Kap-Kolumne: Ah! Zwelonke – Folklore oder mehr?

Jacob Zuma inthronisiert Mpendulo Zwelonke Sigcawu – den König des AmaXhosa-Stammesgebiets

(Autor: Detlev Reichel, Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals)

Ein historisches Ereignis ist es zweifellos. Nach 50 Jahren wird erstmals ein König der Xhosa-Nation offiziell eingeschworen und auf den Thron gehoben. Und dies von den Organen einer konstitutionellen Demokratie, deren Verfassung global als vorbildlich gilt.

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© Am 15. Mai 2015 wohnte Südafrikas Staatspräsident Jacob Zuma der Krönung des Xhosa-Königs König Mpendulo Zwelonke Sigcawu bei [Beide im Archivbild zu sehen]. Kap-Kolumnist Detlev Reichel beleuchtet die Hintergründe zur Verflechtung von konstitutioneller Demokratie und traditionell-feudalen Herrschaftsstrukturen. (Quelle: flickr/ GovernmentZA)

König Mpendulo Zwelonke Sigcawu ist ein Nachfahre des legendären Xhosa-Königs Hintsa, der am 12. Mai 1835 von britischen Kolonialtruppen getötet wurde. Fast auf den Tag genau nach 180 Jahren, am 15. Mai 2015, sagt Präsident Jacob Zuma in seiner Krönungsrede, diese Zeremonie kennzeichne das Ende einer schmerzhaften Ära der kolonialen Unterwerfung und Unterdrückung. Das Ereignis sei der Beginn einer neuen Epoche für die Afrikaner.

Der Krönungszeremonie auf dem Großen Platz Nqadu bei Willowvale in Eastern Cape gingen langjährige Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Clans voraus, wer die rechtmäßigen Thronerben seien. Die demokratische Regierung in Pretoria setzte sogar eine Kommission ein, um die Rechtmäßigkeit der verschiedenen traditionellen Abstammungs- und Führungsansprüche zu untersuchen und zu klären. Im Jahr 2010 schließlich einigten sich die beiden Hauptkontrahenten, der AmaRharhabe-Clan und der AmaGcaleka-Clan, auf den heute 47-jährigen Zwelonke Sigcawu von der königlichen AmaGcaleka-Familie.

Politiker, Vertreter von Königshäusern sowie Geschäftsleute aus der ganzen Welt, vor allem aber aus Afrika, waren angereist. Der südafrikanische Bergwerksmagnat Patrice Motsepe versprach einen landwirtschaftlichen Entwicklungsfonds von 15 Millionen Rand einzurichten. Die Provinz Eastern Cape ist bekanntlich eine der ärmsten Regionen in Südafrika. In seiner Antrittsrede bat der frisch gebackene König auch den Staatspräsidenten um Hilfe: „Mr President, my people are poor and hungry; they have no jobs, no security, no proper education. They are unemployed and depend on social grants.

Historisches Unrecht

Südafrika ist eine Republik. Die Anerkennung der traditionellen Strukturen durch die republikanische Verfassung erklärt sich aus der Kolonialgeschichte des Landes. Die Kolonialmächte Niederlande und England nutzten die gewachsenen Strukturen der afrikanischen Gesellschaften für ihre Kolonialinteressen, verfuhren dabei willkürlich und gnadenlos. Könige und Hauptleute (Chiefs) wurden bestochen, Widerständige abgesetzt und physisch vernichtet, Willfährige eingesetzt. Dieses Muster setzte die Apartheid-Regierung (1948 – 1994), die sich gern als „republikanisch“ und anti-royal darstellte, mit ihrer „Homeland“-Politik fort, wo sie willfährige „Regierungen“ einsetzte.

Indessen tat die industrielle Entwicklung Südafrikas das ihre, um die afrikanischen Gesellschafts- und Familienstrukturen zu zerstören. Die intensive Ausbeutung der Rohstoffe wurde durch das System der Wanderarbeit ermöglicht. Diese Entwicklung ist insbesondere mit dem Namen Cecil John Rhodes verbunden. Die so genannten Stammesgebiete, zugewiesen von der Kolonialmacht, funktionierten als Reservoir billiger Arbeitskräfte für die Diamanten- und Goldbergwerke, später kommen bekanntlich zahlreiche weitere wertvolle Mineralien hinzu. Während die arbeitsfähigen Männer ein ganzes Jahr lang in den Minen schuften, vegetieren ihre Familien in den Reservaten dahin. Das Apartheid-Regime „verfeinerte“ dieses System dahingehend, dass die „Bantustans“ die Kosten für die gesamte soziale Reproduktion der Arbeiter zu tragen hatten.

Das historische Unrecht an den traditionellen afrikanischen Gesellschaftsstrukturen richtigzustellen, hat sich die demokratische Regierung auf die Fahnen geschrieben. Dabei betritt sie allerdings ein gesellschaftliches Spannungsfeld von nicht unerheblicher Sprengkraft. Die kurz angerissene industrielle Entwicklung hat zwangsläufig ein industrielles Proletariat und in den wenigen post-Apartheidjahren verstärkt städtische Mittelschichten hervorgebracht, die sich von den traditionell-feudalen Strukturen nicht mehr vertreten fühlen. Die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Metropolen Südafrikas können mit den „Royals“ nicht mehr viel anfangen. Sie betrachten das zwar respektvoll, aber doch vor allem als Folklore, als traditionelles Brauchtum. In ihrem realen Leben spielt das alles keine Rolle mehr.

Ein Beispiel für dieses Spannungsfeld ist auch der umstrittene Gesetzesentwurf über die traditionelle Gerichtsbarkeit in den ländlichen Gebieten. Dieses Gesetz würde faktisch zwischen 17 und 21 Millionen Menschen in Südafrika ihrer Verfassungsrechte berauben, indem es ein gesondertes juristisches System (im alten Sprachbrauch: „Stammesrecht“) für die ländliche Bevölkerung schafft.

Der historische Kompromiss, den die Autoren der Verfassung Südafrikas mit den traditionell-feudalistischen Strukturen eingegangen sind, kommt dem demokratischen Staat und damit dem Steuerzahler teuer zu stehen. Viele politisch bewusste Bürgerinnen und Bürger, besser: Citoyens, kritisieren die hohen Geldsummen, die die Könige und Chiefs jährlich den Staatssäckel kosten. Mit 55 Millionen Rand in Jahr wird beispielsweise allein der König der Zulu-Nation, Zwelithini, alimentiert. Der stellt sich dann auch noch als König Nimmersatt heraus. Im vergangenen Jahr erklärte er sich für pleite; er könne nicht einmal mehr Lebensmittel für seine sechs Frauen und 27 Kinder einkaufen. Vielleicht hat Zwelithini seinen Nachbarn, den letzten absolutistisch regierenden König Afrikas – Mswati III. von Swasiland – vor Augen, der jährlich 60 Millionen US-Dollar für sich verbrät?

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