Hunderttausend Gangmitglieder am Westkap

Numbers Gangs, Americans, Hard Livings und Co. – kriminelle Banden kontrollieren ganze Gegenden

(Autor: Ghassan Abid)

An Brutalität sind die Männer der sogenanten „Numbers Gangs“ kaum zu übertreffen. Sie greifen notfalls nach einer Zahnbürste, um einen Menschen zu töten. Die Mitglieder dieser straff organisierten Vereinigungen sind einem hierarchischen System untergeordnet, das einer militärischen Rangordnung ähnelt. Je mehr tätowierte Sterne man auf den Schultern hat, desto höher ist die eigene Machtbefugnis. Die höchsten Gang-Mitglieder bezeichnet man als „Generäle“. Ihre Aufträge – ob Mord, Raub oder Vergewaltigung – werden umgehend umgesetzt. Die Bevölkerung lebt in großer Angst.

DFID

© Die Numbers Gangs (26, 27 und 28er), Americans und Hard Livings sind die größten und einflussreichsten Banden in Südafrika. Sie haben längst die Kontrolle über ganze Gegenden an sich gerissen. Der Staat erscheint bei mittlerweile über hunderttausend Gangmitgliedern allein am Westkap machtlos. (Quelle: flickr/ DFID)

Mit dem Drogenhandel in den Townships am Westkap verdienen sie ihr Geld. Ebenfalls ist die Rede von Zwangsprostitution. Wie viel Umsatz erwirtschaft wird, ist unklar und keiner Statistik zu entnehmen. Dafür ist bekannt, dass es den Numbers Gangs nicht an Nachwuchs mangelt. Ganz im Gegenteil – sie wachsen stetig weiter, angetrieben von der alltäglichen Perspektivlosigkeit heranwachsender Männer. Die meisten Gefängnisse in Südafrika sollen nach Einschätzung von Experten längst unter der Kontrolle der Numbers Gangs stehen. Der übliche Insassen-Transfer hat diesen Zustand begünstigt. Längst wirken die Behörden jedes mal wie gelähmt, wenn erneut ein Gefängniswärter von einem Mitglied dieser kriminellen Vereinigungen attackiert wird.

Es gehört zum Gangster-Dasein dazu, dass im Rahmen eines Befehls ein Justizbeamter verletzt oder getötet werden soll. Wer sich der Order aus welchen Gründen auch immer zu entziehen versucht, der wird knallhart bestraft – Gruppenvergewaltigungen, Mordversuche oder dauerhafte Erniedrigungen stehen dann auf dem Programm. Die Dokumentation des britischen TV-Journalisten Ross Kemp, der die Numbers Gangs im Pollsmoor-Gefängnis im Süden Kapstadts persönlich aufsuchte, sorgte im Jahr 2007 für internationale Aufmerksamkeit und Bestürzung über die desolaten Verhältnisse in den Justizvollzugsanstalten am Kap.

Insgesamt gibt es drei verschiedene Numbers Gangs, die jeweils für bestimmte Aufgabenbereiche zuständig sind. Während die 26er Geld mit illegalen Geschäften machen und dieses einsammeln, wachen die 27er über die Ordnung in den Gangs. Sie verstehen sich auch als Vermittler. Die 28er hingegen sind für die Gewaltausübung zuständig und dem traditionellen Verständnis nach die einflussreichste Gruppierung aller Numbers Gangs. Letztendlich sind die drei Gangs aufeinander abgestimmt. Ferner gibt es in jeder Einzelnen die sogenanten „Generäle“, die die jeweilige Befehlsgewalt ausüben. Allerdings kam es auch schon mal vor, dass in den Gefängnissen die 28er durch die 26er geputscht wurden. Doch bleibt dies der Ausnahmefall.

Experten beobachten eine Zunahme von Gangaktivitäten in den dicht besiedelten Gebieten und sozialen Brennpunkten Kapstadts. Manenberg, Elsies River, Mitchells Plain, Parkwood, Khayelitsha und Nyanga werden in diesem Zusammenhang aufgezählt, so ein szenekundiger Beobachter gegenüber der Redaktion von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“, der namentlich nicht genannt werden möchte. Die Premierministerin des Westkaps, Helen Zille, gestand sich in der Vergangenheit öffentlich ein, dass die Polizei überfordert sei. Dementsprechend müssten dauerhaft Militärs eingesetzt werden. Erschreckend ist der Umstand, dass nun verstärkt auch Zehnjährige von den Gangs angeworben werden.

