafrika, Nosiviwe Mapisa-Nqakula, den König verteidigte. Auf die Frage des Moderators Xolani Gwala, ob König Zwelithini mit seinen Äußerungen nicht aktiv zur Menschenjagd in Durban beigetragen habe, sagte die Ministerin, der König habe ja nicht dazu aufgerufen, Ausländer zu verjagen, sondern er habe lediglich gesagt, sie sollen ihre Sachen packen und gehen. Der Moderator war nahezu sprachlos, und auch nach mehrmaligem Nachhaken bestand die Ministerin darauf, dass der König keine aufwieglerische Rede gehalten habe.
    Ich finde, sowohl der König als auch Herr Edward Zuma sollten sich vor der Human Rights Commission (HRC) wegen aufwieglerischer Hetzreden verantworten.

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