Man befindet sich im Krieg. Die Feinde sind rivalisierende Gangs und die Polizei. Dementsprechend engagiert sich das „Centre for Conflict Resolution“ mit Sitz in Kapstadt seit 2012 für eine stärkere Präventionsarbeit an den Schulen, um Kinder vor den Gefahren der Gangs zu warnen. Jedoch verzeichnen auch andere kriminelle Gruppierungen wie die Americans, Hard Livings und Mongrels steigende Mitgliederzahlen. Die Polizei geht von hunderttausend Gang-Mitgliedern allein am Westkap aus, die in rund hundert Banden organisiert sind. Der Staat wirkt überfordert und die Öffentlichkeit bleibt über viele Hintergründe bisweilen ungenügend informiert. Zudem manifestiert sich das Gerücht, dass die Hard Livings mit der italienischen Mafia im Kokaingeschäft zusammenarbeiten. Die Lage ist längst außer Kontrolle geraten, zumal der US-Auslandsgeheimdienst CIA das südlichste Land Afrikas zum internationalen Drogenumschlagplatz erklärt hat.

8 Antworten zu “Hunderttausend Gangmitglieder am Westkap

  1. Pingback: „taff“ berichtet über Schattenseite Kapstadts | SÜDAFRIKA - Land der Kontraste

  2. Hatte Südafrika diese Probleme eigentlich auch unter de Klerk ?

    • Gangs und Gangster gab’s schon unter Jan Smuts – und ebenso unter allen seinen Nachfolgern.
      Hier (http://bit.ly/1Gx9fuo) ist ein interessanter Artikel über strukturelle Gewalt in Südafrika vor dem Hingtergrund des Marikana-Massakers. Auch wenn Marikana nicht mit dem Thema Gangster und organisierte Kriminalität gleichgesetzt werden kann, so sind die Aussagen über strukturelle und individuelle Gewalt auch in diesem Zusammenhang gültig.

  3. Dass die Hard Livings mit der Mafia aus Italien kooperieren ist kein Gerücht, sondern die Wahrheit!! Außerdem weiß selbst der dümmste Polizist am Kap, dass die Gangs auch mit den Triaden und Russen, aber vor allem mit den Gangs aus Nigeria zusammenarbeiten! Gerade die Nigerianer haben ein großes, gut koordiniertes Netzwerk, dass von Nigeria aus bis nach Südafrika reicht und auch in Europa, vor allem in Großbritannien und Südamerika sich ausstreckt! Korrupte Polizisten, die an die Gangs beschlagnahmtes Geld, Waffen und Drogen zurück verkaufen, tun ihr übriges dazu! Die Politik ist, egal ob Helen Zille oder Jacob Zuma ebenfalls korrupt und unfähig bis zum geht nicht mehr! Deshalb wird es mit Südafrika auch Berg runter gehen und NIE mehr bergaufwärts!!! Den um Südafrikas Probleme zu lösen müsste man entweder Millionen gut bezahler Jobs schaffen und gleichzeitig die Bevölkerung massiv ausbilden, was utopisch ist, oder …

    ### Kommentar wurde wegen Unsachlichkeit gekürzt, die Redaktion ###

    • Lars ist ein zorniger junger Mann.
      Eine gute Schulbildung für alle sollte nicht „utopisch“ sein, Das ist machbar, zumal es nicht am Geld dafür mangelt. Volksbildung wie Gesundheitswesen sind die vornehmsten Aufgaben des Staates. Eine gute Bildung und Ausbildung darf jedoch nicht zur Ware werden, d.h. nur für diejenigen erreichbar, die gut dafür bezahlen können. Bildung als Ware ist kontraproduktiv. (Gilt auch für’s Gesundheitswesen.)
      Die Sache mit den gutbezahlten Arbeitsplätzen ist schon schwieriger, denke ich, denn dazu müssen die privaten Unternehmen willens und in der Lage sein – in der so genannten freien Marktwirtschaft ist die Arbeitskraft schließlich eine Ware. Der Staat schafft keine Arbeitsplätze (außer im öffentlichen Dienst, und der hat bereits einen viel zu großen Wasserkopf).

  4. Mit Jacob Zuma, dem Vater der Koruption, fühlen sich in Südafrka die Gangster der Erde sicher und gut aufgehoben!!

    • Lieber Wolters, man kann nun wirklich nicht alles dem Jacob Zuma anlasten! Diese refelexartige Schuldzuschiebung ist zu einer politischen Unart geworden.
      Die Gangster-„Kultur“ gibt es seit vielen Jahrzehnten in den Townships von Johannesburg und in Kapstadt. Sie geht einher mit der Arbeitslosigkeit, die das vorherrschende Wirtschaftssystem zwangsläufig produziert. Die organisierte Kriminalität ist schließlich auch nur eine Art des Unternehmertums (entrepreneurship), die der Kapitalismus hervorbringt.

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